Holger Münch auf Heimatbesuch

BKA-Präsident analysiert im Weyher Rathaus Terror-Gefahr

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Vor mehr als 160 Zuschauern hat der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch im Weyher Rathaus in einer zweistündigen Veranstaltung eine Einschätzung zur Sicherheitslage in Deutschland abgegeben.

Weyhe - Von Anke Seidel. Wer strenge Sicherheitsvorkehrungen erwartet hatte, erlebte am Samstagmorgen im Weyher Rathaus eine Überraschung: Ohne Kontrollen durchlaufen zu müssen, aber mit nachdenklichen Gesichtern strömten mehr als 160 Interessierte in den Saal.

Denn Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, präsentierte in seinem Heimatort Weyhe Fakten und Hintergründe zu einem ebenso elementaren wie aktuellen Thema: „Freiheit bewahren – Sicherheit gewährleisten“. Dass zur besten Wochenendeinkaufs- und Rasenmähzeit Menschen aus Delmenhorst, Lemförde, Diepholz, Achim sowie der Region Stuhr/Weyhe und selbst aus Bonn gekommen waren, „das zeigt, dass das Thema Sicherheit die Menschen bewegt“, schickte Weyhes Bürgermeister Andreas Bovenschulte vorweg.

So überraschte es nicht, dass auch Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme, Polizeidirektor Bernd Kittelmann als Chef der Polizei im Landkreis Diepholz sowie Johann-Dieter „Olli“ Oldenburg als Leiter des Weyher Polizeikommissariates unter den Zuhörern waren. Die Polizei stehe vor „ganz, ganz neuen Herausforderungen“, stellte BKA-Präsident Münch mit Blick auf den Islamischen Staat fest, der in Deutschland und Europa Angriffsziele habe.

Münch erläuterte noch einmal die Hintergründe. Der „arabische Frühling“ sei kein demokratischer gewesen. Im Gegenteil: Islamistische und jihadistische Strömungen waren erstarkt – und hatten zu einem „Konkurrenzkampf“ des Terrorismus, zwischen IS und Al Kaida, geführt. Der islamische Terrorismus habe eine „große Dynamik“, stellte Münch fest. Gefahr bestehe vor allem durch Einzeltäter und Kleingruppen.

"Schusswaffen sind salonfähig"  

Sie würden eine Menge mitbringen, vor allem Kontakte. „Schusswaffen sind salonfähig geworden“, stellte Münch fest, „und nach den Kriegen auf Schwarzmärkten verfügbar“. Weltweit rufe der IS dazu auf, die „Ungläubigen“ mit allen nur denkbaren Mitteln anzugehen: „Das Ziel ist es, Angst und Unsicherheit zu verbreiten.“ Betroffen nahmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass grenzübergreifende Netzwerke aus „radikalisierten Personen“ und Jihad-Rückkehrern bestehen.

„Auch wir sind im Fokus“, stellte der BKA-Chef fest – und berichtete von 18 Deutschen, denen man Selbstmord-Attentate zutrauen müsse. Bei der Radikalisierung spiele die salafistische Struktur eine enorme Rolle. Münch berichtete von sehr vielen, „leider auch sehr geschickten Aktionen“.

Anfällig seien Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen

Anfällig dafür seien vor allem Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen – mit Problemen in der Schule und ohne persönlichen Halt: „Entscheidend ist das Umfeld!“ Gearbeitet werde mit emotionalem Bildmaterial – mit brutalen Hinrichtungsszenen genauso wie mit Filmen für junge Männer, denen ein Gefühl von Abenteuer und Heldentum vermittelt werde. Nicht wenige Bürger im Saal erschauerten sichtlich, als Münch Szenen aus einem „Werbefilm“ präsentierte – mit eindrucksvollen Bildern, rhythmischem Rap und der Aufforderung: „Wir können nicht länger warten. Vernichtet sie!“

Elf Anschlagsversuche habe es bisher in Deutschland gegeben, erfuhren die Zuhörer – und: „Wir sind schon sehr, sehr wachsam. Die Systeme, die wir nach dem 11. September 2001 aufgebaut haben, funktionieren“, sagte Münch. Das BKA führe mittlerweile 650 Ermittlungsverfahren gegen fast 1 000 Islamisten: „Das ist eine enorme Zahl.“ Hinweise auf Verdächtige gibt es – zum Beispiel bei wichtigen Fußballspielen – immer wieder. Sie zu verifizieren („ist da was dran oder nicht?“), das brauche Zeit.

Will heißen: Schnelligkeit ist eine enorme Herausforderung. „Wir müssen noch schneller werden!“, betonte der BKA-Chef. Er berichtete über das terroristische Abwehrzentrum in Berlin, in dem 40 Behörden zusammenarbeiten – rund um die Uhr mit einer probaten Alarmstruktur.

Sprunghaft war die Zahl der Gefährdungshinweise gestiegen: Von 200 im Jahr 2009 auf fast 500 im Jahr 2015. Entlarvt sind zurzeit 472 „Gefährder“ mit terroristischem Hintergrund. Davon leben laut BKA-Analyse 236 im Ausland und 71 sitzen in Haft. Die anderen 165 „müssen wir im Blick behalten“, betonte Münch. Ziel sei die maximale Abdeckung: „Wo sind sie? Was machen sie? Mit wem reden sie?“

Betroffen nahmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass auch Deutsche als Selbstmord-Attentäter in Syrien gestorben sind; dass es Hinweise auf Mitglieder terroristischer Organisationen unter Flüchtlingen gibt – und dass andererseits Flüchtlinge für die islamistische Szene angeworben werden sollten. Verdächtige versucht die Polizei durch den Abgleich von Bildern im Internet zu entlarven. „Sie erkennen keinen Terroristen am Fingerabdruck. Sie haben im Islamischen Staat keine Strukturen. Sie können dort nicht nachfragen“, betonte Münch.

Holger Münch im Weyher Rathaus

Und kam erneut auf die Anwerbeversuche der islamistischen Szene zu sprechen, die junge Menschen ködern will: Radikale Seelenfänger für den Terrorismus. „Hier ist bürgerschaftliches Engagement ganz entscheidend!“, sagte der BKA-Chef. „Je mehr man Jugendliche in Strukturen bekommt, in denen sie sich aufgehoben fühlen, umso geringer ist das Risiko der Radikalisierung!“ Die Prävention sei enorm wichtig. „Der Kampf gegen den Terrorismus ist ein Kampf um die Köpfe“, sagte Münch. Will heißen: Menschen – Köpfe – vor den Fängen des Radikalismus bewahren oder möglichst herausholen.

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