1070 Kilometer unterwegs

Susanne und Jan Wiznerowicz sind die Via Lusitana gepilgert

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Der Herausgeber der Pilgerwegbeschreibung der Via Lusitana, Hermann Haas (rechts), war extra aus Aachen nach Leeste gekommen, um sich den Vortrag von Susanne und Jan Wiznerowicz anzuhören, die im Sommer 2018 diesen 1 070 Kilometer langen Pilgerweg gegangen waren. Kleines Bild: der Verlauf der Via.

Weyhe - Von Heiner Büntemeyer. Wer schon einmal mit dem Auto von Weyhe nach Warschau oder Mailand, nach Wien oder Südtirol gefahren ist, wird wissen, dass die 1000 Kilometer lange Reise jedes mal ein „echter Schlauch“ ist. Auf den Gedanken, diese Strecke zu Fuß zurückzulegen, würde kaum jemand kommen. Es sei denn, er pilgert. Mit 1070 Kilometern ist die Via Lusitana sogar noch länger. Dieser uralte Pilgerweg führt von Vila Real de Santo Antonio an der Algarve im Süden Portugals, dem ehemaligen Lusitanien, bis nach Santiago de Compostela in Nordspanien und ist daher ebenfalls ein Jakobsweg.

Dieser portugiesische Pilgerweg war im Verlauf der Jahrhunderte weitgehend in Vergessenheit geraten, denn es war bequemer, das Grab des Jacobus in Santiago de Compostela auf dem Seeweg zu erreichen. Doch vor etwa 15 Jahren hat Hermann Haas aus Aachen ihn wiederentdeckt und exakt beschrieben. Vom 2. Juni bis zum 16. Juli 2018 haben Susanne und Jan Wiznerowicz die Via bewältigt. 1070 Kilometer. Zu Fuß. In 43 Etappen mit Strecken zwischen 10 und 40 (!) Kilometern.

Am Dienstag waren mehr als 20 Gäste in den Gemeindesaal nach Hörden gekommen, wo die jungen Eheleute, die vielen Weyhern als Kirchenmusikerpaar bekannt sind, über ihre Erlebnisse und Erfahrungen auf diesem beschwerlichen Weg berichteten. Im Gegensatz zu den meisten Pilgern waren sie nicht den Spuren Hape Kerkelings auf dem „Camino Francés“ gefolgt, sondern hatten Hermann Haas kontaktiert und die Via Lusitana gewählt. Dieser Weg ist noch nicht durchgehend markiert und nur wenig bekannt.

Mit dem Segen der evangelischen Kirche Bremen-Horn hatten sich Susanne und Jan Wiznerowicz auf den Weg gemacht. Von Vila Real de Santo Antonio führte der Weg durch malerische Städte, wunderschöne Natur und eine faszinierende Landschaft mit schier endlosen, einsamen, baumlosen Hochflächen. Tagsüber war es auf den Hochflächen fast unerträglich heiß, während es nach Sonnenuntergang sehr schnell abkühlte.

Sie querten die tiefen Flusstäler des Tejo und des Douro, wanderten mutig zwischen frei umherlaufenden Rinderherden hindurch, die auf der Wegstrecke grasten, und entdeckten Wasserschildkröten und seltene Insekten. Was sie unterwegs dagegen nur selten sahen, waren Menschen.

Morgens brachen sie sehr früh auf, um noch einige Kilometer zurückzulegen, bevor es heiß wurde und die Sonne brannte. Unterwegs legten sie immer kleine Pausen ein, um den müden Füßen und den zeitweise sehr schmerzenden Gelenken eine Erholungspause zu gewähren. Jan Wiznerowicz war durch Beschwerden an der Achillessehne gehandicapt, sodass sie unterwegs sogar die Kunst des kinesiologischen Tapens lernten.

Ziel der Reise war Santiago de Compostela, doch der Weg dorthin führte auch ins eigene Innere. Das Ehepaar spürte intensiv Eigenschaften wie Offenheit, Vertrauen und Dankbarkeit, die im Alltag zu oft zu kurz kommen. Sie fassten Vertrauen zu sich selbst, zum Partner und zu anderen Menschen, „und wir sind nie enttäuscht worden“, berichteten sie. Mit allen Sinnen hätten sie die Umgebung wahrgenommen, und sie hätten gelernt, auch für Kleinigkeiten dankbar zu sein. „Das Äußere hilft auf dem Weg nach innen“, fasste Jan Wiznerowicz diese Eindrücke zusammen.

Trotz einiger Warnungen sind sie diesen Weg zu zweit gegangen. Es habe Paare gegeben, die sich beim Pilgern getrennt haben. Die Alternative dazu sei, unterwegs noch näher zueinander zu finden, sich gegenseitig zu unterstützen und zu motivieren, gemeinsam die Natur zu erleben, Zweifel zu zerstreuen, die Ödnis zu ertragen und Hindernisse zu überwinden. Ganz wichtig sei es, sich auch ohne Worte zu verstehen. „Man schweigt automatisch“, so Jan Wiznerowicz.

Das Paar ist auf der gesamten Via keinem einzigen Pilger begegnet. Menschen, die ebenfalls diesen Weg pilgern wollen, geben sie den Rat, sich zuvor einige portugiesische und spanische Sprachkenntnisse anzueignen.

Der Wiederentdecker der Via, Hermann Haas, war zu diesem Vortrag extra aus Aachen angereist. Die beiden waren auch während der sechs Wochen mit ihm im ständigen Dialog, um Veränderungen an der Strecke zu melden und den von ihm herausgegebenen Wanderführer entsprechend zu aktualisieren. Haas bedankte sich: „Schöner hätte der Pilgerweg nicht dargestellt werden können.“

Das letzte Foto des Abends zeigte die Kathedrale von Santiago aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Auf dem Rücken liegend haben sie dieses eindrucksvolle Bauwerk fotografiert und entsprachen dabei einem Pilgerritual, das ihnen nach der Tour nur zu verständlich ist: „Das Gefühl, nach den körperlichen und seelischen Strapazen angekommen zu sein, ist unbeschreiblich“, so Wiznerowicz, der auch die Erkenntnis aller Pilger zitierte: „Am Ende eines jeden Weges beginnt ein neuer.“

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