„Der ewige Jugendkreis“: Eine Gedenkstele für Hermann Willemsen

Matrazenfeiern in den 70ern: Disko im Dunkeln

1968: Frankreich-Fahrt der Kirchweyher Jugend.
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1968: Frankreich-Fahrt der Kirchweyher Jugend.

„Der ewige Jugendkreis“: Das ist der Name für eine 40-köpfige Clique um die Kirchweyher Kirchenvorsteher Gerd Brüning, Frauke Wetjen sowie Friedhofsekretärin Silvia Windler. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig an Geburtstagen und anderen Veranstaltungen und erinnern jetzt an jenen Mann, der sie zusammengeschweißt hat: Hermann Willemsen. Er war von 1966 bis zu seinem Schlaganfall im Jahr 1980 Diakon in der Felicianus-Kirche. Er war wie ein wandelndes Jugendhaus und hat sich weit über die Grenzen seines Berufs engagiert. Deshalb spendierte die Clique ihm eine Gedenkstele auf dem Friedhof.

Kirchweyhe – 1968: Es ist das Jahr der Studenten-Unruhen in Deutschland und in Frankreich. Es herrscht Aufbruchstimmung, beschreibt der Lahauser Gerd Brüning seine Empfindung aus jener Zeit und steigt tief in die Geschichte ein. Er war damals 14 Jahre alt und erinnert sich noch gut an jenen Mann, der aus Konfirmanden verschiedener Jahrgänge einen weltoffenen und reiselustigen Freundeskreis hat entstehen lassen: Hermann Willemsen. Der Diakon hat gemeinsam mit Jugendlichen der Kirchweyher Kirchengemeinde ungewöhnliche Wege eingeschlagen.

Andere träumen vom Italien-Urlaub: Weyher reisen 1968 nach Frankreich

Man träumte damals vielleicht vom Italien-Urlaub, leisten konnten sich den nur wenige. Ausflüge hatten eher Museen und Jugendherbegen in der Umgebung zum Ziel. Hermann Willemsen hat den fünf Jahre zuvor geschlossenen Staatsvertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit zum Anlass genommen, eine Frankreich-Reise zur Seine-Mündung zu organisieren. Der Ort sei weit entfernt vom Pariser Hotspot gewesen, von dem sich eine Streikbewegung ausbreitete, die am Ende mit zehn Millionen Streikenden das politische Establishment schockierte. Unterm Strich bewirkten sie in Frankreich die Erhöhung des Mindestlohns, Tariferhöhungen, eine Verkürzung der Arbeitszeit, mehr Mitbestimmung und andere arbeitrechtliche Verbesserungen.

Damit nach Frankreich auch jeder mitfahren konnte, hatte Willemsen kurzerhand einen Bus organisiert, ein Kirchweyher Fahrlehrer steuerte das Fahrzeug. Die Küsterin wurde am Ziel als Köchin verpflichtet. „Sein Pragmatismus war toll.“ Was es zum Essen gab? „Erbsensuppe. Es gab kein Sonderprogramm.“

„Er hat uns Toleranz gelehrt und mich politisiert“

Neben Gerd Brüning war Heino Wiese ein weiterer Teilnehmer. Er habe „außerordentlich gute Erinnerungen an diese Zeit“, schildert der ehemalige Bundestagsabgeordnete und Landesgeschäftsführer der SPD, der derzeit russischer Konsul in Niedersachsen ist. Mit Hermann Willemsen sei er das erste Mal in Frankreich gewesen. „Er hat uns Toleranz gelehrt und mich politisiert. Wir haben in den Diskussionen mit ihm über Frieden, Freiheit und soziale Verantwortung gesprochen, eine kabarettistische Aufführung geplant und aufgeführt. Ich spielte die Rolle eines Hippies und hatte eine Perücke aus Flachs. Es war ein großartiges Erlebnis, das ich nie vergessen werde.“

Solche Reisen waren damals nicht üblich

Es blieb nicht bei einer Reise. Weitere folgten unter anderem nach Österreich sowie auch zu Zielen in Süddeutschland. „Solche Reisen waren nicht üblich Ende der 60er-Jahre“, betont Frauke Wetjen.

Diakon setzt alle Hebel in Bewegung

Da es Eltern gab, die ihren Kindern die Reise nicht bezahlen konnten, hatte der Diakon jedes Mal alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit das nötige Geld zusammenkam. Daran erinnert sich noch Silvia Windler. 250  Mark sollte ihre Österreich-Fahrt kosten. „Das war für meinen Vater viel Geld.“ Willemsen habe immer einen Weg gefunden, finanzielle Schwierigkeiten auszuräumen: Niemand musste zurückbleiben. Und es seien viele dabei gewesen, die es finanziell „nicht so dicke hatten“, ergänzt Frauke Wetjen.

Diakon gründet Theater 69

Als vor 50 Jahren das Jugendhaus einer Gemeinde noch ein Fremdwort war, sah Willemsen die Bedürfnisse von Jugendlichen und gab ihnen Raum, um sich auszuprobieren. So gründete der Diakon 1969 das Theater 69. „Das war eine Gruppe, die Komödien gespielt hat“, erklärt Gerd Brüning. Bis auf ein Gastspiel in der örtlichen Grundschule habe man nur im Saal des Gasthauses Voßmeyer gespielt. Diese Gaststätte ist zwischenzeitlich Reihenhäusern gewichen.

Feiern im Dunkeln

Der Diakon wollte Jugendlichen etwas bieten: So war am Freitag um 20 Uhr im kirchlichen Gemeindehaus immer etwas los. Mal gab es Bibelarbeiten, mal Spielarbeiten, oder man fuhr ins Weser-Stadion. Und der Samstagabend stand fest im Zeichen von sogenannten Matratzenfeiern. „Das waren Feiern im Dunkeln. Man lag auf Matratzen und kuschelte, aber bei lauter Musik“, so Gerd Brüning. Das eine oder andere Bier habe es auch gegeben.

Ansprechpartner zu jeder Tages und Nachtzeit

Was diesen Diakon ausgemacht hat? Die Cliquen-Mitglieder sagen, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit Ansprechpartner gewesen sei. Außerdem sei er gesellschaftlich in Weyhe verwurzelt gewesen. Er war Mitglied des örtlichen Schützenvereins, kickte Fußball beim TuS Sudweyhe. „Er war Stürmer und trug die Nummer neun. Wo er war, war vorne. Und war er einmal hinten, war das dann plötzlich vorne“, kommentiert Wetjen sein Wirken.

Bibelstunden als Zeitvertreib

Hermann Willemsen sei auch ein großer Religionslehrer gewesen. In einer Zeit, als die Kirchengemeinde mehr als 11000 Mitglieder hatte, organisierte der Diakon Bibelstunden etwa in Ahausen in einer Tierarztpraxis oder bei Unternehmern in Dreye.

Schock kurz vor Heiligabend 1980

Der tödliche Ausgang eines Schlaganfalls kurz vor Weihnachten 1980 sei für die Clique und für die Gemeinde ein Schock gewesen. Gleich drei Pastoren, Friedrich Altevogt, Stefan Riemenschneider und Horst Krüger, hätten sich um die Trauerfeier gekümmert.

Sein Werk habe schließlich Willemsens Ehefrau Inge fortgeführt. Sie ließ sich zur Diakonin ausbilden und habe sich später intensiv um eine Weiterentwicklung der Berufsausbildung gekümmert.

Von Sigi Schritt

Das Grab von Hermann Willemsen: Es hat nun eine Gedenktafel.

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