Als hätte die Natur darauf gewartet: Streng geschützte Kreuzkröte fühlt sich sofort heimisch

Nabu Rethem legt Amphibien-Biotop an

Ein Tümpel.
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An den Uferbereichen der sieben Flachwasserteiche sollen demnächst noch insektenfreundliche Blühpflanzen ausgesät werden.

Plötzlich sieht es so aus, als würde sich der Sand bewegen. Beim genaueren Hinsehen wird klar: Es ist nicht der Sand. Es sind winzigkleine Amphibien, die Richtung Wasser laufen. 30, 40, vielleicht sogar mehr als 50 junge Kreuzkröten sind wie aus dem Nichts aufgetaucht und wuseln jetzt über den Boden. Sie haben sich genau diesen Moment ausgesucht, den ersten Pressetermin auf dem neu angelegten Biotop des Nabu, um sich erstmals der Öffentlichkeit zu zeigen.

Rethem-Moor – Keiner der Anwesenden bewegt sich, aus Angst, eines der streng geschützten Lebewesen zu verletzen. „Es ist erstaunlich“, sagt Nabu-Vorsitzender Wolfgang Welle. Er ist sichtlich berührt von diesem Anblick. Klar, der Rethemer Naturschützer war von Anfang an davon überzeugt, dass die Anlage der Flachwasserteiche über kurz oder lang Amphibien anlocken würde. „Aber dass es dermaßen schnell gehen würde, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet.“ Für das Foto nimmt er eine der Minikröten ganz vorsichtig auf die Hand, danach setzt er das Tier sachte ans Ufer und beobachtet, wie es schnell seinen Brüdern und Schwestern hinterher hopst, um dann im flachen Wasser zu verschwinden.

Die Wiesen in dieser Gegend seien meistens artenarm, würden mehrfach im Jahr zur Silageproduktion gemäht und befänden sich oftmals zwischen gedüngten Äckern in der Nähe von stark befahrenen Straßen. Alles Umstände, die Lurch und Co das Leben schwer machten, berichtet Wolfgang Welle. Tümpel und Mulden seien darüber hinaus in der Vergangenheit häufig zugeschüttet worden, durch Entwässerung der landwirtschaftlich genutzten Flächen seien viele natürliche Wasserstellen trocken gefallen. Die Folge: Amphibien hätten keine Laichgewässer mehr, und auch vielen Vögeln mangele es an Nahrung.

Gefördert von der Bingo-Umweltstiftung und der Stiftung der Kreissparkasse Walsrode.

Als die Ortsgruppe Rethem des Nabu ihre Chance sah, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen, wurden die Mitglieder aktiv: Auf einer eigenen Fläche nahe des Weißen Grabens in Rethem-Moor legten sie Anfang dieses Jahres insgesamt sieben Flachwasserteiche an. Finanziell gefördert wurde das ambitionierte Projekt von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung und der Stiftung der Kreissparkasse Walsrode.

„Ganz fertig sind wir noch nicht. Als Nächstes wird der Bodenaushub abgefahren, danach werden wir in den Uferbereichen insektenfreundliche Pflanzen aussäen“, erzählt Welle. „Früher blühten die Wiesen hier in der Umgebung erst weiß, dann gelb. Sie waren erst voller Wiesenschaumkraut, dann kamen Löwenzahn und Hahnenfuß.“ Heutzutage blühe hier fast nicht mehr. Doch wenigstens auf der neuen Tümpelwiese des Nabu soll das anders werden. Für die richtige Blüh-Mischung wird die landwirtschaftliche Organisation „Artenglück“ aus Rodewald sorgen.

Ein kleiner Aussichtsturm, der von der Stiftung der Kreissparkasse mit 1 500 Euro gefördert wurde und der als Beobachtungspunkt für Naturfreunde dienen soll, befindet sich bereits auf dem Gelände, hat aber noch nicht seinen endgültigen Platz gefunden. Dass es hier viel zu sehen geben würde, davon war Welle von Anfang an überzeugt. Dass aber schon zum allerersten Pressetermin auf dem Gelände unzählige Insekten durch die Abendluft schwirren, Kröten wahre Quak-Konzerte geben und zahlreiche verschiedene Vögel über den Köpfen der Besucher flattern würden, damit hätte er nicht gerechnet. Es scheint ein wenig, als hätte die Natur nur auf diese Nabu-Aktion gewartet.

Kaulquappen sind schon jetzt zu finden

„Wir haben hier zum Beispiel auch schon Waldwasserläufer entdecken können“, berichtet Welles Frau Elke, die gerade ganz vorsichtig in die Knie gegangen ist, um den Kreuzkrötennachwuchs in Augenschein zu nehmen. Diese Amphibien sind selten geworden und streng geschützt gemäß Bundesnaturschutzgesetz. Laut Nabu stehen inzwischen 11 der 19 in Niedersachsen vorkommenden Amphibienarten auf der Roten Liste, und auch bei den restlichen Arten sei ein deutlicher Negativtrend zu verzeichnen.

Dieser erschreckenden Entwicklung wird, zumindest in kleinem Umfang, das neue Nabu-Biotop am Weißen Graben etwas entgegensetzen können. Denn mehrere der sieben Teiche, die alle unterschiedliche Wassertiefen haben, sind schon jetzt von reichlich Kaulquappen, zumeist Erdkröten, bevölkert. Viele sind bereits weit entwickelt und lassen sich in den flachen Uferbereichen gut beobachten. Bald schon werden sie sich zu Jungkröten entwickelt haben und dann das Gewässer verlassen. Wenn sie geschlechtsreif sind, werden sie zu ihrem Geburtsgewässer zurückkehren, um sich zu paaren. „Wenn einige der Teiche während der späteren Sommermonate kleiner werden oder teilweise trocken fallen, dann ist das in Ordnung“, sagt Welle. Das sei auch bei vielen der natürlichen Wasserlöcher in der Umgebung so. Wichtig sei nur, dass das erst passiert, wenn sich der Laich der Amphibien vollständig entwickelt habe.

Auf einmal fliegt ein riesiges Insekt mit großer Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche zu, dreht dann wieder ab und vollführt in der Luft waghalsige Wendemanöver. In der Abendsonne leuchten die glitzernden Farben auf dem schillernden Körper des Insekts. „Eine blaugrüne Mosaikjungfer“, freut sich Welle lächelnd und beobachtet diese besonders schöne Libelle noch eine kurze Weile, bevor das Biotop für den Rest des Abends wieder sich selbst überlassen wird und besonders der überraschende Kreuzkrötennachwuchs seine Ruhe hat.

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