Wildes Parken macht Ärger

Aus Fläche für Kriegerdenkmal wird Grünlage: Gemeinde plant Areal in Erichshof neu

Nur ein paar steinerne Überreste erinnern an die Mahnstätte. Sie fungiert nun als ein Parkplatz.
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Nur ein paar steinerne Überreste erinnern an die Mahnstätte. Sie fungiert nun als ein Parkplatz.
  • Sigi Schritt
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Weyhe – Das wilde Parken an der Langen Reihe in Erichshof auf dem Gelände, das an dieser Straße ein Dreieck bildet, soll perspektivisch der Vergangenheit angehören. Auf diesem Grünareal befand sich 100 Jahre lang ein Kriegerdenkmal. Die Gemeinde hat es im Jubiläumsjahr abtragen lassen.

Hinter einem Absperrgitter befinden sich noch Steine, die zu einem Haufen geschichtet sind. Das sind die Überreste des Erichshofer Kriegerdenkmals. Es musste aber laut Gemeinde deshalb abgetragen werden, „weil es nicht mehr sanierungsfähig“ war. Als das Denkmal 1920 errichtet worden war, wurde es schlicht in den „Bau-Sand“ gesetzt – ein Fundament sucht man vergebens.

Wie der Gemeindearchivar Hermann Greve auf Anfrage mitteilt (siehe auch Historie am Ende des Textes), hatte sich der Abbruch (Kosten: 8000 Euro) über mehrere Wochen erstreckt, weil die Kupfertafel mit den Namen der Erichshofer Kriegsopfer aus dem Ersten Weltkrieg, sowie die beiden Bronzetafeln mit den Namen der Opfer aus dem Zweiten Weltkrieg sowie die Granitfindlinge und die Kunststeinelemente (Das Eiserne Kreuz und Elemente mit Inschriften) geborgen werden mussten. Sie sollen für ein neues Mahnmal wiederverwendet werden, das 2021 errichtet werden soll. Erste Entwürfe sollen bereits vorliegen.

Um an den Schrecken der Weltkriege zu erinnern, kamen diese Weyher am Kriegerdenkmal zusammen. Archiv

Die Grünanlage erhalte in Kürze zwei Bänke und bekomme im Herbst weitere Sträucher. Es soll eine Abgrenzung zur Langen Reihe geschaffen werden. Darüber hinaus soll die Rasenfläche bis zur Eiche hinter dem Erichshof-Gedenkstein komplett geschlossen und dieser Bereich künftig nicht mehr als Weg oder Parkfläche genutzt werden. Der Bauzaun erhält Tafeln mit Angaben über die Kriegsopfer, an die das abgebrochene Erichshofer Denkmal erinnerte und der Nachfolger wieder erinnern wird. Darüber hinaus werden die Tafeln über die Geschichte dieses Denkmals informieren. Das steht bereits fest: Am Tag des offenen Denkmals am 13. September 2021 soll es laut Gemeinde eine Infoveranstaltung auf dem Erichshofer Kriegerdenkmalgelände geben.

Hintergrund: Geschichte des Erichshofer Kriegerdenkmals:

Das am 17. Oktober 1920 eingeweihte Kriegerdenkmal im Ortsteil Erichshof ist das älteste von elf Mahnmalen, die an die Opfer der beiden Weltkriege aus der Gemeinde Weyhe erinnern. Es geht zurück auf einen Entwurf des Leester Architekten Heinrich Esdohr, der als Frontsoldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und nach der Rückkehr in seinen Heimatort die Planung zahlreicher „Ehrenmale“ übernahm. In Erichshof, bis 1928 eine selbstständige Gemeinde, führten ortsansässige Handwerker das Gros der Arbeiten aus. Sie verwendeten Granitfindlinge, die in Nachbargemeinden beschafft worden waren und auf der Baustelle behauen wurden. Das von dem wichtigsten deutschen Kriegsorden, dem Eisernen Kreuz, bekrönte Dach ist eine Maßanfertigung aus Kunstgranit und wurde vermutlich in einem Bremer Steinmetzbetrieb hergestellt. Nicht wenige Frontsoldaten aus Erichshof hatten das Eiserne Kreuz im Verlauf des Weltkrieges erhalten, doch der Orden war mehr als eine millionenfach verliehene Auszeichnung, er stand sowohl für die Gemeinschaft der deutschen Soldaten als auch für das Bekenntnis der Mehrheitsgesellschaft zum Christentum.

