Kein Spuckschutz, keine FFP2-Masken

Die Corona-Angst fährt mit: Weyherin kritisiert Fahrten zu den Delme-Werkstätten

Mit dem Hygienekonzept auf den Fahrten zu den Delme-Werkstätten fürchtet eine Weyherin um ihre Gesundheit. Nun geht sie mit ihren Bedenken an die Öffentlichkeit.

Weyhe – Eine Weyherin fürchtet um ihre Gesundheit und sieht sich in einer Zwickmühle: Soll sie im Lockdown ihre Arbeit aufgeben oder nicht? Sie sei Risikopatientin, sagt sie. Sie wünsche sich ein tragfähiges Hygienekonzept ihres Arbeitgebers und zweifelt an der aktuellen Umsetzung.

GemeindeWeyhe
Fläche60,25 km²
BürgermeisterFrank Seidel
Bevölkerung30.316

„Ich hole Menschen mit Einschränkungen ab und bringe sie zu den Delme-Werkstätten.“ Am Montag habe sie in einem Kleinbus „T5“ sechs Passagiere aufgenommen. Sie habe sich dabei „sehr unwohl gefühlt“, weil die Passagiere nur Stoffmasken und Schals trugen. „Ja, es sind Mund-Nase-Abdeckungen. Aber die seien in einem kleineren Transporter nicht so wirkungsvoll“, sagt sie. Es könnte nicht ausgeschlossen werden, dass ein an Corona erkrankter Passagier andere ansteckt. Als sie ihren Gästen empfahl, FFP2-Masken zu tragen, sei das nicht gut angekommen: Eltern hätten sich prompt beschwert.

Gibt es durchsichtige Folienwände zwischen dem Fahrerraum und den Sitzreihen? „Nein“, sagt sie. Sie selbst habe nur einmal von ihrem Arbeitgeber, der den Fahrdienst betreibt, zwei Masken und Desinfektionsmittel bekommen. „Das war es auch. Man muss immer hinterherlaufen.“

Weyherin: „Ich bin kein Einzelfall“

Die Weyherin behauptet, sie sei kein Einzelfall. Sie habe sich mit anderen Fahrern ausgetauscht. Es gebe in Weyhe bis zu 25 Fahrer und Fahrerinnen. Das sei auch anderswo so. Sie holen ab 6 Uhr die Menschen mit Downsyndrom oder die Epileptiker ab und bringen sie bis 7.45 Uhr zu den Delme-Werkstätten. Diese Einrichtungen gebe es zum Beispiel in Weyhe, Syke und Bassum. Jeder habe seine festen Fahrgäste. Die Winterpause wurde um eine Woche verlängert und erst am Montag sei es wieder losgegangen. Ihre Bedenken gegen die Beförderung von sechs Passagieren hätte sie eine Woche zuvor zwar geäußert, doch die seien bei Vorgesetzten verhallt.

Stehen bereit, um Fahrgäste an den Delme-Werkstätten in Leeste aufzunehmen: Busse des Dienstleisters „Fahrdienste“ mit Sitz in Delmenhorst.

Wenn jemand einen Schal trage, dann reiche das aus, will sie vernommen haben. Dabei sei sie als Krebspatientin eine Hochrisikopatientin. Natürlich könnte sie ihren Job aufgeben, aber dann gebe es auch kein Geld. Sie richtet einen Appell an ihren Arbeitgeber. Er soll seiner Fürsorgepflicht stärker nachkommen. Seit Montag würden ihre Fahrgäste beim Betreten der Delme-Werkstätten getestet. Vor Fahrtantritt am Montag seien sie ungetestet gewesen. Und am Dienstag sei die Weyherin erneut mit fünf Menschen unterwegs gewesen.

Der Landkreis Diepholz, der die Infektionsschutzverordnung des Landes Niedersachsen umsetzen soll, habe nach den Schilderungen Ermittlungen eingeleitet. Es könnte eine Ordnungswidrigkeit vorliegen, so der Kreisrat Jens-Hermann Kleine. Sollte die Schilderung der Weyherin zutreffen, wären die Beförderungsbedingungen nicht geeignet, den Infektionsschutz sicherzustellen. Die Fahrgäste müssten zwingend FFP2-Masken tragen. Es müsste sichergestellt werden, dass sie die auch tragen. „Ohne diese Masken müssten Sitzabstände von 1,5 Metern nach allen Seiten eingehalten werden. Dann wird es eine einsame Fahrt“, so Kleine. „Stoffmasken halte ich für schwierig.“ Und ein Schal verrutsche. Unter diesen Bedingungen könnten maximal zwei Passagiere im Bus sitzen. Mindestabstände könnten dann reduziert sein, wenn Fahrer und auch Sitzreihen mit durchsitzigen Folien abgeschirmt würden. Es komme auf das Hygienekonzept an. Das wolle sich nun der Landkreis anschauen.

