Verstörende Hilfeschreie

Szenisch-musikalische Lesung zum Holocaust-Gedenktag berührt Gäste

Die Darsteller der Shakespeare-Company und Ingrid Söfty (l.) zu Beginn des ergreifenden Abends. Foto: Husmann
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Die Darsteller der Shakespeare-Company und Ingrid Söfty (l.) zu Beginn des ergreifenden Abends.

Weyhe - Von Heiner Bœntemeyer. Zusammen mit Sykes Bürgermeisterin Suse Laue hat Weyhes stellvertretende Bürgermeisterin Ingrid Söfty am Sonntag die Gäste im voll besetzten Weyher Ratssaal zu einer literarisch-musikalischen Lesung der Bremer Shakespeare-Company aus Anlass des Holocaust-Gedenktages begrüßt.

Es gebe immer weniger Zeitzeugen, daher sei wichtig, sich an diesem Tag der unvorstellbaren Schrecken zu erinnern, die während damals geschehen sind, so Söfty. „Es ist unsere Absicht, mit diesem Gedenken gegen Rechtspopulismus, Antisemitismus, Ausgrenzung und Diskriminierung von Bevölkerungsgruppen eindeutig Stellung zu beziehen“, fuhr sie fort.

Ensemble-Mitglied Peter Lüchinger berichtete, dass die Bremer Shakespeare-Company mit ihrer Aktion „Akten auf die Bühne“ den Opfern des Holocausts eine Stimme geben will.

Briefe und Tagebuchaufzeichnungen von Opfern der Nazis standen im Mittelpunkt des Abends. Sie waren authentisch, die Menschen hatten einen Namen. Aber die drei Darsteller zitierten auch Zettel mit unvollständigen Notizen, die irgendwo aus den in die Vernichtungslager rollenden Züge geworfen oder irgendwo versteckt und erst später wiedergefunden wurden. Ihre Verfasser blieben namenlos, ihre Hilfeschreie aber nicht weniger verstörend.

Erika Spalke, Peter Lüchinger und Michael Meyer zitierten erschütternde Zeilen, die man gerne nicht gehört hätte: „Passt auf meine verwaisten Kinder auf“, schreibt eine Mutter, und ein junger Mann schreibt: „Sage Duscha, dass ich gerne gelebt haben würde“. Der Brief eines Vaters an seinen Sohn endet mit den Worten: „Pierre, Pierre, mein Pierre - ich küsse dich. Dein Vater“.

Aber selbst in den aussichtslosesten Situationen gaben einige der Gedemütigten ihre Hoffnung nicht auf. „Gott ist gut, und er wird uns nicht verlassen“, heißt es in einem Brief und in einem anderen „Vielleicht geschieht noch ein Wunder. Ich habe immer an Wunder geglaubt. - Morgen werden sie mich abholen“.

Ein seinerzeit 15 Jahre alter Jugendlicher beschreibt die Brutalität der Blockwarte, die Schikanen der Bewacher, und berichtet auch, wie sich im Überlebenskampf alle gesellschaftlichen Regeln auflösten. Wie sich das Recht des Stärkeren durchsetzte, Verbrecher sich zu Herren über Leben und Tod aufschwangen, wie Menschen vor Hunger irre wurden. „Für einen Schluck Wasser zerspringt fast das Herz“ und „Die Gedanken kreisen nur ums Essen“, heißt es in den Texten. „Man wartet, und man weiß nicht, auf was man wartet“, hat der 15-Jährige seinem Tagebuch anvertraut.

Aber die drei Darsteller zeigten auch die andere Seite: Oskar Gröning, der erst vor wenigen Jahren wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen zu Gefängnis verurteilt wurde und seine Strafe niemals angetreten hat, beschreibt als Vermögensverwalter der den Häftlingen in Auschwitz abgenommenen Wertsachen die Situation aus seiner Sicht. Wie er sich arrangierte, wie bei ihm das Verdrängen zur Gewohnheit wurde, wie er ein Teil der Vernichtungsarbeit wurde und wie er sich vor seinem Gewissen der Verantwortung entzogen hat.

Die Darsteller zitierten Gedichte und Lieder von Ilse Weber. Sie wurde in Auschwitz ermordet, aber ihr Ehemann versteckte die Texte und veröffentlichte sie später zusammen mit weiteren Gedichten seiner Frau, die ihm Überlebende übermittelt hatten. „Ihre Gedichte waren uns so wichtig wie das tägliche Brot“, zitierte Lüchinger aus einem der Briefe. Die Texte hätten außerdem vielen Überlebenden geholfen, sich in der neuen Wirklichkeit wieder zurechtzufinden.

Umrahmt wurde diese Gedenkstunde von zeitgenössischen Liedern, bei denen Michael Meyer Erika Spalke auf der Gitarre begleitete.

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