Aktion „Therapeuten am Limit“: Mitorganisator Jens Uhlhorn zieht positives Fazit

Gesundheitsminister Spahn setzt sich für Protestler ein

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Der Physiotherapeut Jens Uhlhorn setzt sich für seine Berufskollegen ein. 

Weyhe - Von Sigi Schritt. Die bundesweite Aktion „Therapeuten am Limit“ war „ein unfassbarer Erfolg aus berufspolitischer Sicht“, sagt Jens Uhlhorn. Der Leester Mitorganisator zieht ein positives Fazit. Sein Berufskollege aus Frankfurt/Main, der Physiotherapeut Heiko Schneider, hatte – wie bereits berichtet – in einem Brandbrief die Missstände der Berufssparte angeprangert und eine Protest-Radtour nach Berlin organisiert, die mit einer Demo vor dem Bundesgesundheitsministerium endete.

„Wir wurden vom Bundesministerium für Gesundheit wahrgenommen. Außerdem bekamen wir für unser Anliegen durch Presse, Funk und Fernsehen eine große Reichweite“, berichtet Uhlhorn. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat Tage später laut Uhlhorn „mehrfach in seinen Livechats auf Facebook & Co. Bezug auf die Protestaktion genommen, als er über Veränderungen im Gesundheitssystem sprach. Uhlhorn geht davon aus, dass die Aktion ursächlich dafür ist, dass über die Sommerpause „unsere Berufsverbände zu Gesprächen eingeladen werden, um über die Zukunft und konkrete Maßnahmen zu sprechen“. Der Weyher wünscht sich, dass Therapeuten mehr Entscheidungsfreiheit in der Therapie bekommen. Weiterhin sollte die Honorierung nach oben angepasst werden. Spahn ignoriere die Probleme nicht – im Gegenteil. „Er hat mehrfach betont, etwas verändern zu wollen“, so Uhlhorn.

Aus Sicht der Protestler ist deren Aktion wie in den Lauf der Politik gespielt. Uhlhorn hat in Berlin erfahren, dass „alle Parteien an Lösungen arbeiten. Das wird nur nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen“. Ein Abgeordneter von der CDU-Fraktion, Roy Kühne aus Northeim, ist selbst Physiotherapeut und im Bundestag Berichterstatter seiner Partei für Heilmittelerbringer und -pflege“.

Während Uhlhorn und seine Mitstreiter in Berlin unterwegs waren, haben die Krankenkassen Statistiken vorgestellt, wonach die Dienstleistungen der Heilmittelerbringer im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent eingebrochen sind. Als Heilmittelerbringer gelten Ergo-Therpeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, Masseure, Diätassistenten und Podologen, erklärt Uhlhorn. Der Weyher nennt diese Berufsgruppe, die „nur 3,2 Prozent des Gesundheitssystems ausmacht“ und eigentlich im Verhältnis zu Krankenhäusern und Ärzten unbedeutend erscheint, „die Bienen des Gesundheitswesens. „Wir vermeiden Pflege und Rente, wenn wir eine sofortige und nachhaltige Nachsorge nach Operationen ermöglichen“, begründet der Physiotherapeut. Die Krankenkassendaten erfassten sowohl die Anzahl der ärztlichen Verordnungen als auch die tatsächlichen Behandlungen. Jetzt sei eine deutliche Diskrepanz auffällig. Das Problem: Es fehlen alleine in diesem Jahr 35 000 Physiotherapeuten.

Jens Uhlhorn (2. v. l.) trifft im Bundestag auf die Mitglieder des zuständigen Ausschusses.

Uhlhorn lobt die Politik: Sie hat die Weichen schon mal gestellt, aber die Geschwindigkeit der Züge stimmt noch nicht. Sie müssten mehr Fahrt aufnehmen. „Wenn wir uns die Zahlen bis 2025 anschauen, dann werden wir bis dahin 35 Prozent mehr Behandlungen als jetzt erledigen müssen, wobei die Anzahl der Therapeuten um ein Viertel zurückgeht.“

„In der Gesundheits- und Pflegedebatte geht es meistens um Kosten und Zahlen“, so Uhlhorn. „Worüber wir nicht mehr diskutieren, ist über Teilhabe. Wir schieben die Leute eher in die Pflegeheime ab, in der es auch kein Personal gibt“, kritisiert der Weyher.

Es gelingt „unserer Gesellschaft nicht, die Betroffenen mobil oder teilmobil zu halten. „So macht es einen großen Unterschied, ob man selbst auf die Toilette gehen kann oder nicht. Das medizinische Wissen ist längst da: Sechs Monate ist der Zeitraum, in der das Gehirn nach einem Schlaganfall besonders regenerationsfähig ist. Wenn die Patienten von den Heilmittelerbringern behandelt werden, ist die Chance groß, nicht in die Pflege abzurutschen.“ Später seien die Einflussmöglichkeiten geringer. „Durch das Liegen wird die Atmung schlechter, die Muskulatur baut ab und die Leistungsfähigkeit des Gehirns nimmt weiter ab.

Ein Pflegeplatz koste etwa 3 500 Euro im Monat im Schnitt, so Uhlhorn. „Für diese Summe könnten wir Patienten ein ganzes Jahr betreuen. Daran kann man erkennen, wie groß der Hebel, also die Möglichkeiten im Gesundheitssystem, ist.“

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