Bessere Erreichbarkeit

Notdienst-Ärzte kritisieren bundesweite Rufnummer - Ärztevereinigung gelobt Besserung

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Wollen im Interesse der Patienten die Rufnummer 0421/8006060 behalten: Piet Lueßen (v.l.), Angelika Schütze-Buchholz und Andreas Schreckenberg als Vorstand des Ärzteverbunds Nord.

Seit 1. Januar ist der ärztliche Bereitschaftsdienst bundesweit über die 116117 erreichbar. Die Notdienst-Ärzte aus Weyhe üben harsche Kritik, jetzt reagiert die Ärztevereinigung.

Update, 17. Januar: Der Ärzteverbund Nord schlägt Alarm, weil die bundesweite Servicenummer 116117 große Probleme bereitet. Wie bewertet die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) das? „Die KVN hat den gesetzlichen Auftrag, die telefonische Erreichbarkeit umzusetzen“, so Michael Schmitz als Geschäftsführer der KVN in Verden auf Anfrage. 

„Am ersten Wochenende hat dies leider nicht funktioniert. Mittlerweile laufen die Systeme weitgehend akzeptabel, werden aber ständig optimiert. Somit werden in den nächsten Wochen alle 80 Bereitschaftsdienstbereiche wieder technisch und organisatorisch eingebunden.“

Arztvereinigung kritisiert Terminservicestellen

Grundsätzlich kritisiere die KVN die Einführung der Terminservicestellen durch den Gesetzgeber. „Dadurch lösen wir nicht die Probleme des Ärztemangels und schaffen auch keine vernünftige Steuerung der Inanspruchnahme unseres heutigen Gesundheitssystems.“ Die Terminservicestelle suggeriere den Bürgern eine uneingeschränkte Inanspruchnahme rund um die Uhr: „Dazu passen nicht die Ressourcen im ambulanten und stationären Bereich“, so Schmitz. 

Die Steuerung des Bereitschaftsdienstes mache Sinn. Aber über die zentrale Rufnummer werde Erreichbarkeit an sieben Tagen rund um die Uhr suggeriert. Zumindest im ländlichen Bereich aber seien die Praxen ausgelastet.

Notdienst-Ärzte kritisieren zentralen Bereitschaftsdienst

Erstmeldung, 15. Januar: Weyhe – Seit Jahresbeginn sollen Patienten in Notsituationen unter der bundesweiten Rufnummer 116117 Hilfe finden. Doch der Vorstand des Ärzteverbunds Nord beklagt ein „dysfunktionales Bürokratiemonster“ mit deutlich zu langen Wartezeiten – vor allem aber mit der Gefahr viel zu später ärztlicher Hilfe und fatalen Fehleinschätzungen.

Die Mediziner im Ärzteverbund Nord waren zufrieden mit dem direkten Draht zwischen dem ärztlichen Bereitschaftsdienst in Weyhe und den hilfesuchenden Patienten. Die Rufnummer 0421/8006060 garantierte das.

Ärzteverbund Nord kritisiert bundesweiten Bereitschaftsdienst

Doch mit Jahresbeginn war sie Geschichte: Über die bundesweite Rufnummer 116117 mussten plötzlich alle Kontakte laufen. Mit fatalen Folgen: „Uns liegen haufenweise Berichte vor von Patienten, Angehörigen, Notärzten und niedergelassenen Kollegen über stundenlange Wartezeiten, grobe Fehleinschätzungen der geeigneten Versorgungsebene und Besuche bei Patienten, die mittlerweile schon im Krankenhaus versorgt wurden oder gar nicht mehr zu Hause waren“, stellt der Vorstand des Ärzteverbunds Nord fest – und hat einen Brandbrief an den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) geschrieben – exakt sieben Tage nach Start der bundesweiten Rufnummer 116117 und des zentralen Callcenters in Duisburg.

Das, so sieht es der Vorstand des Ärzteverbunds Nord, ist hoffnungslos überfordert. Denn bereits seit dem 5. Januar würden die Patienten wieder direkt auf die Rufnummer 0421/8006060 geschaltet, berichtet Andreas Schreckenberg als Vorstandsvorsitzender des Ärzteverbunds Nord gemeinsam mit Stellvertreterin Angelika Schütze-Buchholz und Schriftführer Piet Lueßen.

