Albert Gerling-Jacobi sucht Interessierte, die ehrenamtlich auf die Kanzel wollen

Weyher Pastor als Talentscout unterwegs

Will als Pastor Laien sprichwörtlich die Türen öffnen, damit diese mit dem Segen der Kirche Gottesdienste leiten dürfen: Albert Gerling-Jacobi.
+
Will als Pastor Laien sprichwörtlich die Türen öffnen, damit diese mit dem Segen der Kirche Gottesdienste leiten dürfen: Albert Gerling-Jacobi.

Weyhe – Seelsorge für Senioren sei wichtiger denn je. Das sagt Pastor Albert Gerling-Jacobi, der für den Kirchenkreis Syke-Hoya ein großes Problem lösen will: Es fehle der Kirche schlicht das Personal, um die Menschen speziell in Alten- und Pflegeheimen zu erreichen, die sich von der Kirche Kraft und Hilfe erhoffen.

„Ich bin wie ein Talentscout unterwegs“, sagt der langjährige Pastor der Kirchweyher Felicianus-Gemeinde. Nur suche er keine angehenden Fußballprofis, sondern Interessierte, die ehrenamtlich Gottesdienste und Andachten gestalten. Das sei der Grund, weshalb der 60-Jährige seinen Fundraising-Job im Kirchenkreis aufgegeben hat und sich nun einer ganz neuen Aufgabe widmet und dabei immer wieder die Altenheime besucht. Er sei in den vergangenen Wochen bereits gut herumgekommen. „Seelsorge in den Altenheimen funktioniert“, lautet sein erstes Fazit nach vier Monaten. Neben den drei Einrichtungen in Weyhe – Lerchenhof in Leeste, Bahnhofstraße und Richtweg in Kirchweyhe – schaut der 60-Jährige zudem in jeweils drei Seniorenheimen in Bruchhausen-Vilsen und Syke vorbei. „Die Betreuung in Altenheimen ist insbesondere für die wichtig, die mit der Kirche traditionell verbunden sind“, so Gerling-Jacobi.

Der Seelsorger bekomme zudem die Probleme, die Corona den Betroffenen und auch den Pflegekräften bereitet, mit: Die Einsamkeit der Menschen als eine Nebenform von Corona sollte seiner Meinung nach viel stärker als bislang in den Vordergrund gerückt werden. Wie viele Menschen sterben an einem Herzinfarkt, weil sie nicht zum Arzt gehen? Wie viele ältere Menschen gehen in der Corona-Zeit an gebrochenem Herzen ein? Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen will Albert Gerling-Jacobi als Sprachrohr in der Pandemie eine Grundsatzdiskussion anstoßen. Die müsste aus seiner Sicht die Gesellschaft längst führen. „Sie tut es aber nicht“, bedauert er.

Es gehe dem Weyher Geistlichen um einen Abwägungsprozess. Einerseits gebe es die berechtigte Sorge um die betagten Senioren, das Risiko einer Ansteckung durch Corona möglichst gering zu halten. Andererseits könnten die Folgen der Abschottung – Besuchseinschränkungen und fehlende Gemeinschaft untereinander – laut Gerling-Jacobi traumatisch werden. Glücklicherweise gebe es die Besuchsverbote, die im Frühjahr 2020 ausgesprochen worden sind, nicht mehr. Jetzt müssten Besucher jedoch Schnelltests absolvieren, so der Pastor. Das sei in den Pflegeheimen nur im Kraftakt zu schultern. Durch die Einsamkeit altern die Menschen schneller, will Albert-Gerling beobachtet haben. Er würde lieber mit vielen Menschen sprechen, um sie auch zu trösten, aber es sei aus Sorge um das Infektionsgeschehen schon schwierig über einen Flur zu laufen, um fünf Leute zu besuchen.

Worum es den betagten Menschen geht? Sie benötigten den Zuspruch anderer. Ein Satz, den Gerling-Jacobi in einem Altenheim gehört hat, blieb hängen: „Ich bin im März Uroma geworden und habe das Urenkelkind noch nicht gesehen.“ Diese Worte habe der Pastor „nicht nur einprägsam“ gefunden, sie beschreiben für ihn, „was in den Pflegeheimen passiert“.

