Vor 70 Jahren: Flucht an die Aller (2) / Heute: Kind im Wartesaal geboren

Tagebuch der Paula Ritter

Blick in das Tagebuch.
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Blick in das Tagebuch.

Rethem/Hülsen - Von Fred Raczkowski. Das kleine Büchlein mit dem braunen Einband ist schon etwas angegriffen, einige Seiten leicht zerfleddert. Kein Wunder, es hat 70 Jahre auf dem Buckel. Es ist ein Tagebuch, in dem eine junge Frau aus Schenkendorf in Ostpreußen die Ereignisse zweier Monate ihres Lebens akribisch niedergeschrieben hat: Ihre Flucht vom 21. Januar 1945 aus Labiau in Ostpreußen bis zur Ankunft am 21. März in Hülsen an der Aller.

Das Tagebuch von Paula Ritter war schon vor Jahrzehnten August Jahns aus Rethem anvertraut worden, der damals noch in den Diensten der Allerstadt stand. Die Stadt Rethem war damals für den Nachlass zuständig. Denn der Lebensgefährte von Paula Ritter hatte zuletzt im Rethemer Ortsteil Wohlendorf gewohnt. Nach seinem Tod konnten keine Angehörigen ermittelt werden. Daher bewahrt Jahns das Buch bis heute auf. Er brauchte einige Zeit, um die in Sütterlin eng beschriebenen Seiten zu lesen – und zu verstehen. Denn Ritter hatte die Namen vieler Orte nach Gehör aufgeschrieben.

Aus dem Tagebuch: ,,Am 21. Januar 1945 müssen ich, meine Kinder und mein Mann aus unserer Heimat flüchten. Mein Mann, Arthur Ritter, arbeitet bei der Schichau Werft in Königsberg, Gumbinnen. Am 21. Januar 1945, abends, nehmen uns Soldaten auf ihrem Lkw bis zur nächsten Bahnstation Labiau mit.

Am Sonnabend haben wir unser Gepäck verladen und am Sonntagmorgen um 2 Uhr ging die Fahrt los. Mein Mann wollte uns zu unserem Bestimmungsort bringen, da ich hochschwanger war und mein 9. Kind erwartete. Untergebracht waren wir in einem Viehwaggon, bei 25 Grad Kälte. Die Nahrungsmittel gingen aus, den Durst löschten wir mit Wasser oder Schnee.

Drei Tage bekamen wir nichts zu essen. Die Kinder hatten sich bei der Kälte Hände und Füße angefroren. Viele Menschen konnten die Strapazen nicht aushalten und starben. Da ich ernstlich krank geworden war, brachte mich in Gotenhafen ein Krankenwagen ins Krankenhaus. Die übrigen Frauen waren zwischenzeitlich verschifft in Richtung Rügen.

Nachdem ich mich gebadet und ein wenig geschlafen hatte, ging ich zum Bahnhof und fuhr nach Lauenburg, weil ich hoffte, dort meinen Transportzug wiederzufinden. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Niedergeschlagen und krank wie ich war, sprang ich auf einen Zug auf, in der Hoffnung, dass es mein Transportzug sei. Ein paar Stationen fuhr ich mit, als die Wehen bei mir einsetzten. Das wurde so schlimm, dass ich aus dem Zug raus sprang.

Dabei hat sich dann wohl die Fruchtblase beschädigt und das Fruchtwasser lief aus. Zwei Soldaten brachten mich in den Wartesaal. Hier waren aber schon fünf Frauen zur Entbindung untergebracht, somit für mich kein Platz mehr. So setzte ich mich in dem überfüllten Wartesaal auf einen Stuhl. Eine Frau hatte wohl erkannt wie es um mich stand und brachte mich in den Wartesaal II. Klasse.

Auf einer Bank, in voller Kleidung, brachte ich hier am 27. Januar 1945, morgens um halb zwei Uhr, einen gesunden Jungen zur Welt. Bei den Geburten der anderen Kinder war immer ein Arzt zugegen. Hier ging es so schnell, dass diese Möglichkeit gar nicht mehr in Frage kam. Ich gab dem Jungen den Namen Siegfried. Zwei Tage verblieb ich im Wartesaal, bis ich in das Schloss Hebrondamnitz gebracht wurde ...

Ich blieb dort acht Tage und erfuhr von zwei Frauen, eine war Frau Dammat, dass meine Kinder in Treptow an der Regen ausgeladen sein sollen. Wir beschlossen, dorthin zu fahren. Ich hatte keine Ruhe mehr, weder Tag noch Nacht. Als mein kleiner Junge 14 Tage alt war, wollte ich nach Treptow, kam aber mit keinem Zug mit. So fuhren wir an einem Abend nach Lauenburg, von wo ein Zug eingesetzt werden sollte.

Bewaffneter Soldat

verfolgt Flüchtlinge

Morgens schickten mich die beiden Frauen los, um Fahrkarten zu kaufen, da sie Angst hatten, einfach so zu fahren. Die Nacht über waren wir in einem Abteil des Zuges, der auf einem toten Gleis stand. Die Nacht war sehr kalt. Morgens ging ich mit Frau Dammat Fahrkarten kaufen. Es war schon acht Uhr und wir hatten immer noch keine Fahrkarten. Da wir Angst hatten, der Zug würde ohne uns abfahren, wollten wir durch die Sperre, aber ohne Fahrkarten kamen wir nicht durch, obwohl wir einen Flüchtlingsschein hatten. Wir weinten und schimpften. Da war einer mit einem Gewehr, der drohte, uns zu erschießen. Wenn es ihm Spaß mache, solle er es doch tun, sagten wir, schubsten ihn zur Seite und rannten los.

Er kam uns nach und wollte sehen, ob wir Säuglinge dabei hatten. Unser Zug war schon weg. Wir durchsuchten alle Züge. Der Mann mit dem Gewehr kam uns immer nach, bis es ihm zu langweilig wurde und er uns laufen ließ. Als ein Zug vorgefahren war, sagten die Leute, das sei der Stolper Zug. Frau Dammat sprang auf, ich schaffte es nicht.

Da es nicht der richtige Zug war, sprang Frau Dammat wieder ab, fiel hin und schlug sich blutig. Endlich kam der richtige Zug, aber wir kamen nicht rein. Ich habe mich aber durchgekämpft und bin durch ein Fenster eingestiegen. Wir waren dermaßen erschöpft, sahen Menschen nicht mehr ähnlich, sonder eher wilden Tieren. Wir kamen in Treptow an, wo ich bei den Kindern und dem Gepäck im Wartesaal blieb.

Die anderen Frauen fragten nach Kindern mit dem Namen Ritter. Aber bei den vielen Kindern, die ohne Eltern unterwegs waren, konnte sich keiner erinnern. Ehe wir Treptow erreicht hatten, mussten wir zweimal umsteigen. Dabei habe ich eine Nacht in einem Kolberger Kino in der Loge geschlafen. Siegfried fand seinen Platz in den Sesseln der Loge. Als wir in Köslin umsteigen mussten, haben wir im Wartesaal auf der Erde geschlafen.“

Im Tagebuch wird der weitere Verlauf der Flucht beschrieben. Am 21. März 1945 kommt Paula Ritter mit ihrem kleinem Siegfried in Hülsen an.

Nächste Folge: In Hülsen – aber der Krieg geht weiter

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