Bereitschaftsdienst in Weyhe fast beschwerdefrei

Über die Rufnummer 0421/8006060 hatte der ärztliche Bereitschaftsdienst in Weyhe im vergangenen Jahr rund 15.000 Patienten versorgt, so Andreas Schreckenberg. Er fügt hinzu: „In dieser Zeit hat es nur eine schriftliche Beschwerde gegeben.“ Doch in den ersten fünf Tagen mit dem bundesweiten Callcenter hätten sich bereits 25 Patienten beschwert.

Zwar sei immer wieder versichert worden, dass im Duisburger Callcenter qualifiziertes Personal eingesetzt werde, das nach einer Checkliste arbeite. Doch nach den Rückmeldungen vermuten die Mediziner in Weyhe dort „Mitarbeiter ohne wesentliche fachliche Ausbildung“ und geben zu bedenken, „dass die meisten Praxen aus gutem Grund nur besonders erfahrene und verlässliche medizinische Fachangestellte mit der komplexen und hochverantwortlichen Aufgabe der telefonischen Erstannahme betrauen“. 

Bundesweite Callcenter-Lösung mit fatalen Folgen

Die bundesweite Lösung habe fatale Folgen: „Feine Untertöne, die persönliche Kenntnis der Fähigkeiten des diensttuenden Arztes, lokale Besonderheiten und Vorkenntnisse gehen in einem standardisierten Interview zwangsweise verloren – mit der Gefahr entscheidender Fehleinschätzungen“, warnen die Mediziner.

So berichtet Andreas Schreckenberg von einem Patienten, der sich gegen Mitternacht unter der 116117 um ärztliche Hilfe bemüht, aber erst nach vier Stunden jemanden erreicht habe. „Dann hat man ihm gesagt, dass er angesichts der aktuellen Zeit, vier Uhr morgens, ja direkt in die Praxis gehen könne.“ Dort habe er sich dann vier Stunden später vorgestellt – mit akuten Lungenproblemen, eine Infusion sei notwendig gewesen.

Ausstellung eines Totenscheins dauert acht Stunden

In einem anderen Fall war ein Arzt erforderlich, um nach einem Todesfall einen Totenschein auszustellen. „Das hat dann insgesamt acht Stunden gedauert, bis er vor Ort war“, berichtet Piet Lueßen über zeitliche Informationsverzögerungen.

Dass der Druck hoch ist, kann Angelika Schütze-Buchholz durchaus verstehen: „Die Fehl-Inanspruchnahme bei Kliniken ist sicherlich hoch.“ Deshalb müsse es eine Steuerung geben. Genauso wichtig sei aber die Aufklärung der Patienten darüber, ab wann etwas gefährlich sein könne. Die Ärztin beobachtet mittlerweile eine „generalisierte Angst, die sich breit gemacht hat“.

Genau deshalb hält der Vorstand den direkten Kontakt zu den Menschen, die medizinische Hilfe suchen, für unabdingbar. „Der Patient entscheidet, was ein Notfall ist“, formuliert es Lüßen, „aber wir müssen es verantworten. Deshalb möchten wir selbst gefragt werden“.

Laut Gesetz: Ohne Auftragsnummer kann kein Arzt handeln

Stattdessen müssten Ärzte nun nach einer Auftragsnummer handeln. Das sei Gesetz, akzeptiert der Vorstand. Aber wie der Mensch darin gesehen wird, das entlarvt laut Andreas Schreckenberg eine einzige Formulierung: „Der Leistungserbringer erhält eine Auftragsnummer.“ Von Arzt und Patient sei nicht mehr die Rede.

Deshalb fordert der Vorstand des Ärzteverbunds Nord die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen auf, „die gefährlichen und unzumutbaren Misstände umgehend zu beseitigen oder besser noch auf unser derzeit ziemlich aktionistisches Bundesministerium für Gesundheit einzuwirken, diese unsinnige Regelung aus dem Gesetzestext zu entfernen“. Sprich: die bundesweite Callcenter-Lösung aufzuheben – zumal die kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe bereits ausgeschert seien.

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