Landrat: FFP2-Masken einfach und kostengünstig

„In der Praxis hat sich zudem das Tragen von FFP2-Masken als einfache und kostengünstige Möglichkeit zum Eigen- und Fremdschutz von Fahrpersonal und Fahrgästen bewährt. Darüber hinaus haben viele Fahrdienste sowie Bus- und Taxiunternehmen in ihren Fahrzeugen bereits Trennwände installiert, die als „Spuckschutz“ dienen und weiterhin eine ungehinderte Sicht ermöglichen“, ergänzt Mareike Rein vom Büro des Landrats. Nach geltender Verordnung müsse die Leitung der Delme-Werkstätten sicherstellen, dass „der Fahrdienst den Anforderungen des Arbeitsschutzstandards SARS-CoV-2 entspricht“. Wenn die Einrichtung keinen eigenen Fahrdienst hat, müsse sie vertragliche Vorgaben machen. Die Einrichtung könne vorgeben, „wie viele ihrer Besucher maximal im Auto sitzen dürfen und welche weiteren Vorkehrungen einzuhalten sind“.

Wie die Sprecherin der Delme-Werkstätten, Ute Stollreiter, auf Anfrage dazu ausführt, würde die Einrichtung das Thema Hygienekonzept bereits seit Beginn der Pandemie angehen. „Es wird kontinuierlich von unserer Fachkraft für Arbeitssicherheit an die aktuellen Gegebenheiten angepasst. Mit den von uns beauftragten Fahrdiensten wurden für die Beförderungssituation eigens Hygienekonzepte vereinbart, die nach wie vor Geltung haben.“

Aber wie sieht das aus und wie wird das sichergestellt? Auf diese Frage antwortete sie, dass die Weyherin, die die Kreiszeitung informiert hatte, offenbar „eine Mitarbeiterin von ,Die Fahrdienste’ sei. Die Situation, so Stollreiter weiter, sei „im Kontext der Beförderung zu sehen“. Dazu „können wir uns allerdings nicht äußern“.

Hygienekonzept vom Auftraggeber vorgegeben

„Das Hygienekonzept für die Beförderung wird im Rahmen unseres Beförderungsauftrags durch unseren Auftraggeber vorgegeben“, so Peggy Flechtner von der Geschäftsleitung „Die Fahrdienste, Schulbusse Sonnenschein“. „Selbstverständlich halten wir uns im Rahmen der Beförderung an die sowohl von der Fachkraft für Arbeitssicherheit unseres Auftraggebers als auch von unserer Fachkraft für Arbeitssicherheit entwickelten Vorgaben“, sagt sie. „Darüber hinaus wurde durch unsere Fachkraft für Arbeitssicherheit auch ein Hygiene-Konzept zum Schutze unserer Mitarbeiter entwickelt, welches der aktuellen Situation regelmäßig angepasst wird.

Dieses Hygienekonzept wurde im Übrigen allen Mitarbeitern, auch Fahrern, zur Verfügung gestellt und persönlich durch unsere Fahrdienstleiter vor Ort besprochen.“ Dieses sehe nicht nur die regelmäßige Desinfektion des Fahrzeugs vor. „Darüber hinaus wurden unseren Mitarbeitern durch uns kostenfrei zweilagige Stoffmasken zur Verfügung gestellt. Sofern ein Mehrbedarf besteht, kann dieser jederzeit bei der Fahrdienstleitung angemeldet werden. Es werden dann sofort neue Masken zur Verfügung gestellt. Ferner können diese Masken durch fünflagige Aktivkohle-Filter ergänzt werden, welche auf Anfrage den Mitarbeitern ebenfalls kostenfrei zur Verfügung gestellt werden.

Des Weiteren werden allen Mitarbeitern Desinfektionsmittel zur regelmäßigen Handdesinfektion zur Verfügung gestellt.“ Das Hygienekonzept enthalte auch Empfehlungen, wie die wiederverwendbaren Stoffmasken zu waschen seien. Vor dem Hintergrund, dass das Hygienekonzept allen Mitarbeitern ausgehändigt und besprochen worden sei, bezweifelt das Unternehmen, dass die Weyherin, tatsächlich eine Mitarbeiterin des Unternehmens „Fahrdienste“ sei.

Fahrzeuge für Abstände im Innenraum geeignet

Zusätzliche Sicherheit böten die „VW-T5“- und „T6“-Busse sowie die Ford-Fahrzeuge der Unternehmensflotte. Sie würden „über eine spezielle Bestuhlung verfügen, die zusätzliche Abstände im Innenraum möglich machen. Neben der Sonderbestuhlung verfüge ein Großteil der Fahrzeuge über einen langen Radstand und hohe Dächer.

Ergänzend fügt Peggy Flechtner hinzu, dass „sowohl uns als auch allen unseren Fahrdienstleitern unbekannt ist, dass sich unter unseren Mitarbeitern ein Hochrisikopatient befinden soll. Entsprechende Informationen wurden weder an uns noch an die Fahrdienstleitung herangetragen. Bisher ist auch keiner unserer Mitarbeiter des Gesamtunternehmens an Covid-19 erkrankt.“

Bei einer Stippvisite bei den Delme-Werkstätten in Leeste am Mittwoch – das zeigten Blicke ins Innere –war in den Bussen kein Spuckschutz installiert. Die meisten Fahrzeuge waren mit insgesamt drei Fahrgästen besetzt, die in zwei Reihen Platz nahmen. Der Name der Weyherin ist der Redaktion bekannt.

Rubriklistenbild: © Sigi Schritt

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