Vor 70 Jahren: Flucht an die Aller (1) / Ruth Engelke aus Stöcken

Der letzte Zug aus Klebow

Die kleine Ruth mit ihrer Mutter Herta in Klebow.
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Die kleine Ruth mit ihrer Mutter Herta in Klebow.

Rethem - Von Fred Raczkowski. Sie kamen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien. In eisiger Kälte, in ständiger Angst vor den anrückenden Russen, vor Tod durch Kälte, Krankheit oder Hunger, der totalen Erschöpfung nah, aber vom unbändigen Willen zum Überleben getrieben: Im Januar 1945 begann die große Flucht nach Westen, die oft Monate dauerte. Einige Flüchtlinge fanden vor 70 Jahren an der Aller bei Rethem eine neue Heimat. Längst sind sie Rethemer, Stöckener oder Hülsener geworden. Viele leben nicht mehr, andere waren als Kinder auf der Flucht und scheuen sich oft noch heute, über diese Zeit zu sprechen. In einer Artikelfolge hat die VAZ Einzelschicksale nachgezeichnet.

Ruth Engelke, geborene Kilinski, aus Stöcken war sieben Jahre alt, als der Tag der Flucht kam. Es war im Februar 1945. Sie weiß noch, dass der Bürgermeister ihres Heimatortes Klebow in Pommern ins Haus kam, morgens um 9 Uhr: „Der Russe ist schon in Dramburg. In zwei Stunden fährt der letzte Zug von Klebow.“

Mutter Herta packte zusammen: Kopfkissen, zwei Decken, eine Schüssel. Ruth und die drei Jahre alten Zwillingsschwestern Helga und Inge wurden gleich dreifach angezogen. Zum Glück durfte die Lieblingspuppe von Ruth noch mit. Draußen lag Schnee, es war bitterkalt. Auch die Mutter hatte sich viele Sachen übereinander angezogen und darüber noch den eigentlich viel zu großen Anzug ihres Mannes. „Den hat sie immer angehabt, bis wir im März in Eilte ankamen“, erinnert sich Ruth.

Am Bahnhof Klebow stand schon der Zug, noch mit richtigen Personenwagen. Sie setzten sich auf die Holzbänke. Doch da sagte die Mutter: „Ich muss noch mal weg. Ruth, du bleibst hier und passt auf deine Schwestern auf.“ Während Mutter Herta mit ihrer Schüssel durch den Schnee stapfte und von einem Bauernhof Milch holte, blieben die Kinder allein zurück: „Da hatte ich das erste Mal wahnsinnige Angst“, erinnert sich Ruth Engelke.

Die Angst blieb ständiger Begleiter. Schon kurz nach der Abfahrt wurde der Zug zwischen Klebow und Dramburg von Tieffliegern beschossen, Lokomotive und einige Wagen schwer getroffen. „Alle raus, wurde gebrüllt. Dann mussten wir uns schräg am Bahndamm hinlegen. Stundenlang lagen wir da in der Kälte, dann kam eine neue Lok.“ Die zog den Flüchtlingszug bis Berlin.

Dort verbrachten sie die Nacht dicht an dicht mit anderen Flüchtlingen in einer riesigen Halle, die kein Dach mehr hatte. Auf dem Rücken trug Ruth einen Rucksack mit einem Schmalztopf – „unsere Überlebensration“. Der Topf wurde ihr nachts gestohlen. „Das war ganz furchtbar.“ Die Mutter hat ihn dann irgendwie zurückbekommen.

Die dreijährige Inge bekam Ruhr. Mutter Herta versuchte, aus dem Bettzeug Windeln zu machen. Sie legte Inge auf eine Bank: „Da kommt nur noch Blut und Wasser, hoffentlich schaffen wir es.“ In einem Luftschutzbunker erlebten sie nachts einen großen Fliegerangriff auf Berlin: „Wenn jetzt etwas passiert, sind wir wenigstens alle zusammen“, sagte die Mutter.

Dann ging es wieder zum Bahnhof. Diesmal gab es nur Viehwaggons: „Alles war schon voll, viele alte Leute dabei, aber auch viele Frauen mit Kindern“, erinnert sich Ruth Engelke. Auf dieser Fahrt kam es zu jener Szene, die sich unauslöschlich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Wenn sie davon erzählt, kann sie auch heute, nach 70 Jahren, ihre Tränen nicht unterdrücken. Der Zug hielt wieder einmal auf freier Strecke. Eine Waggontür ging auf, eine junge Frau kam heraus und stapfte mit ihrem toten Kind auf dem Arm durch den Schnee. „Sie hat es in den Schnee gelegt und irgendwie versucht, es zu bestatten. Das werde ich nie, niemals vergessen.“

Die Fahrt ging weiter. Irgendwann taucht das Ortsschild „Soltau“ auf. Aber von draußen wurde gerufen: „Hier ist alles voll, ihr müsst weiter.“ In Hodenhagen stiegen sie aus. Mit dem Pferdewagen wurden die vier Flüchtlinge aus Klebow nach Eilte, auf den Hof der Familie von der Brelie, gebracht. Es war der 5. März 1945. In den nächsten Wochen kam der Krieg auch in die kleinen Orte an der Aller. Den Beschuss britischer Truppen überstand die Familie in einem Erdbunker auf dem Hof in Eilte. Mutter Herta half in der Landwirtschaft.

Während der Flucht hatte Ruth Engelke immer wieder Trost bei ihrer kleinen Puppe gefunden. Doch der ständige Begleiter in den Tagen der Angst und Not fand ein trauriges Ende in Eilte: „Meine Puppe wurde von den Schweinen gefressen. Das war ganz entsetzlich für mich.“

Aber die Zeiten änderten sich. Es kamen schönere Tage. Einer davon war jener Schultag in Eilte, an dem sie von ihrer Banknachbarin Ilse Backhaus einen Stift und Papier („So etwas hatten wir ja nicht“) geschenkt bekam. Ruth war glücklich und Ilse hatte eine Freundin fürs Leben gefunden: „Sie kommt immer noch jedes Jahr zu meinem Geburtstag.“

Was bleibt noch zu sagen? Dass Ruth die Landwirtschaftsschule (Hauswirtschaft) in Walsrode besuchte, dass sie 1958 Heinrich Engelke heiratete und seitdem in Stöcken lebt, vier Kinder auf die Welt brachte...

Vieles könnte noch erzählt werden. „Es ist aber sehr schwer, das alles zu beschreiben“, sagt Ruth Engelke. Was die Kinder der Flucht in jenen Tagen erlebten, könnten wohl nur Menschen ermessen, die Ähnliches erlebt haben. „Ich kann verstehen, was die Flüchtlinge empfinden, die heute bei uns Zuflucht suchen, aus Syrien und anderen Ländern.“

Damals, vor 70 Jahren, waren es acht Millionen Menschen, die in den Westzonen Deutschlands aufgenommen werden mussten.

Nächste Folge: Das Tagebuch der Frau Ritter.

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