Ackern für den Nachwuchs

Stöckener Ehepaar Raczkowski bietet Schleiereulen Platz unter dem eigenen Dach

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„Die Schleiereule – Der lautlose Jäger in der Nacht“ ist eigentlich ein Kinderbuch, hatte aber auch für Marianne und Fred Raczkowski Wissenswertes parat. Foto: Preuß

Stöcken - Von Katrin Preuss. Wenn der Nachwuchs flügge ist und das Zuhause verlässt, dann kommt der Abschiedsschmerz. „Man hat schon so ein Leeres-Nest-Syndrom“, gibt Marianne Raczkowski lächelnd zu. Dabei ist es ganz egal, dass hier nicht von den eigenen Kindern, sondern von ausgeflogenen Schleiereulen die Rede ist.

Über Monate hinweg durften die Stöckenerin und ihr Ehemann Fred ein Eulenpaar beim Werben und schließlich bei der Aufzucht seiner Küken belauschen und beobachten. Die entsprechenden Voraussetzungen hatten die beiden – gemeinsam mit ihrem handwerklich geschickten Nachbarn Horst Suhr – schon im März des vergangenen Jahres geschaffen. Ein sorgsam gezimmerter Eulenkasten wurde seinerzeit auf dem ungenutzten Dachboden befestigt, in den hölzernen Giebel ein Einflugloch gesägt und in gut zehn Metern Entfernung noch ein hoher Anflugmast aufgestellt.

„Wir haben im ersten Jahr aber zu spät angefangen“, weiß Marianne Raczkowski inzwischen. Denn der Kasten bliebt leer. 2019 tauchte dafür schon im Januar ein Eulenmännchen im Garten auf. Mitten in der Nacht habe er ein Kreischen vernommen, „das ist mit nichts zu verwechseln“, berichtet Fred Raczkowski.

Am 1. Juni hielt es den neugierigen Eulen-Nachwuchs nicht mehr in seinem Kasten.

Das Männchen suchte nach einem Domizil zwecks Familiengründung. Wer keine Unterkunft vorweisen kann, für den interessieren sich die Eulendamen nicht. Eine von vielen Erkenntnissen, die die Raczkowskis in den zurückliegenden Monaten gewonnen haben. Durch Beobachtung und das Schmökern in Büchern.

Die Leidenschaft für die lautlosen Jäger mit den hübsch gezeichneten Gesichtern wurde bei dem Ehepaar bereits vor Jahrzehnten geweckt. Damals schrieb Redakteur Fred Raczkowski einen Zeitungsartikel über den Rethemer Ralf Scharein und dessen Schleiereulen, die in einer alten Scheune brüteten.

Die Faszination für diese Vögel lässt das Paar seitdem nicht mehr los. Sie mündete im Beitritt zum Naturschutzbund (Nabu) und schließlich im Bau des Nistkastens.

Der kam offenbar an bei einer Eule. Kein Wunder, bot sich ihr doch sogar eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit extra dunklem Raum zum Brüten, ideal für den Nachwuchs. Auf jeden Fall konnten die Stöckener ab Februar ein intensives Balzen feststellen. „Die haben da oben gefeiert“, vermutet Marianne Raczkowski nach dem, was da vom Dachboden zu hören war.

„Flugunfähige Weißkopfadler“

„Anfangs waren sie scheuer“, sagt sie. „Aber dann haben sie sich gut beobachten lassen.“ In Anspielung auf das langsam ergrauende Haupthaar witzelt das Ehepaar: „Die haben uns für flugunfähige Weißkopfadler gehalten, die ihnen nix tun.“

Irgendwann kehrte Ruhe ein. Das Eulenpaar, inzwischen Uhlrike und Owl-Love getauft, hatte mit dem Brüten begonnen. Ihre Gastgeber ließen die Vögel in Ruhe. Erst Anfang Juni wagten sie einen Blick in den Kasten – und entdeckten dort sechs Küken, aneinander gekuschelt, weich gebettet auf Rindenmulch und Gewölle.

Unter dem Dach ging es nun zu wie im viel zitierten Taubenschlag. „Jedes Junge braucht pro Nacht vier bis fünf Mäuse“, hat Fred Raczkowski nachgelesen. Im Fünf-Minuten-Takt seien die Altvögel ein- und ausgeflogen, sagt seine Frau. „Die haben wirklich geackert ... Was für ein Stress, nur um sich zu vermehren.“

Nachtaktiv: Eine der Alteulen sitzt auf dem Anflugmast.

Als der Eulen-Nachwuchs groß genug war, Anfang Juli, starteten die Alten mit dem Flugunterricht zwischen Giebel und Mast. Und auch wenn Mama und Papa Eule gut aufpassten, spannte Marianne Raczkowski doch vorsichtshalber noch den großen Sonnenschirm auf, um Abstürze abzufangen.

Vor drei Wochen etwa hat die letzte Jungeule, Birdy, den Kasten verlassen. Auch die Alten sind weg. Doch die werden wohl im nächsten Jahr wiederkommen.

Wann immer etwas von den tierischen Mitbewohnern zu hören und zu sehen war, trug Fred Raczkowski es in eine Kladde ein. „Unser Eulenbuch“ steht auf dem Deckel. Es sind noch einige Seiten frei. Platz also für neue Beobachtungen. Der Eulenkasten bleibt jedenfalls an Ort und Stelle. Schön fänden es die Raczkowski, wenn sich Nachahmer fänden.

„Schleiereulen sind total angewiesen auf die Hilfe von Menschen“, hat der Stöckener einer Dokumentation im Fernsehen entnommen. Sie benötigten eine Kulturlandschaft zum Jagen und siedelten sich daher in der Nähe des Menschen an.

Früher hätten viele Scheunen und Bauernhäuser sogenannte Uhlenfluchten gehabt, Einfluglöcher in den Giebeln. Denn die Eulen seien „absolute Nutztiere“. Als Mäusejäger ersetze eine von ihnen zehn Katzen, erklärt Fred Raczkowski, was diese Vögel bei den Landwirten einst so beliebt machte.

Weitere Informationen

Wer sich für Schleiereulen interessiert und ihnen vielleicht auch ein Zuhause geben möchte, findet zum Beispiel unter www.nabu.de Informationen und auch eine Bauanleitung für einen Kasten.

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