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Wirtschaftsprofessor über Inflation: „Preise werden jahrelang nicht zurückgehen“

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Von: Sigi Schritt

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Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel ist Gast der Leester Kirchengemeinde.
Wirtschaftsprofessor Rudolf Hickel ist Gast der Leester Kirchengemeinde. © Sigi Schritt

Der Hochschullehrer Prof. Dr. Rudolf Hickel unterstützt mit jüngsten Veröffentlichungen den Vorschlag zur Übergewinn-Steuer der Bundesratsinitiative des Landes Bremens. Für ihn ist der Tankstellenrabatt „ein Schuss in den Ofen“.

Weyhe – Am Donnerstag ist Rudolf Hickel, der Forschungsleiter für Finanzen am Institut Arbeit und Wirtschaft an der Universität Bremen, ab 20.45 Uhr Gast im Facebook-Livestream „Brot und Rosen“ der Leester Kirchengemeinde. Die Fragen an den Wirtschaftswissenschaftler stellte Redakteur Sigi Schritt.

Die Preise steigen. Was sind die Gründe dafür?

Wesentliche Gründe der Preissteigerungen liegen auf der Angebotsseite, nicht auf der Nachfrageseite. Dazu zählen die zuerst mit der Corona-Krise und dann dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine massiv zusammengebrochenen Lieferketten. Die Verknappung der Energie hat die wichtigen Preise nach oben getrieben. Mit bisheriger Lohnpolitik hat die Inflation nichts zu tun. Auch ist die Europäische Zentralbank nicht in der Lage, mit der Verteuerung des Geldes etwa den Gaspreis zu drücken.

Was glauben Sie, wann die Inflation enden könnte?

Wir werden in diesem Jahr mit einem Anstieg des Verbraucherpreisindexes um mehr als sieben Prozent rechnen müssen. Werden Erdgases und anderer Rohstoffe durch Russland weiter verknappt, wird die Geldentwertung höher ausfallen. Die Preise vor allem im Energiebereich und für Nahrungsmittel werden im Durchschnitt in den kommenden Jahren nicht zurückgehen. Auch der dringend erforderliche ökologische Umbau führt über CO₂-Abgaben und teure Rohstoffe für die Investitionen politisch gewollt zum Preisanstieg.

Was muss getan werden, um die Inflation zu stoppen?

Zuallererst muss die Preistreiberei durch den Missbrauch von Marktmacht bekämpft werden.

Die Spritpreise sind so hoch wie vor der Einführung des Tankrabatts. Bürger haben den Eindruck, die Kraftstoff-Konzerne maximieren ihre Gewinne. Muss das Kartellamt mehr Zugriffsrechte bekommen, um nicht nur die Endpreise, sondern auch die Wertschöpfungsketten zu bewerten?

Beim Benzin und Diesel wird plötzlich klar, hier agieren vertikal integrierte Mineralölkonzerne. Der in Sonntagsreden oft gefeierte Wettbewerb muss erst wiederhergestellt werden – wenn es sein muss, durch Entflechtung.

Was bedeutet der Ukraine-Krieg für die Region rund um Bremen?

Kein Bundesland, keine Stadt, keine Region kann sich den Folgen des Ukraine-Kriegs entziehen. Über allem steht die militärische Zeitenwende. Die neue, aber bittere Erkenntnis: Ökonomische Verflechtung schafft aus sich heraus nicht genügend Friedenskraft. Willy Brandts Entspannungspolitik betonte die Notwendigkeit einer Friedenspolitik.

Und unmittelbar?

Unmittelbar ökonomisch spürbar werden die Folgen durch die teuer gewordenen Produkte, etwa in der Bäckerei. Energieintensive Handwerksbetriebe können die Energierechnung nicht mehr bezahlen. Es gibt friedenspolitisch und sozialökonomisch nur die eine Vision: Zurück zur internationalen Verflechtung auf der Basis von Demokratie und Menschenrechten.

Was raten Sie Bürgern?

