Freundschaft mit Franzosen: „Herzenssache“

Hermann Ahrens (90) berichtet von Momenten, die ihn in der Nazi-Zeit schockiert haben

Blickt zurück auf zahlreiche Jahrzehnte, in denen er sich für seine Mitmenschen engagiert hat: Hermann Ahrens.
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Blickt zurück auf zahlreiche Jahrzehnte, in denen er sich für seine Mitmenschen engagiert hat: Hermann Ahrens.

Weyhe – Hermann Ahrens aus Kirchweyhe wirbt für ehrenamtliches Engagement: Man gibt der Gesellschaft etwas zurück, sagt er. Die Gründung der Interessengemeinschaft (IG) Weyhe-Coulaines, die Sicherung des ehemaligen Hastra-Gebäudes für die Gemeinde und das Wirken als Vize-Bürgermeister im Rahmen seines kommunalpolitischen Mandats sind nur Beispiele dafür, wie sich der Landwirt immer wieder für die Wesergemeinde eingesetzt und Weyher Geschichte geprägt hat.

Hermann Ahrens ist das letzte lebende Gründungsmitglied der IG Weyhe-Coulaines. 1971, drei Jahre vor der Gebietsreform, aus der die Gemeinde Weyhe hervorging, war der Kirchweyher Teil einer Delegation, die nicht nur Frankreich besuchte, sondern auch die heutige Partnergemeinde Weyhes, Coulaines. Die Franzosen hätten die Weyher herzlich empfangen. Irgendwelche Ressentiments habe er nicht gespürt. Für Ahrens stand damals fest, er wolle sowohl einen Beitrag zur Aussöhnung mit Frankreich leisten als auch grundsätzlich die Völkerverständigung mit Engländern und Amerikanern vorantreiben. Friede komme nicht von alleine, man muss sich darum immer wieder bemühen, sagt er. Die Kindheit prägte ihn.

Ahrens, geboren 1931 in Kirchweyhe, hatte die Nazizeit in Deutschland und den Zweiten Weltkrieg aus der Sicht eines Schülers erlebt. Er selbst habe wahrgenommen, dass damals im Land etwas nicht gestimmt hat. Ahrens spricht die Juden-Verfolgung an, von der angeblich niemand etwas mitbekommen haben wollte. Doch das könne nicht stimmen, sagt er.

Mehrmals sei für ihn blankes Unrecht sichtbar gewesen. „Ich kam einmal vom Friseur und sah 100 Frauen in Holzpantoffeln und KZ-Anzügen“, sagt er. Die Frauen seien am Kirchweyher Friedhof vorbeigegangen und gingen in Richtung Kirchweyher Bahnhof. Sie seien aus Stuhr-Obernheide gekommen. Die Frauen seien unterernährt gewesen. „Die damaligen Erwachsenen haben das gesehen. Man hörte keinen Menschen sprechen.“ Von jenen Erlebnissen berichtete der junge Hermann Ahrens in seinem Elternhaus. „Ganz Kirchweyhe hat das gewusst.“

Bilder, die verstören

Eine weitere Szene, die der Weyher anspricht, hatte ebenfalls etwas mit der Bremer Schülerevakuierung zu tun – als Reaktion auf die Luftangriffe auf Hamburg.

Hermann Ahrens besuchte in der Hansestadt das Gymnasium am Barkhof. 1943 galt es für ihn, seinen Mitschülern und den Schülern anderer Schulen wegen bevorstehender Alliierten-Angriffe die Stadt aus Sicherheitsgründen zu verlassen. „Wir sollten vor den Bombenteppichen gerettet werden“, erinnert er sich. In Bautzen habe Ahrens später mit anderen Bremer Jungs „unglaublich viele Flüchtlingszüge“ gesehen. Die jungen Bremer versorgten Menschen mit Kaffee. Aber dieses Bild verstörte ihn: Auf einem Nebengleis standen Güterwaggons. Die Türen, so Ahrens, konnte man in verschiedenen Stellungen verschließen. Arme streckten sich aus den Öffnungen. „Ich wollte zu den Menschen gehen, um heißen Kaffee anzubieten.“ Doch dazu sei es nicht gekommen.

„Ich bekam mit einem Gewehrkolben einen Stoß in den Rücken. Hinter mir stand ein SS-Mann im Tarnumhang.“ Das war ein Todeszug zu einem Konzentrationslager. Von einem deutschen Soldaten so behandelt zu werden, habe ihn damals schockiert. „Da brach einiges zusammen“, so Ahrens. Auf der Rückfahrt Richtung Bremen habe er Bombenangriffe erlebt und aus 150 Kilometern Entfernung eine Flammensäule der brennenden Stadt Dresden gesehen.

