Historische Serie

Der streitbare Radmacher von Rethem (Teil 1)

Alte Ortsansicht circa von 1925: die Ratskeller-Kreuzung mit Blick auf die Lange Straße Richtung Alpe-Brücke
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Die Ratskeller-Kreuzung mit Blick auf die Lange Straße Richtung Alpe-Brücke. Der inzwischen abgerissene Ratskeller wurde ab 1925 um den Saalbau erweitert.

Über zwei Jahre ging der Rechtsstreit in Rethem, der zur Mitte des 19. Jahrhunderts gleich mehrere Instanzen beschäftigte.

  • Radmacher Johann Friedrich Kolß stellte einen Antrag auf die Bebauung einer Hofdurchfahrt.
  • Die behördliche Ablehnung mochte Kolß so nicht akzeptieren.
  • Sein Gang durch die Instanzen bis hin zum Königlich Hannoverschen Innenministerium begann.

Rethem – Der Alt-Rethemer Wilfried Schnabel, geboren 1967, schreibt in mehreren Teilen über einen kuriosen Rechtsstreit, der 1842 begann und erst 1844 endete. Es ging um die Bebauung einer Hofdurchfahrt in Rethem.

Man mag über den aktuellen Streit um die Grillhütte in Rethem denken, was man will. Über Vorstellungen und Entscheidungsverfahren von Baumaßnahmen scheiden sich seit jeher die Geister. Das zeigt ein Blick in das Jahr 1842. Der Bauantrag für eine kleinere Maßnahme im Ort beschäftigte mehrere Instanzen, hatte einen Nachbarschaftsstreit und Denunziation zur Folge und wurde schließlich erst nach zweieinhalb Jahren an höchster Stelle vom Königlich Hannoverschen Innenministerium abgelehnt.

Die Winkelgasse der Radmacher

Dort, wo heute der Verkehr auf der Bundesstraße durch Rethem braust, war Mitte des 19. Jahrhunderts, hinter der Ratskellerkreuzung, kurz vor der Alpe, für den Durchgangsverkehr fast Schluss. Hier lag der so genannte „Roamakerwinkel“, man könnte auch sagen, die Winkelgasse der Radmacher.

Und hier, fast direkt neben dem nun ehemaligen Ratskeller, auf der Bürgerstelle 17, heute Lange Straße 23, lebte und arbeitete der Radmacher Johann Friedrich Kolß. Er war der Onkel von Chr. Ludwig Ahrbeck, dem späteren Rethemer Bürgermeister (von 1850-1880) und der Bruder von Heinrich Christian Kolß, der das Relief des Wappenlöwen entworfen hatte, das 130 Jahre über dem Ratskellereingang hängen sollte.

Wiederbebauung nach Stadtbrand abgelehnt

Im Niedersächsischen Landesarchiv in Hannover findet sich unter NLA HA, Hann. 74 Ahlden, Nr. 2114 folgender Vorgang: Im Mai 1842 stellte Friedrich Kolß den Antrag, den schmalen Gang neben seinem Gebäude an der Langen Straße bebauen zu dürfen. Nach Eingang des Gesuchs wurde Hausvoigt Graff vom Amtmann Rasch beauftragt, den Fall zu untersuchen. Da eine Wiederbebauung des Ganges nach dem Stadtbrand von 1834 gegen die Bauvorschriften verstieß, lehnte das Amt den Antrag des Radmachers im August ab.

Kolß gab nicht auf. Sein Nachbar Wiegers hatte unmittelbar bis zur Grundstücksgrenze bauen dürfen und er nicht? Die Landdrostei Lüneburg fragte im September 1842 beim Amt Rethem genauer nach, um sich vor Ort ein Bild machen zu können. Rasch beauftragte wieder den Hausvoigt Graff.

Nummer 11206 an Königliches Amt Rethem zum Berichte: „Der Herr Hausvoigt wird hierdurch beauftragt, unter Benutzung des ihm ohnlängst mitgeteilten Bauplans, und unter Zuziehung eines Sachverständigen sich über den Inhalt des beigehändigten Gesuches gutachtlich zu äußern.“ Amt Rethem 29. Sptbr 1842, [gez.] Rasch.“

Amt hat Verständnis für den Antragsteller

Das Amt Rethem reagierte darauf zwar mit Verständnis für Kolß, lehnte aber im Sinne des Gemeinwohls ab und berief sich auf die geltende Bauverordnung: „Wenngleich es für Kolß sehr wünschenswert ist, sein Haus durch Benutzung dieses nach dem Bau Regulativ vom Jahre 1834, unbebaut zu lassenden Ganges zu vergrößern, so erscheint solches durch ein den nachtheiligen Folgen willen im allgemeinen Jedermaße nicht zulässig. Diese Durchfahrt ist wie alle übrigen unbebaut geblieben, damit bei einer Feuersbrunst die Spritzen überall hinter die Häuser gebracht werden können. Zugegeben, daß eine Durchfahrt an der langen Straße für dieses […] genügend sei, so entsteht die wichtige Frage: welche von den vorhandenen zwei Durchfahrten verbaut werden möge. Der Bürger Georg Meyer wird sich schwerlich anheischig machen, seine Durchfahrt stets offen zu lassen, wenn sein Nachbar die seinige verbauet habe[,] bereits hegen mehrere Bürger den Wunsch, die an ihren Häusern befindlichen Durchfahrten als Baustellen zu benutzen, und es wird nun der wohlthätigen Einrichtung dieser unbebauten Räume bald wenig mehr übrig sein, sobald einmal der Anfang gemacht ist, sie zu Viehställen zu benutzen. Im allgemeinen Interesse würde dies sehr zu beklagen sein und man muß wünschen, daß das von Königl. Landrostei seiner Zeit genehmigte Bau Regulativ unverrückt erhalten werde. Oben benant hat seine jetzige Bürgerstelle erst vor kurzem erkauft und konnte bei der Erwerbung sich keine Hoffnung darauf machen den fraglichen Gang bebauen zu dürfen. Rethem, 30. September 1842.“

Die Königliche Landrostei in Lüneburg sah den Fall damit als abgeschlossen an, folgte den Bedenken des Amtes Rethem und lehnte den Antrag am 12. Oktober 1842 ab.

Schreiben der Landdrostei aus dem September 1842 an das Amt Rethem mit Bitte um Bericht.

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