Vor dem Rat steht eine politische Voraussetzung: Die anhaltend hohe Inflation verlangt eine Politik des sozial ausgerichteten Inflationsausgleichs. Da ist der Tankstellenrabatt ein Schuss in den Ofen. Die Inflation ist zutiefst ungerecht. Deshalb müssen die Ausgleichsmittel gezielter auf die Einkommensschwachen ausgerichtet werden. Das gilt auch für diejenigen, die auf das Pendeln angewiesen sind. Auf dieser Basis sind die Bürger aufgefordert, auch mit Maßnahmen zum Energieeinsparen auch aus ökologischen Gründen zu unterstützen. Aber bitte nicht der Vorschlag, einkommensarme Menschen sollen die Heizung runterdrehen und warme Pullover anziehen. Diese zynische Symbolpolitik geht zulasten derjenigen, die heute schon unter Druck stehen.

Halten Sie eine Renationalisierung der Wertschöpfungskette für sinnvoll?

Ich würde nicht Renationalisierung sagen. Vielmehr geht es um den Ausstieg aus der Hyperglobalisierung. Heute ist zu Recht von der Deglobalisierung die Rede. Unternehmen beginnen, diese zu begreifen. Wenn heute ein Produktionsstandort in der Welt gewählt wird, dann spielen die Gefahren durch Lieferketten eine Rolle. Europa wird für Direktinvestitionen interessanter. Ein Beispiel ist die Ansiedlung der Chipproduktion in Sachsen-Anhalt. Auch wird eine stärkere nationale Vorratspolitik entscheidend. Das lehrt die Corona-Krise mit der notwendigen Verfügbarkeit über die Medikamente. Schließlich hat auch die lokale Wirtschaft ein Potenzial, das es auszuschöpfen gilt.

Die Hälfte aller Lebensmittel Deutschlands wird importiert. Was sollte geschehen, damit Essen und Trinken gewährleistet werden kann?

Ja, wir müssen innerhalb der Europäischen Union die entsprechende Produktion in den Mitgliedsländern zur Verfügung stellen. Aber die Weizenkrise infolge des Kriegs in der Ukraine lehrt auch, dass wir eine Verantwortung für die Armutsregionen der Welt haben.

Was darf global produziert werden?

Die Wirtschaftswissenschaft hat eine schlichte, aber heute nicht mehr zutreffende Antwort: Dort, wo die Kostenvorteile größer sind, sollte produziert werden. Bei dieser Entscheidung spielen die inhumanen Arbeitsbedingungen bis hin zur Ausbeutung keine Rolle mehr. Wir brauchen eine Weltwirtschaft mit der Anerkennung ethischer Regeln. Produktionsorte mit Kinderarbeit, Diskriminierung von Frauen und Verletzung anderer Menschenrechte müssen geächtet werden. Erst wenn die ethisch fundierte Ordnung eingehalten wird, kann auch wieder überall produziert werden. Ein richtiger Schritt in diese Richtung ist das Lieferkettengesetz für die gesamte Wertschöpfungskette.

Es gibt Arbeitgeberverbände, die keinen Tarif für notwendig erachten. Darf dieses amerikanische Denken (zum Beispiel bei Paketlieferanten) so sein?

Die Corona-Krise und die aktuelle Gefahr einer Stagflation zeigt, wir brauchen starke Gewerkschaften auf der Basis eines wirksamen Tarifvertragssystems. Ohne die besonnenen Gewerkschaften hätten wir die ökonomischen Folgen der Corona-Krise nicht bewältigt. Der Staat hat mit seiner Rettungspolitik diese Solidaritätsbasis der Gesellschaft in der Phase der Corona-Krise gestärkt.

Ist das die Zukunft der Arbeit? Oder sollte es eine Pflicht geben, dass jeder Arbeitnehmer in die Gewerkschaft eintritt?