Die Bewohner würden zum Beispiel genau schauen, wen die Familie über Weihnachten abholt und wen nicht. Es sei für das Heim stets „eine Gratwanderung zwischen Schutz und einem Besuchermanagement.

Obgleich der kirchliche Personalbestand bedingt durch die Zahlen der Gemeindemitglieder landauf und landab sinke, will der Kirchenkreis dennoch eine geistliche Begleitung sicherstellen, erklärt Gerling-Jacobi die Idee. Aber wie kann ein einziger Pastor auf die vielen älteren Menschen eingehen, ohne wie ein Schaffner zu wirken, der durch Waggons eines vollen ICE hetzt? An einer Lösung ist Gerling-Jacobi beteiligt: Es müsse ein Stamm von Ehrenamtlichen gefunden werden.

Diese Ehrenamtlichen in den Reihen der Gläubigen aufzuspüren und zu bestärken, eine Ausbildung anzugehen, das sei seine eigentliche Mission. Selbst einige Christen wüssten nicht, dass die Aufgabe, Gottesdienste zu organisieren, nicht ausschließlich den Pastoren obliegt, erklärt Gerling-Jacobi. Gottesdienste könnten nämlich Lektorinnen und Lektoren sowie Prädikantinnen und Prädikanten gestalten. Dazu müssten Interessierte aber „eine spezielle, nebenberufliche Ausbildung absolvieren, an deren Ende eine Berufung und Beauftragung steht“. Gerling-Jacobi erklärt den Unterschied: „Lektoren gestalten und leiten eigenverantwortlich Gottesdienste.“ Sie verfassen die Gebete, suchen die Lieder aus und übernehmen dann im Gottesdienst alle Aufgaben, die sonst ein Pastor übernimmt. Für die Predigt orientieren sie sich an einer sogenannten Lesepredigt. Prädikanten schreiben und verantworten ihre Predigten selbst. Außerdem dürfen sie im Gottesdienst das Abendmahl leiten. „In Weyhe gibt es noch keine Prädikanten“, aber das könne sich noch ändern. Er sei ganz zuversichtlich. Albert Gerling-Jacobi will nicht missverstanden werden: Er sei nicht Ausbilder, sondern Koordinator. Es sei schon ein gewisser Aufwand, bis eine Gemeinde die Erlaubnis erteilt, auf die Kanzel zu dürfen.

Wer an einer Lektoren- oder Prädikantenausbildung oder an einer anderen Art von Gemeindedienst interessiert ist, kann sich bei Albert Gerling-Jacobi unter der mobilen Telefonnummer 0151 / 56 36 78 18 melden.

Von Sigi Schritt

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Biathlon: Die besten Bilder zum Weltcup in Antholz

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Das Ruhrgebiet und seine Schlösser

Die richtige Pflege für Anemonen

Die richtige Pflege für Anemonen

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Einsteiger-Rundreise durch Indonesien

Meistgelesene Artikel

Helgstrand Dressage füllt Gestüt in Syke-Wachendorf mit neuem Leben

Helgstrand Dressage füllt Gestüt in Syke-Wachendorf mit neuem Leben

Helgstrand Dressage füllt Gestüt in Syke-Wachendorf mit neuem Leben
Schreckliche Erfahrung: Weyherin im Taxi sexuell belästigt – Bewährungsstrafe für Fahrer

Schreckliche Erfahrung: Weyherin im Taxi sexuell belästigt – Bewährungsstrafe für Fahrer

Schreckliche Erfahrung: Weyherin im Taxi sexuell belästigt – Bewährungsstrafe für Fahrer
Fitnessstudios: Unterschiedliche Wege im Corona-Lockdown

Fitnessstudios: Unterschiedliche Wege im Corona-Lockdown

Fitnessstudios: Unterschiedliche Wege im Corona-Lockdown
Wohin in Sulingen mit den Lkw bei Nacht?

Wohin in Sulingen mit den Lkw bei Nacht?

Wohin in Sulingen mit den Lkw bei Nacht?

Kommentare