Weyher Mediziner Dr. Vassilios Kardalinos hat Tipps für hellenische Regierung

„Patient Griechenland“ ignoriert „ärztlichen Rat“

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Der in Brinkum praktizierende Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologe und Proktologe Dr. Vassilios Kardalinos analysiert den „Intensivpatienten Griechenland“.

Weyhe - Von Sigi Schritt. „Griechenland erinnert an einen Patienten, der von der Intensivstation direkt nach Hause entlassen werden will. Gegen den ärztlichen Rat.“ Der Weyher Mediziner Dr. Vassilios Kardalinos analysiert die Lage in seinem Geburtsland. Er war kürzlich selbst vor Ort, um zu wählen. Jetzt hat er für die neue hellenische Regierung Tipps parat. Das neue Links-Rechts-Bündnis unter Führung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras macht in Europa mit der harschen Kritik an Deutschland und Themen wie „Grexit“ mit der Wiedereinführung der Drachme Schlagzeilen und sorgt bei Weyher Bürgern mit griechischen Wurzeln für reichlich Gesprächsstoff.

„Ich habe die doppelte Staatsangehörigkeit“, sagt der 49-jährige Weyher Arzt, der regelmäßig seine Familie besucht. Der Europa- und Euro-Befürworter hätte sich lieber gewünscht, dass die abgewählte Regierung die Politik der Konsolidierung – allerdings mit Abstrichen – fortsetzt. „Erste zarte Erfolge waren schon sichtbar.“

„Die Menschen, die am meisten von den Sparmaßnahmen betroffen sind, Arbeitslose, Rentner, Arbeiter, hoffen, dass sie vom Regierungswechsel nach dem Motto ‚Wir haben nichts mehr zu verlieren‘ profitieren.“

Kardalinos glaubt, dass der 2011 eingeschlagene Weg des Sparens zwar nicht falsch, aber möglicherweise zu radikal und zu kurzfristig war. „Die Lohnkosten mussten runter und die Steuereinnahmen gesteigert werden. Allerdings hat die Bevölkerung dadurch stark gelitten und musste extreme Opfer bringen.“ Die Arbeitslosigkeit beträgt 26 Prozent, 300000 Menschen können sich keinen Strom leisten, und jeder zweite Jugendliche ist ohne berufliche Perspektive. Durch diese Umwälzungen werden laut Kardalinos Analyse Politiker und Parteien gewählt, die den Menschen eine schnelle Besserung ihrer Situation versprechen, allerdings ohne genauer zu erklären, wie dieses erreicht werden soll.

„Die Gesellschaft ist gespalten. Und die radikalen Parteien haben Zuwachs. Viele Griechen haben die harten Maßnahmen im Laufe der Zeit nicht mehr eingesehen, zumal diese von der ungeliebten Troika (Dreigespann aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank sowie Internationalem Währungsfonds, Anm. d. R.) diktiert wurden.“

Der Weyher Arzt sieht als mögliche Lösung die Streckung der Schulden, vielleicht sogar teilweise einen Schuldenerlass und eine Umschuldung. Zurzeit wird der kleine Haushaltsüberschuss nur zur Bedienung der Schulden verwendet. Ebenso die neuen Kredite. Aber ein Teil des Geldes müsse zur Verbesserung der industriellen Infrastruktur und der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit verwendet werden, mahnt der Arzt. „Die Einnahmen sollten über die Besteuerung der wirklich Reichen und die Bekämpfung der Korruption gesteigert werden“, fordert der Mediziner.

Der Weyher Hellene ist außerdem der Ansicht, dass das „Grexit“-Szenario, also ein Austritt aus dem Euro-Raum, für das Land fatal wäre, weil es fast alles importiert, und entsprechend die Importe für die Bevölkerung unerschwinglich werden. „Ich hoffe, dass auch die neue Regierung weiß, dass ein ‚Grexit‘ weit mehr Opfer abverlangen würde als der Status Quo.“

Kardalinos kritisiert die früheren Äußerungen von Tsipras Koalitionspartner Panos Kammenos von den Rechten, der nach Medienberichten Griechenland als ein „besetztes Land“ ansehe, das „seine Befehle von Angela Merkel bekommt“. „In der Tat ist das neue Bündnis ungewöhnlich, aber opportun“, so der Familienvater. Er glaubt weder an eine Deutschlandfeindliche Haltung noch daran, dass künftig Urlauber vergrault werden. Das Gegenteil sei der Fall. „Ich denke nicht, dass man als Tourist Angst haben muss. Der Tourismus ist eine der Haupteinnahmequellen und zeigte in den vergangenen drei Jahren eine gute Erholung.“

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