Künstlerin Anna Tabor über ihre Zeit im Hospizhaus Dorfmark

„Ich bin froh, hier zu sein“

Machen das Beste aus der Zeit, die ihnen miteinander noch bleibt: Anna und ihr Mann Frank Tabor im Hospizhaus Heidekreis in Dorfmark. Fotos (2): Niemann

Dorfmark - Von Christel Niemann. Es gibt Themen, über die Menschen am liebsten nicht sprechen. Tod und Sterben gehören definitiv dazu. Es gibt aber auch Orte, an denen das Verdrängen nicht möglich ist. Orte, wie das in Dorfmark gelegene Hospizhaus Heidekreis der Johanniter, wo hinter der Eingangstür eine ganz andere Welt auf die Besucher wartet. Draußen rollt der Alltagsverkehr und die Nachbarn werkeln in Haus und Garten, drinnen herrscht dagegen eine ganz besondere, fast meditative Ruhe: Am Koppelweg in Dorfmark gehen die Uhren anders.

Das Haus ist ein Ort, an dem sich todkranke Menschen vom Leben verabschieden, wo sie aber zugleich die Zeit genießen können, die ihnen bleibt. Auch Anna Tabor hat das zu ihrem Credo gemacht, indem sie betont: „Man soll das Leben genießen und vor allem das tun, was man für richtig hält.“ Die sehr gläubige Christin weiß natürlich, dass sie bald sterben wird. Und trotzdem schwingt in ihren Worten kein Pathos mit, wenn sie sagt: „Ich hoffe doch sehr, ich erlebe noch, dass dieser Artikel erscheint.“

Die 59-Jährige mit Krebs im Endstadium ist seit Mitte Februar Gast im Hospizhaus Heidekreis. Und ihr ist wichtig, davon im Beisein ihres Mannes Frank, Seelsorgerin Almuth Eckardt und Anke Höppner zu erzählen. Sie will den Lesern davon berichten, wie gut sie sich an diesem Ort aufgehoben fühlt und wie wertschätzend man dort die Gäste behandelt.

Selbst der Kontakt zu den verantwortlichen Ärzten finde auf Augenhöhe statt. „Das habe ich zuvor so noch nicht erlebt“, sagt Anna Tabor. „Das Team aus Ehrenamtlichen ist wunderbar.“ Und dieses Gefühl des Umsorgtseins, das seine Frau empfindet, ist auch für Frank Tabor eine große Erleichterung und trägt zu seiner emotionalen Stabilität bei.

Tabor hat sich nach mehreren Operationen und Nachbehandlungen bewusst gegen eine Chemotherapie entschieden. „Ich denke, dieser Entschluss hat mir und meinem Mann noch zwei überwiegend gute Jahre und viele schöne Erlebnisse geschenkt.“ Mit dem Sterben hat sich die leidenschaftliche Künstlerin intensiv auseinandergesetzt. „Natürlich ist es auch hier nicht leicht, die Menschen gehen zu sehen, aber es gehört einfach zum Leben dazu. In diesen Stunden wird man hier gut betreut und, falls erforderlich, sehr einfühlsam aufgefangen.“

Sie genieße die zuverlässige und liebevolle Betreuung, die ihr die Einrichtung biete. „Wenn ich Gesellschaft suche, schaue ich, ob ich jemanden zum Plaudern oder vielleicht sogar zum Schachspielen finde. Möchte ich alleine sein, ziehe ich mich in mein Zimmer zurück.“ Und sogar beim Essen werde nach den individuellen Vorlieben der Gäste gefragt. „Ich bin froh, hier zu sein, und dass es diesen Ort gibt, an dem ich der Mensch sein darf, der ich bin.“

Die in Danzig geborene Walsroderin erzählt weiter, dass sie oft schlechte, dazwischen aber auch immer wieder gute Tage habe. An den schlechten müsse sie zu ihrem eigenen Ärger auch schon mal weinen, aber an den guten, da male sie. „Oder sie begibt sich mit ihrem Mann Frank auf den Swutsch“, wirft Seelsorgerin Almuth Eckardt ein. So wie vergangene Woche. Da haben die zwei einen Ausflug nach Verden gemacht, und Frank Tabor hat seine Anna im Rollstuhl an der Aller entlanggeschoben.

Im Gespräch mit Anna Tabor, die sich jahrelang im Onkologischen Arbeitskreis Walsrode engagiert hat, ist deutlich zu spüren, dass sie ihre Krankheit weitgehend akzeptiert und ihr Schicksal angenommen hat. So wie es auch ihr ausdrücklicher Wunsch ist, nicht daheim gepflegt zu werden, obwohl ihr Mann – als die Entlassung aus der Palliativstation anstand – bereits alles entsprechend vorbereitet hatte. „Aber jetzt weiß und sieht er, dass es mir hier sehr gut geht.“

Anna Tabor räumt ein, dass auch ihr das Wort „Hospiz“ zunächst Schwierigkeiten bereitet habe und dass es sie nach wie vor bekümmert, dass der Begriff in der Öffentlichkeit negativ belegt sei. „Die Menschen glauben, es sei ein Ort, wo nur gestorben und geweint wird. Das ist aber völlig falsch. Hier wird auch viel gelacht.“ Und es wird gefeiert. So kürzlich die Silberhochzeit von Anna und Frank Tabor im kleinen Kreis.

Anna Tabor meint, dass sich schwerstkranke Menschen nebst ihren Angehörigen leider oft viel zu spät mit dem Thema Hospiz befassten. „Das muss viel eher geschehen.“ Sie selbst sei dankbar für ihre Zeit an diesem Ort. „Ich will eigentlich noch nicht gehen, aber so ist es nun mal“, sagt Anna Tabor und lächelt. Ihrem Gatten hat sie übrigens das Versprechen abgerungen, nach ihrem Tod mit dem Malen zu beginnen.

„Wir machen für die Gäste möglich, was möglich ist, selbst in der Coronakrise“, erklärt Almuth Eckardt. „Viele denken, im Hospiz gibt es nur Leid, aber wer herkommt, wird merken, dass die Menschen hier eine schöne Zeit haben.“

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