Einsatzhundertschaft beendet rechte Demo in Kirchweyhe

„Integrationsfest wird nachgeholt“

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Kirchweyhe - Von Sigi Schritt. Den letzten Tag ihrer Amtszeit in Weyhe hatte sich Bettina Preißner vor dem Wechsel als Erste Gemeinderätin nach Osterholz anders vorgestellt: Statt fröhliche Stunden zu erleben, hat die Leiterin des Fachbereichs Ordnung und Soziales am Samstag – kurz vor 14 Uhr – das Integrationsfest der Wesergemeinde auf dem „Weyhe-total“-Festgelände nach einer unangemeldeten Versammlung von rund 100 Neonazis auf dem Marktplatz absagen müssen. Die örtliche Polizei habe die Sicherheit nicht mehr garantieren können, sagte sie.

Die Enttäuschung stand nicht nur ihr ins Gesicht geschrieben, sondern auch den vielen Flüchtlingspaten wie Jürgen Lemmermann, Pastorin Gudrun Müller, und Hannelore Leifeld von der Kindernothilfe. Sie hatten sich auf ein friedliches Fest mit Musik und Vorführungen – unter anderem mit 250 Mitgliedern der Tanzschule Nadine Reiners – gefreut, das die Rechtsextremen nun unabsichtlich gesprengt hätten. „Ich bin sauer“, kommentierte Preißner. Der Aufmarsch der Nazis hinterlässt Fragen – von den Sicherheitsbehörden sei die Rathausmitarbeiterin sehr kurzfristig informiert worden.

Besucher des Festes erlebten, wie Rechtsextreme aus mehreren Bundesländern auf der Bahnhofstraße, an der Kreissparkasse und der Eisdiele vorbeizogen. Weyhe hat nach Einschätzungen aus Polizeikreisen noch Glück gehabt. Bei einer Überprüfung an der Bahnhofstraße habe sich herausgestellt, dass zumindest ein rechter Demonstrant gerichtlich gesucht worden sei. Beamte sahen die ungebetenen Gäste als „gewaltbereit“ an, und die Anzahl hätte noch deutlich ansteigen können, hieß es. Das eigentliche Ziel sei aber eine rechte Großdemo in Hamburg gewesen, die ein Gericht kurzfristig verboten hatte. Anreisende Rechtsextreme wollten daraufhin nach Bremen. In der Hansestadt verhinderten Beamte das Aufeinandertreffen zwischen rechten und linken Gruppierungen. Ein kläglicher Haufen entschied sich für eine Kundgebung um 12.30 Uhr am Bahnhof Kirchweyhe. Die Rechtsextremen erinnerten an den Tod von Daniel S., teilte die Polizeiinspektion Diepholz mit.

Das Integrationsfest hätten die Rechtsextremen nicht auf dem Zettel gehabt, versicherte Bettina Preißner. Aber den Flüchtlingen, die Gewalt und Terror erlebt hatten, wollte die Gemeinde die angespannte Situation nicht zumuten. „Begleitet von nur vier Polizisten marschierten rund 100 Anhänger der rechten Szene an uns vorbei“, beschreibt Walter Reiners von der Tanzschule die Szene kurz vor Beginn des Festes. „Die ungebetenen Gäste skandierten rechtsextreme Parolen“, sagte er. „Ich hätte gerne mal einem Neonazi ins Auge geschaut, ob so einer auch ohne Rudel eine große Klappe hat.“ Fünf Minuten später erschienen plötzlich eine Einsatzhundertschaft aus Schleswig-Holstein und Beamte der Bundespolizei. Sie kesselten die Demonstranten ein. „Das geschah ruhig und professionell mit einem Lächeln auf den Lippen“, zollte Reiners den Beamten Respekt.

Rechte Demonstranten in Kirchweyhe

Die Verstärkungskräfte waren zuvor in Hamburg und Bremen eingesetzt. Sie hatten verhindert, dass ganze Busse mit Neonazis ins Umland der Hansestadt auswichen. In Weyhe erteilten die Beamten zahlreiche Platzverweise und brachten etwaige Straftaten, unter anderem nach dem Versammlungsgesetz, zur Anzeige. Laut Polizei war es während der Versammlung in Kirchweyhe zu keinerlei körperlichen Auseinandersetzungen oder Sachschäden gekommen. „Das lag aber an der massiven Polizeipräsenz“, versicherte ein Beamter. Denn Beobachter hatten Nazigrößen aus ganz Deutschland ausgemacht. Weyhes Bürgermeister Andreas Bovenschulte lobte die Ordnungskräfte, die Lage rasch unter Kontrolle gebracht zu haben.

Deshalb hätte Heinz-Hermann Kuhlmann als Organisator von „Weyhe total“ an seiner Abendveranstaltung ungehindert festhalten können. „Und das ist gut so“, sagte Bovenschulte. „Wir lassen uns nicht von Neonazis vorschreiben, wann, wie und wo in unserer Gemeinde gefeiert wird“, so der Bürgermeister. „Weyhe ist bunt, nicht braun! Das war immer so, und das wird immer so bleiben.“ Für ihn und Vize-Bürgermeister Frank Seidel ist klar: „Wir werden selbstverständlich das abgesagte Integrationsfest nachholen."

Polizei löst rechte Demo in Kirchweyhe auf

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