Stillstand, Kurzarbeit, Kredite und Spenden

Weyher Theater kämpft wegen Corona-Auflagen ums nackte Überleben

Weyhe - „Bei uns läuft es seit Jahren wie blöd, und jetzt sind wir in der Existenz bedroht.“ Das sagt Kay Kruppa, Intendant des Weyher Theaters. „Wir gehen davon aus, dass es bis zum Ende der regulären Saison am 28. Juni keine Vorstellungen mehr geben wird.“

Kay Kruppa und Dramaturg Frank Pinkus sind aktuell in großer Sorge: Das Weyher Theater kämpfe in der Corona-Krise seit acht Wochen ums nackte Überleben. „Seit dem 13. März sind unsere Einnahmen gleich Null“, verdeutlicht der Intendant das große Problem.

„Wir finanzieren uns normalerweise nur durch den Verkauf von Eintrittskarten“, erläutert er. Für das Haus am Kirchweyher Marktplatz gebe es seit seinem Bestehen „keinen Cent an staatlicher Unterstützung“, so Kruppa. Der Optimist hofft, dass die privat finanzierten Theater in Deutschland bald wieder eine Perspektive bekommen und richtet einen Appell an die Politik. Denn der Lockdown der Privattheater wegen der Corona-Pandemie kann bedeuten, dass viele Häuser – insbesondere die kleineren in Deutschland – den Sommer nicht überleben werden. „Dazu zählen wir glücklicherweise nicht.“

„Kunst hat eine Bedeutung“ - doch Corona funkt dazwischen

„Kunst hat eine Bedeutung, die im Moment gerade verloren gegangen ist“, stellt Frank Pinkus fest. Und die Politik habe die prekäre Lage so mancher Privattheater nicht im Blick, pflichtet ihm Kay Kruppa bei. In den Staatstheatern sei nach seinen Infos niemand in Kurzarbeit. „Zumindest nicht in Niedersachsen“, fügt der Weyher hinzu. Die meisten Staatstheater seien „voll subventioniert“, sagt Kruppa. Ob jene Ensemble spielen oder nicht – sie bekämen „das volle Gehalt“. „Das ist ein zynischer Schlag ins Gesicht für alle, die Privattheater machen“, kommentiert er.

Möchte wieder proben: Dramaturg Frank Pinkus.

Im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Kruppa, dass es nicht etwa um ihn als Intendanten oder auch um Frank Pinkus als Dramaturg gehe, beide hätten die gesamte finanzielle Lage der vielen Schauspieler und die der vielen Mitarbeiter zum Beispiel in der Technik, Maske, Requisite, Bühne und Verwaltung im Blick. Es gehe um Schicksale, um Existenzen. Kruppa und Pinkus schildern die Perspektivlosigkeit. Es gebe zwar einen sogenannten Stufenplan der Regierung, aber Theater dürften demzufolge erst in der letzten, der Stufe 5, wieder öffnen.

Weyher Intendant wünscht sich von der Politik einen Theater-Zeitplan

Der Intendant wünscht sich von der Politik, dass ein Zeitraum genannt wird, wann Häuser wieder proben und öffnen können. Außerdem käme es noch auf die Umstände an. „Würde ein Sicherheitskonzept umgesetzt, würde das ein Zuwachs an Personal bedeuten“, so Kruppa. Dann müssten zum Beispiel auch die Adressen der Gäste aufgenommen werden. „Würden wir einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten, dann würden nur um die 50 Gäste ins Haus kommen, die sich auf die 313 Plätze verteilen.“ Das hätte fatale Folgen: Je nachdem ob Paar-Sitze besetzt würden oder nicht – betrage die Auslastung in diesem Fall nur bis zu 15 Prozent. Das Theater benötige aber laut Kruppa 85 Prozent, um die Schwarze Null zu erreichen. „Die geforderte Abstandsregel kann kein privates Theater in Deutschland einhalten. Wir sind darauf angewiesen, so viele Plätze wie möglich zu besetzen“, erläutert Kruppa das Geschäftsmodell. Außerdem sei es ein „Irrsinn“, wenn Schauspieler diese Regel auch auf der Bühne einhalten müssten.

Kruppa und Pinkus hätten in dieser Woche normalerweise den neuen Spielplan für die Saison 2020/2021 vorgestellt – ihr Heft sei jetzt nur noch Makulatur.