Panzer aus Richtung Syke

Wieder zurück in Kirchweyhe habe er den Einmarsch der Engländer vom Kirchturm aus erlebt. Panzer aus Richtung Syke bewegten sich Richtung Dreye, wo eine Flakbatterie stand.

„Die ersten Gehöfte in Lahausen brannten.“ Dass auch der Hof seiner Eltern durch Panzerbeschuss das gleiche Schicksal teilen werde, ahnte er nicht. „Mit der Befreiung ist unsere Existenz zerstört worden“, so Ahrens.

Schließlich wurde der Familie Ahrens eine Baracke zugeteilt, in der sie zehn Jahre wohnten. „Wichtig war, dass wir alle lebten und ein Dach über dem Kopf hatten.“

Herren mit Aktentaschen stiefeln über eine Weide

Den Aufbau Deutschlands verbindet er mit einer Szene: Herren mit Aktentaschen seien über eine Weide zu einer Ackerfläche gestiefelt. Sie kamen vom sogenannten Lastenausgleichsamt Hannover, die einen Lastenausgleich zugunsten der Vertriebenen und Ausgebombten nach dem Zweiten Weltkrieg errechneten. Die, die vom Krieg wirtschaftlich nicht betroffen waren, und die Wohlhabenden sollten die Soforthilfen des Bundes finanzieren. „Das war der Start des westdeutschen Wirtschaftswunders. Der Lastenausgleich war ein Startkapital.“ So hätten Vertriebene sehr günstige Kredite bekommen, um zum Beispiel in Weyhe Fuß zu fassen. Es gab genug Anlässe, um zu investieren, sagt Ahrens.

Hermann Ahrens stimmte damals sowohl für den Bau des Kirchweyher Freibads als auch für den Bau des Leester Rathauses ab.

Der gelernte Landwirt heiratete seine Bahn-Pendler-Liebe Margarete und zog auf deren Hof, den das Paar gemeinsam bewirtschaftete. Es bekam drei Kinder. „Unser Sohn Eylert mit seiner Familie setzt die Landwirtschaft fort“, so Hermann Ahrens.

Der 90-Jährige betont, dass Kriege um jeden Preis vermieden werden müssen. Deshalb sei ihm die Völkerverständigung auch so wichtig. Die Aussöhnung mit Frankreich finde er rückblickend als gelungen. „Städtepartnerschaften haben weiterhin Zukunft“, sagt er. „Ich wundere mich allerdings, dass erwachsene Menschen am Sinn der Europäischen Union zweifeln. Das geht über meinen Horizont. Früher haben sich Deutsche und Franzosen totgeschossen.“

Gründung des Rotary Syke

Dass Weyher mit Coulaines eine Partnerschaft vereinbarten, war Ahrens „eine Herzensangelegenheit“. Damit aber nicht genug: Er habe mit anderen die Organisation Rotary Syke gegründet. Ziele waren damals wie heute humanitäre Dienste. Die Rotarier setzen sich für Frieden und Völkerverständigung ein. Außerdem nutzen Rotarier ihr soziales und berufliches Netzwerk, um anderen Menschen zu helfen. Zweimal habe der Weyher mit anderen Rotariern die USA besucht und die Gruppen geleitet.

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Der Christdemokrat Hermann Ahrens gehörte für rund vier Jahrzehnte den Gemeinderäten Kirchweyhe und Weyhe an. Unter anderem fungierte er auch als Vize-Bürgermeister. Große Entscheidungen fielen in seine Ära. Ahrens stimmte zum Beispiel für den Bau des Freibads und für den Rathausneubau ab. Dass heute die Jugendwerkstatt und das Jugendhaus im gemeindeeigenen Trafogebäude untergebracht ist, ist auch ein Stück weit ihm zu verdanken.

Wurde nicht abgerissen, sondern durch einen Antrag von Hermann Ahrens gerettet: Das Trafo-Gebäude, in dem unter anderem das Jugendhaus untergebracht ist.

„Es war mein Antrag, das Hastra-Gebäude zu kaufen. Das Trafo-Gebäude, ein geklinkerter Stahlbau, darf man doch nicht wegreißen.“ Ein Trafo stand unter Denkmalschutz. Den hat man dann nach Harpstedt gebracht. Die Hastra, heute Avacon, hat damals laut Ahrens mit dem Wasserkaftwerk Dörverden Weyhe mit Strom versorgt. Die Einspeisung ins Weyher Stromnetz sei in Kirchweyhe erfolgt.

Ahrens habe ebenfalls daran mitgewirkt, dass Kirchweyhe eine Museumsdampflok bekam. Zusammen mit Elektromeister Karl-Heinz Stickan und weiteren Weyhern habe Ahrens Anfang der 90er-Jahre sich erfolgreich um ein Stahlross bemüht. Diese Dampflok steht heute in der Nähe des Kirchweyher Bahnhofs und kann dort an besonderen Tagen besichtigt werden.

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