Die Zukunft der Arbeit, unter dem Druck der Globalisierung, Digitalisierung und des ökologischen Umbaus, verlangt humane, gut bezahlte Jobs. Die fallen nicht vom Himmel. Im Gegenteil, profitwirtschaftliche bornierte Unternehmen versuchen, diese Herausforderungen auszunutzen. Dagegen stehen die Gewerkschaften. Eine Zwangsmitgliedschaft wäre allerdings nicht richtig. Erforderlich ist und bleibt die Überzeugungsarbeit. Aber die Trittbrettfahrer, die die Gewerkschaften verachten, die jetzt etwa beim Tarifabschluss in der Stahlindustrie die Vorteile mitnehmen, müssen beim Namen genannt werden.

Wie sehen Sie die Tarifsetzung? Sollen es die Tarifparteien machen oder sollte die Politik eingreifen?

In der aktuellen Lage brauchen wir eine Doppelstrategie. Der Staat sorgt über den sozialen Ausgleich, infolge der Inflation, auch zur Entlastung des Tarifvertragssystems. Arbeitgeber und Gewerkschaften sorgen für ein stabiles Tarifvertragssystem. Dazu gehört auch ein Lohnaufschlag als angemessener Beitrag zum Inflationsausgleich und eine Anerkennungsprämie für die Rettung der Betriebe.

Wie würden Sie das knappe Gas rationieren? Erst für die Bürger, dann für die Wirtschaft?

Da gilt das EU-Recht. Zuerst ist die gesellschaftliche Infrastruktur (Krankenhäuser) dran. Es folgt die Versorgung der Haushalte, die ihrerseits auf Einsparungen setzen. Dann erst kommt die Industrie. Bei der Industrie ist es sinnvoll, über Preise Gasmengen umzuverteilen. Aber sicherlich werden wir in den nächsten Monaten heiße Zuteilungsschlachten erleben.

Der Atomstrom ist in Europa plötzlich grün. Deutschland setzt auf regenerative Energien. Was löst die preiswerte Kernkraft aus? Haben wir als Effekt eine Abwanderung der Industrie zu befürchten?

Atomstrom ist für mich keine Alternative. Haben wir vergessen, warum wir mutig ausgestiegen sind? Eine Havarie (siehe Japan) vernichtet gesamte Großregionen, macht sie unbewohnbar. Atomkraftwerke implizieren das Risiko massenhaften Sterbens. Das ist ethisch nicht zu rechtfertigen. Wenn dies in anderen Ländern nicht so gesehen wird, umso schlimmer. Auch die karbonisierte Wirtschaft tötet über die Klimakatastrophe. Eine Ausnahme vom Verkohlungsverbot muss deshalb als alternativlos nachgewiesen und exakt zeitlich befristet werden.

Mitte der 2030er-Jahre haben wir in der EU keine Verbrenner mehr. Was ist dann mit den sogenannten synthetischen Kraftstoffen?

Ja, es geht um das Ende der fossilen, also CO₂-ausstoßenden Brennstoffe. Synthetische Kraftstoffe müssen geprüft werden. Dabei sollte jedoch die Produktion und Nutzung komplett ökologisch bilanziert werden.

Wird es durch die aktuelle Situation (Ernährung, Gas, Krieg, Umwelt) Marktveränderungen geben, die wir momentan noch nicht im Blick haben?

Ja, das hat uns bereits die Corona-Krise gelehrt: Nach dem Scheitern des arroganten Neoliberalismus mit der Pflege der Ego-Typen ist klar, wir brauchen mehr gemeinschaftliche Verantwortung unseres individuellen Tuns. Da gibt uns die christliche Soziallehre guten Rat. Die Ubuntu-Philosophie aus dem südlichen Afrika, die auch Mandela zu leben versuchte, bringt es auf den Punkt: „Ich bin, weil ihr seid!“ Dieses Wir vor dem Ich relativiert die Losung der Aufklärung mit dem mangelnden gesellschaftlichen Bezug: „Ich denke, also bin ich“ („Cogito ergo sum“).

Link zum Livestream

Die Ausgabe „Brot und Rosen“ mit Rudolf Hickel ist auch nach der Ausstrahlung hier zu finden: www.facebook.com/KircheLeeste/live

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