Ein einstmals beliebter Heideort droht von der Landkarte zu verschwinden

Ostenholz steht kurz vor dem Aus

Ein Mann steht vor einem Ortschaftsplan.
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Seeben Arjes vor der kleinen Infotafel mitten im Ort. Er zeigt, was von Ostenholz noch übrig ist.

Ostenholz – „Man wird uns ausbluten lassen wollen“, sagt der scheidende Vorsitzende der Einwohnervertretung des Gemeindefreien Bezirks Osterheide, Seeben-Christian Arjes aus Ostenholz, als er vor dem denkmalsgeschützten Königshof am Rande von Ostenholz steht. Über einen schmalen, fast schon zugewachsenen Weg sind wir zu dem Gebäude gelangt, das zu einer der ältesten Hofstellen im Ort gehört. Längst ist sie verlassen, „und wenn sich nicht bald ein neuer Mieter findet, werden die Schäden so groß werden, dass man sie einreißt.“

Und genau das möchte die BIMA, die Gesellschaft, die die Liegenschaften des Bundes rund um den Nato-Truppenübungsplatz verwaltet, vermutet Arjes. „Wenn erst einmal die Sicherheit gefährdet ist, wird auch dieser Hof aus dem Jahre 1767 vom Erdboden verschwinden.“

Einst eine florierende Gemeinde

Auch er hat eine reiche Geschichte in dem ehemals beliebten Erholungsort. Auf dem Weg zu den Siebensteinhäusern florierte er einst, als es noch ganz in der Nähe ein Kinderheim gab und gleich zwei Kolonialläden nahe dem auch heute noch wunderschönen Gotteshaus. „Wir haben die Kirche mit Fördermitteln sanieren können, auch das Gemeindehaus“, berichtet der Vorsitzende der Gemeindevertretung. Seit 30 Jahren gehört er dem Rat an und steht seit 15 Jahren an der Spitze des Ortes. „Wir haben viel bewegen können, auch wenn es nicht einfach war in diesem Land.“

Nun steht dieser einstmals schöne Landstrich, in dem Natur noch großgeschrieben wird, vor dem Aus, weil der Bund eine Möglichkeit sucht, sich von den Orten Ostenholz, Oerbke und Wense zu verabschieden. Arjes sieht das so: „Verlässt ein Mieter das Haus, wird kein neuer gesucht. Man lässt das Gebäude leer stehen und verfallen. Und dann wird es abgerissen. Man will uns hier nicht mehr.“ Auch wenn das offiziell nicht zugegeben wird.

Viele wollten den Abriss verhindern, es war vergebens

Seeben Arjes erinnert an den für alle Ostenholzer schmerzlichen Abriss des historischen Wünning-Hofes. Obwohl selbst der Landkreis sich für den Erhalt der Anlage einsetzte, die wie das übrige im Besitz des Bundes ist, kam der große Bagger und stieß das Haus um. Einer der ausdrucksvollsten Säle verschwand, der Eichenboden wurde schnell noch nach Dresden verkauft, viele andere Dinge seien bei Nacht und Nebel davongeschafft worden. Heute sieht man hinter dem hohen Zaun, der das Gelände umgibt, nur noch wenige restliche Felsensteine.

18 Gebäude stehen zurzeit in Ostenholz leer. Sie werden wohl auch nicht wieder besiedelt. Sehr alte Häuser, die frisch herausgeputzt ein liebevoll gestaltetes Dörfchen am Rande des Truppenübungsplatzes sein könnten. Serpentinenartig ringelt sich die Straße in das Dorf hinein. Mitten im Ort kann der Besucher ein Rotwildrudel am Reiherbusch mit dem sagenumwobenen kleinen Teich entdecken. „Die Tiere sind unsere Freunde“, sagt Seeben Arjes. Der 80-Jährige war im Hauptberuf einmal Förster. Jetzt ist er ein bekannter Buchautor, schreibt aus der Natur, und schießt Bilder vom Feinsten, jüngst erst auf dem „Platz“ mitten in einem Rotwildrudel.

Leckereien aus der Heide bei „Onkel Nickel“

Arjes kennt seine Heimat, ist hier groß geworden, und gerade darum schmerzen ihn die Eingriffe der Verwaltungen so sehr. Irgendwann hat man in Ostenholz einen eindrucksvollen Wanderweg angelegt, kilometerlang durch tiefe Wälder mit den uralten Eichen, auf und ab. Einfach schön und doch so unbekannt. Irgendwann konnte man sich auch noch bei dem legendären „Onkel Nickel“ treffen, den es heute auch nicht mehr gibt, und Leckereien aus der Heide genießen. Und es gab auch den „kleinen Onkel Nickel“, der mitten im Dorf immer wieder Besucher zur Kaffeepause einlud.

Übrig geblieben sind die Bemühungen einer Architektin aus Hannover, möglichst viele Häuser in Ostenholz doch noch vor dem Verfall zu retten, und die Initiative der Kirche, immer wieder ein besonderes Konzert anzubieten. Geblieben ist auch die Freundschaft der Einwohner zu ihrer Natur, „denn die vielen Wildschweine, die zu uns in den Ort kommen, mögen wir alle sehr gern“, sagt der Ortsvorsteher.

Und trotzdem ist es in den letzten Jahren laut Seeben Arjes auch im Ort zu ruhig geworden. „Viele Mieter haben Ostenholz und die anderen Ortschaften schon verlassen.“ Erst als der Wünningshof verschwand, wurden die Menschen aktiv. Da gab es Aktionen selbst aus Ostenholz heraus und gemeinsame Proteste. Geholfen hat es aber nichts mehr.

Das Ende der Welt am Breetz

Seeben -Christian Arjes will aber „am Ball bleiben“, will retten, was zu retten ist. „Ich werde immer wieder meine Meinung deutlich machen, denn ich möchte, dass dieses Stück Heimat mit den sehr alten Gebäuden zumindest stückweise erhalten bleibt.“ Er hofft weiterhin, mit dem Bund und schlussendlich auch mit der Politik eine positive Lösung für Ostenholz zu finden. „Damit die Welt nicht am Breetz, dem hohen Berg, der Ostenholz von Westenholz trennt, aufhört“, sagt der 80-Jährige.

Von Klaus Müller

Der sagenumwobene Teich ist mitten im Ort zu finden.
Das Kinderheim erinnert an vergangene Zeiten, als der Ort nahe den Siebensteinhäusern noch florierte. Heute ist es wie vieles in Ostenholz dem Verfall preisgegeben.

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