Zukunftswerkstatt hat den demografischen Wandel fest im Blick

„Wollen Meilenstein setzen“

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Rita Wegg und ihre Mitstreiter haben bereits viele Projekte angeschoben.

Weyhe - Von Anke Seidel. Weichen stellen und Netzwerke knüpfen – schlicht, schnell, effektiv. Mit dieser Strategie führt Rita Wegg die Zukunftswerkstatt Gesundheit und Pflege. Es ist ein Verein, der sich die großen Herausforderungen des demografischen Wandels zur Aufgabe gemacht hat: Gesundheit, Pflege, neue Wohnformen, Inklusion. Die Zukunftswerkstatt ist ein Forum, in dem sich Pflegedienste, Klinik-Vertreter, Mediziner und andere Fachleute zusammengeschlossen haben.

Kaum zwei Jahre alt ist der Verein, der aus einer Bürger-Initiative hervorgegangen ist. Trotzdem hat er schon zwei Strategien zur Beseitigung des Pflegenotstandes entwickelt und mit einer Ausstellung in Barnstorf praktische Antworten auf die Frage nach einem selbstbestimmten Leben im Alter gegeben.

Mehr noch: Kompetenzzentrum barrierefreies Wohnen – diesen Titel trägt ein Projekt, das schon in wenigen Wochen Alltag sein soll. „Im April wollen wir das Kompetenzzentrum an der BBS Europaschule in Syke eröffnen“, sagt Rita Wegg. Interessierte aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus sollen sich in dieser Musterausstellung darüber informieren können, wie man ein barrierefreies Bad gestaltet, worauf es bei einem guten Pflegebett ankommt, welche technischen Möglichkeiten heute ein selbstbestimmtes Leben bis zuletzt in den eigenen vier Wänden ermöglichen – und warum es sich auch für junge Familien lohnt, schon beim Bau des Hauses auf Barrierefreiheit zu achten.

„Es stehen alle Gewehr bei Fuß“, beschreibt die Vorsitzende das Engagement der Beteiligten, die mit ihrem gemeinsamen Projekt einen Meilenstein setzen wollen. Denn eine Dauerausstellung zu einem Thema, das angesichts des demografischen Wandels immer mehr Menschen betrifft – das ist ein Novum im Landkreis Diepholz. Und ein wichtiger Beitrag zur Schaffung von Lebensqualität im Alter, so stellt die 69-Jährige klar.

Weil sowohl angehende Maurer, Installateure und Pflegekräfte in dieser Dauerausstellung Impulse für den Beruf ihrer Wahl erhalten, steht für Rita Wegg völlig außer Frage, wo das Pflegekompetenzzentrum, um das der Kreistag lange gerungen hatte, entstehen muss: In unmittelbarer Nachbarschaft zum Kompetenzzentrum barrierefreies Wohnen, also in der BBS Europaschule Syke. „Es ist mir unbegreiflich, warum so lange nichts passiert ist“, blickt die 69-Jährige auf den Kreistagsbeschluss vom September 2014 zurück – und stellt klar, dass angesichts des Pflegenotstands mehr als dringend Handlungsbedarf besteht: „Zwei Heime in Syke mussten wegen mangelnden Personals bereits schließen“, warnt sie.

Das Image des Pflegeberufs aufzuwerten und dafür mehr junge Menschen zu begeistern, das hat der Verein schon mit der Gründung umgesetzt. „Unsere Imagekampagne für Realschüler läuft schon im dritten Jahr an der KGS Kirchweyhe und im zweiten Jahr an der KGS Leeste.“ Jungen Menschen ganz praktische Erfahrungen in diesem Beruf ermöglichen und damit Vorurteile abbauen, ist das Herzstück der Kampagne. Und das Ergebnis? „Unsere Feedback-Bögen zeigen uns, dass sich in der Regel ein oder zwei Schüler um einen Ausbildungsplatz in der Pflege bewerben wollen“, sagt Rita Wegg – und wertet die Resonanz dennoch als positiv: „Wenn nur einer eine Ausbildung in der Pflege macht, erreichen wir schon mehr als ohne die Kampagne.“

Immer wieder hebt Rita Wegg das Engagement der aktiven Vereinsmitglieder hervor, ohne die Aktionen und Initiativen nicht realisierbar wären: „Schön, dass sich so viele Menschen ehrenamtlich einbringen.“ Zwischen 22 und 40 Realschüler erreiche die Zukunftswerkstatt Jahr für Jahr mit der Initiative – und arbeitet unabhängig davon längst an einem Konzept, um eine andere Bevölkerungsgruppe für die Pflege zu gewinnen: Flüchtlinge.

Forum für

Betriebe geplant

Rita Wegg zeigt den sieben Seiten umfassenden Bogen, der dafür erarbeitet worden ist – Grundlage für ein Praktikum oder eine Hospitation in der Pflege oder der Hauswirtschaft. Sieben Flüchtlinge, die eine Bleibe-Perspektive haben, nehmen in Weyhe und in Stuhr an diesem Projekt teil. In Syke ist es einer. Das Ziel ist es, diese Menschen in Ausbildung zu bringen – und viele andere mehr. Deshalb plant die Zukunftswerkstatt im Frühjahr für den Bereich Stuhr, Weyhe und Syke ein Forum für Ausbildungsbetriebe, Flüchtlingspaten, Vertreter der Agentur für Arbeit, des Vereins Niedersächsischer Bildungsinitiativen sowie der Kommunen. „Dort wollen wir unser Konzept öffentlich machen“, sagt die Vorsitzende. Das Ziel ist es, genau das auf den gesamten Landkreis zu übertragen: „Dafür müssen wir erstmal das Netzwerk erweitern.“ Dann sei es durchaus denkbar, dass die Fachdienstleister in den Städten und Gemeinden es umsetzen – sprich vor Ort mit Leben füllen.

Genauso wichtig ist der 69-Jährigen und ihren Mitstreitern, dass der Pflegeberuf auch finanziell aufgewertet wird. Mehr Geld für die Ausbildung und ein höherer Lohn – das ist ein Herzenswunsch von Rita Wegg. In einer Zeit, in der immer mehr Agenturen die Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland anbieten. „Das Geld, was da draufgezahlt wird“, so Rita Wegg, solle besser den hier bereits in der Pflege Tätigen zugute kommen. Will heißen: Höhere Pflegesätze sollen her.

Die Werbung besagter Agenturen sieht die Vorsitzende der Zukunftswerkstatt mehr als kritisch: „Das ist Augenwischerei.“ Denn den Pflegebedürftigen würde eine Betreuung rund um die Uhr suggeriert. „Aber die ausländischen Kräfte arbeiten auch nur acht Stunden, können zum Teil kein oder nur unzulänglich Deutsch und wechseln in der Regel nach drei Monaten.“ Daraus ergibt sich für die 69-Jährige nur eine Schlussfolgerung: „Wir müssen die Lösung des Problems Pflegenotstand selbst in die Hand nehmen – umgehend!“

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