Vom Kriegerdenkmal in Erichshof ist dieser Steinehaufen übrig geblieben.

Wie die meisten seiner Landsleute war der Architekt und Familienvater Heinrich Esdohr davon überzeugt, dass die deutschen Kriegsopfer in einem Verteidigungskampf gegen eine „Welt von Feinden“ ihr Leben gelassen hatten. Dass das letzte deutsche Kaiserreich in hohem Maße mitverantwortlich war für den Ausbruch und die katastrophalen Folgen des „Großen Krieges“, fand keinen Platz im öffentlichen Leben der Weimarer Republik. Stattdessen wurde der Kampfeinsatz der deutschen Soldaten zur heldenhaften Großtat für das Vaterland stilisiert und in dieser Form zum zentralen Moment einer Gedenkkultur, die sich einer zukunftsfähigen europäischen Friedensordnung verschloss. Der Erste Weltkrieg hatte Menschenleben in bis dahin unvorstellbarer Zahl gefordert. Aus der kleinen Gemeinde Erichshof war ein Viertel der Gesamtbevölkerung zum Waffendienst einberufen worden – rund100 Männer. Mindestens 29 starben an der Front und in Lazaretten oder gelten als vermisst. Nur wenigen Angehörigen blieb ein Grab, das sie aufsuchen, an dem sie trauern konnten. Umso größer war die Bereitschaft, den Bau eines örtlichen Ehrenmals durch Geldspenden zu unterstützen. Für Heinrich Esdohr stand jedoch ein anderes Motiv im Vordergrund.

Es sei geradezu natürlich, schrieb er im September 1919, „daß unsere heiße Dankbarkeit“ gegenüber den Gefallenen und Vermissten und „unsere tiefe Bewegung, die wir aus schweren Tagen mit in die Zukunft nehmen, auch nach äußerem Ausdruck verlangt“. „Einfach und wuchtig“, erklärte Esdohr, sollten die Ehrenmale sein und Zeugnis ablegen „von den schlichten Heldengrößen ihres Dorfes“. Dieser Forderung wurde nicht zuletzt durch Inschriften Rechnung getragen, die das Schicksal der Opfer verklärten, ihrem Tod einen Sinn geben und damit zugleich Trost spenden sollten. „Den toten Helden zu Ruhm und Ehre“ verkündet bis heute in großformatigen Lettern das Erichshofer Denkmal. „Die dankbare Gemeinde“, ist zu lesen, habe es errichtet und „der Nachwelt gewidmet“. Die in eine Mauernische eingelassene Gedenktafel für die Opfer des Ersten Weltkriegs ergänzt den Text der Hauptinschrift mit den Worten „Im Großen Kriege 1914-18 erlitten den Tod für ihr Vaterland ...“ Drei weitere Nischen blieben nach der Fertigstellung unausgefüllt. Vermutlich sollten hier Flachreliefs angebracht werden, wie sie für die ebenfalls von Heinrich Esdohr konzipierten Kriegerdenkmäler in Lahausen und in Nordwohlde geschaffen wurden.

In die West- und Ostnische wurden 1956 Gedenktafeln für die Erichshofer Opfer des Zweiten Weltkriegs eingefügt. Sie enthalten die Namen von zwölf Vermissten und 48 Kriegstoten, unter ihnen drei Zivilisten, die während eines Luftangriffs in Bremen und durch Bodenkämpfe zwischen deutschen und britischen Truppen in Erichshof ihr Leben verloren.

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