Türen zu, trotzdem reichlich zu tun: AfA-Geschäftsführer Sven Rodewald im Gespräch

Kurzarbeit: Beratungsbedarf ist hoch

Sven Rodewald. Foto: Agentur für Arbeit Celle, Katrin Menzel

Heidekreis – Derzeit kommt den Agenturen für Arbeit eine besondere Rolle zu. Innerhalb kürzester Zeit gab es einen enormen Anstieg der Anzeigen auf Kurzarbeit und in der Folge die abzuarbeitenden Anträge dazu. Aktuell liegen 2500 Anzeigen aus dem Agenturbezirk Celle vor. Im Vergleich dazu bezogen im März 2019 neun Betriebe Kurzarbeitergeld. Alle Anzeigen wurden bereits verarbeitet und ein Viertel der daraufhin eingegangenen Anträge wurde bereits zahlbar gemacht. Sven Rodewald, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, im Interview.

Welche Auswirkungen der Krise erlebt der Arbeitsmarkt?

Sven Rodewald: Wir können nicht davon ausgehen, dass sich der Rückgang der Arbeitslosigkeit – wie im März – fortsetzt. Angesichts der in weiten Teilen ruhenden Wirtschaft bleiben Neu- und Wiedereinstellungen vorerst aus. Stattdessen versuchen Unternehmen wie 2008 und 2009, während der Finanz- und Wirtschaftskrise, zumindest ihre Beschäftigten im Unternehmen zu halten, und zeigen Kurzarbeit an, damit Arbeitslosigkeit vermieden wird. Bevor Unternehmen entlassen, sollten sie die Möglichkeit nutzen, ihr Personal mit Kurzarbeit zu halten. Wenn die erfahrenen Fachleute einmal weg sind, ist es oft schwer, bei Verbesserung der Auftragslage wieder qualifizierte Fachkräfte zu finden. Die Betriebe können so ihre Mitarbeiter an ihre Unternehmen binden und bei geänderten Bedingungen die Arbeit sofort wieder aufnehmen.

Wie hat sich die Agentur für Arbeit Celle intern aufgestellt?

Natürlich wirkt sich die Krise auch auf die Arbeitsabläufe in den Arbeitsagenturen aus. Die Dienststellen sind geschlossen, der Beratungsbedarf ist aber extrem hoch. Wir sind ein wichtiger Ansprechpartner als Arbeits-und Sozialverwaltung und müssen zur finanziellen Sicherung unserer Kunden nun erstmal vorrangig die Auszahlung der Geldleistungen im Agenturbezirk gewährleisten. Zudem zahlen wir den Betrieben möglichst schnell Kurzarbeitergeld aus. Intern wurde Personal in ein Kurzarbeit-Team zusammengefasst und eine Sonderrufnummer zur Unterstützung der Servicecenter installiert. Arbeitsbereiche haben sich für die Mitarbeitenden über Nacht verändert. Es geht jedoch auch darum, den Schutz der Mitarbeitenden zu gewährleisten. Deren Gesundheit hat für mich die oberste Priorität. Es geht jetzt darum, die Arbeit so zu organisieren und auch umzuverteilen, dass die Auszahlung und Beratung kurzfristig gelingt. Die Bereitschaft meiner Mannschaft, die Krise zu bewältigen und zum Beispiel in anderen Abteilungen zu unterstützen, ist groß. Auch wenn die Arbeitsagentur für den Publikumsverkehr derzeit geschlossen ist, so arbeiten wir hinter den Türen weiter: am Telefon, am Laptop oder im Homeoffice. Ich kann sagen: Wir sind weiter für unsere Kunden da.

Zuletzt sah die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Heidekreis und im Landkreis Celle gut aus. Was macht die aktuelle Krise mittelfristig mit dem Arbeitsmarkt?

Der Arbeitsmarktbericht Ende März war von den Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht beeinflusst. Wir werden zum nächsten Berichtstermin Ende April einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verzeichnen haben.

Welche Branchen trifft es hier besonders?