Auch der Terminkalender, der lange im Voraus beschrieben wird, verändere sich. Die Corona-Krise schreibt ihre eigenen Regeln. Deshalb hat Kruppa seinen Wandkalender bereits mehrfach überklebt.

Wünscht sich Planungssicherheit: Der Intendant Kay Kruppa.

Zurück zum Beginn des Lockdowns Mitte März: Direkt nach der Generalprobe des Stücks „Nur Träume können fliegen“, hatte das Haus die festangestellten Schauspieler in die Kurzarbeit geschickt. „Der ganze Saal hat geheult“, blickt Frank Pinkus zurück. Insgesamt 36 Vorstellungen – einschließlich Vorabvorstellung und Premiere – seien bis jetzt ausgefallen. Und die Schauspieler, die „nur“ für eine Produktion dazu gebucht worden sind, hätten sich gleich arbeitslos gemeldet.

Seit acht Wochen also Stillstand auf der Bühne – Ausgefallen ist außerdem die Produktion „Männer allein zu Haus“. Die Komödie hätte in dieser Woche Premiere gefeiert – insgesamt 32 Vorstellungen waren angesetzt gewesen. Ausgefallen sind bislang auch die Heinz-Erhardt-Abende. Frank Pinkus und Kay Kruppa beklagen ebenfalls den Abschied von drei Johnny-Cash-Vorstellungen.

Ist im März über die Generalprobe nicht hinausgekommen: Die Produktion „Nicht nur Träume können fliegen“.

Was bedeutet Kurzarbeit für die Schauspieler? Die übliche Arbeitszeit wurde auf Null reduziert, so Kruppa. Auch Pinkus und Kruppa befinden sich in Kurzarbeit, sie würden aber immerhin noch die Hälfte ihrer Zeit im Unternehmen verbringen können. Während der Staat einen Teil des Gehaltes und der Sozialabgaben deckt, sieht es jedoch für die freien Schauspieler, die nur je Produktion engagiert werden, laut Kruppa ganz bitter aus. Die freien Darsteller hätten für die Produktion „Nur Träume können fliegen“ sechs Wochen ohne Lohn geprobt. Ohne die Corona-Krise wäre das auch in Ordnung und trotzdem für sie lohnenswert, erklärt Kruppa, weil sie später pro Einsatz auf der Bühne bezahlt würden. „Wir spielen wochenlang ein Stück, sodass sie ein garantiert gutes Auskommen haben“, so Kruppa. Anderswo werden Schauspieler auch für 40 Vorstellungen engagiert, aber dann fallen welche aus. Wir geben eine echte Garantie, zahlen aber kein Probengeld.“ Seit Sommer 2002, seit dem Stück „Why not“, hat das Weyher Theater rund 5000 Vorstellungen gegeben und nicht eine sei ausgefallen, erinnert Kruppa. „Wir unterstützen unsere freien Kollegen und haben jetzt Probengeld gezahlt“, sagt Kruppa. Das Weyher Theater lebt nicht nur Solidarität vor, es bekommt auch Wärme zurück.

„Wir können zurzeit nur durch eine Neuverschuldung und Kredite überleben“, sagt Frank Pinkus. „Wir sind der Kreissparkasse Syke dankbar, dass sie hinter uns steht und sich durch Kreditzusagen als ein verlässlicher Partner erweist“, ergänzt Kruppa. „Wir hatten uns mit dem Neubau des Theaters hoch verschuldet. Vieles ist abgetragen, aber noch nicht alles.“ Jetzt komme eine Summe wieder obenauf.

Wichtig, dass es Menschen gibt, die an das Weyher Theater glauben

Aus Sicht der Verantwortlichen sei es „immens wichtig“, dass es Menschen gibt, die an das Theater glauben, auch wenn einige möglicherweise den Eindruck hätten, es versinke gerade in der Versenkung. „Freunde des Hauses spendeten Geld“, berichtet Pinkus. Der höchste Einzelbetrag war 1500 Euro.

Frank Pinkus und Kay Kruppa appellieren an die 3 500 Abonnenten und andere Gäste, bereits gekaufte Karten nicht zurückzugeben. „Wir holen die Stücke nach. Die Karten werden umgebucht“, versprechen beide. Das gilt auch für das geplante Open-Air-Spektakel im Sommer in Thedinghausen.

Was ist, wenn alle Ticketinhaber ihr Geld zurückfordern würden? „Dann ist Feierabend“, so Kruppa.

Rubriklistenbild: © Sigi Schritt

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