Von den Einschränkungen im öffentlichen Leben sind derzeit fast alle Branchen betroffen. Besonders Hotels und Gastronomie, Einzelhändler (außer Lebensmittel) und private Dienstleister, wie zum Beispiel Friseure, spüren das. Besonders betroffen sind viele unserer kleinen und mittelständischen Betriebe, die in der Vergangenheit noch nie etwas mit Kurzarbeit oder Grundsicherung zu tun gehabt haben.

Wie steht der Arbeitsmarkt im Agenturbezirk Celle im Vergleich zu anderen Bezirken jetzt da?

Unter normalen Umständen hätten wir jetzt unser Augenmerk auf die intensive Vermittlung und Beratung in den Markt gerichtet. Die Frühjahrsbelebung auf dem Arbeitsmarkt bleibt nun aus, denn die Corona-Krise hat alles verändert. Die zukünftigen Daten werden in einigen Monaten vermutlich als Gradmesser für die Bewertung gelten und deutlich machen, wie gut die arbeitsmarktpolitischen Instrumente und Maßnahmen funktioniert haben. Ich denke da insbesondere an die erweiterten Bezugsmöglichkeiten von Kurzarbeitergeld für Beschäftigte und Sonderregelungen in der Grundsicherung für Solo-Selbstständige, die der Gesetzgeber geschaffen hat.

Wie stark wird der Arbeitgeberservice derzeit von Arbeitgebern genutzt, um sich bei Fragen zur Krisenbewältigung beraten zu lassen?

Die Zahl der Anzeigen auf Kurzarbeit ist stark gestiegen. In den ersten vier Wochen gab es zehn Mal so viele Anrufe zu den Themenkomplexen Kurzarbeitergeld, Grundsicherung und Existenzsicherung, als sonst üblich. Viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber sind verunsichert und stehen vor erheblichen finanziellen, teils existenziellen Herausforderungen. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen sind das erste Mal mit Kurzarbeit konfrontiert und haben daher einen hohen Beratungs- und Informationsbedarf.

Für welche Dauer haben die meisten der Betriebe das Kurzarbeitergeld beantragt?

Wir wissen derzeit nicht, wie lange die Betriebe in Kurzarbeit bleiben werden und auch nicht wann der Höhepunkt der Krise erreicht ist. Eine Auswertung für den Arbeitsagenturbezirk ist derzeit nicht möglich.

Landwirtschaftlichen Betrieben fehlen derzeit Erntehelfer. Vermittelt die Arbeitsagentur auch in diese Richtung? Ist das so kurzfristig überhaupt möglich?

Auch wenn die Agentur für Arbeit und das Jobcenter Celle für den Publikumsverkehr geschlossen sind, so arbeiten wir hinter verschlossenen Türen weiter. Wir unterstützen die Landwirte und Spargelbauern bei der Suche nach geeigneten Saisonkräften für die bevorstehende Ernte. Unternehmen, die auf der Suche nach Saisonkräften sind, können ihren Bedarf direkt beim örtlichen Arbeitgeber-Service unter der Rufnummer 05141/961-888 melden. Wir sprechen gezielt Bewerber in unseren telefonischen Beratungen an und bahnen die Arbeitsverhältnisse an.

Personalmangel gibt es auch im Pflegebereich. Sind Sie in der Lage, die Nachfragen nach Pflegepersonal zu bedienen?

Wir sprechen alle Bewerber an, die für den Bereich geeignet sind. Leider war der Fachkräftemangel in der Pflege schon vor der Corona-Krise sehr hoch und es war kaum möglich, eine gemeldete Stelle schnell zu besetzen. Momentan hat sich die Situation noch verschärft. Es dauerte im vergangenen Jahr durchschnittlich etwa 170 Tage, bis eine Stelle im Pflegebereich besetzt war, da geeignetes Personal einfach fehlt.

Wie planen Sie den Re-Start?

Die Agenturen für Arbeit werden öffnen, sobald die Lage es zulässt und die Rahmenbedingungen dafür geschaffen wurden. Dazu gehört die Kanalisierung der Kundenströme und vor allem die Wahrung der Kontaktregelungen. Diese werden individuell für jede Dienststelle einzeln betrachtet und in der Folge werden Maßnahmen ergriffen, um den Anforderungen der Auflagen zu genügen.

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