Weihnachtsmärchen im Weyher Theater

„Mami sagt, ich war wie Wickie“

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„Mein Freund Wickie“ ist in diesem Jahr das Weihnachtsmärchen des Weyher Theaters.

Kirchweyhe- von Heinrich Kracke. „Mein Freund Wickie“: Antonia Hartwich schlüpft in die Titelrolle des Weyher Weihnachtsmärchens und findet erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.

Noch sind ihre Haare tiefschwarz. Meuchelnde Gattinnen haben keine blonden Haare, jedenfalls nicht im London der 50er Jahre und schon gar nicht in der Hitchcock-Adaption „Bei Anruf Mord“, mit der sie jeden Abend auf der Bühne steht, am gestrigen Sonnabend zum letzten Male.

Also lugt eine schwarze Mähne bei den Proben zum neuen Weihnachtsmärchen am Weyher Theater unter dem Wikinger-Helm hervor. Spätestens am kommenden Dienstag ist sie rotblond. Antonia Hartwich, 27, übernimmt die Titelrolle in „Mein Freund Wickie“. Eine Frau in einer Jungenrolle, klingt kompliziert, ist es wohl auch, und ist ihr dennoch passgenau auf den Leib geschneidert.

Das beginnt schon mit ihrer Kindheit. In Thüringen ist sie geboren, in Klütz an der Ostsee aufgewachsen, später in Jork an der Elbe, die turbulenten Zeiten nach dem Mauerfall. Für Wickie war da kein Platz. Der pfiffige kleine Wikinger versammelte die Fernsehnation in den 70ern vor der Flimmerkiste, er verschwand in den 80ern und 90ern von der Bildfläche und er feierte erst mit den Kinoerfolgen vor acht, neun Jahren ein bemerkenswertes Comeback. Kinder von heute und deren Großeltern kennen sich besser mit Wickie aus, als jene Generation, die jetzt in dessen Rolle schlüpft. „Ich war damals schon Pippi Langstrumpf-Fan, ich hab mich wenig für die Comics mit den Wikingern interessiert,“ sagt Antonia Hartwich bei einer Probenpause und schmunzelt. „Ich dachte sogar, Wickie ist ein Mädchen.“

Inzwischen hat sie die Figur näher kennengelernt. „Ich finde, ich lag damals gar nicht so falsch. Er ist ja nicht der typische Wikinger, nicht der Raufbold und A

benteurer. Er ist der kleinste auf dem Wikingerschiff, er ist ein bisschen wie ein Mädchen. Und er ist ein kluges Köpfchen.“ Sie lacht und blickt gedankenverloren auf die Bühne und erinnert sich des letzten Besuchs bei ihren Eltern und erzählt die ganze Geschichte. Jede freie Minute übte sie ihren neuen Text. Manchmal sagte sie ihn laut auf. „Und irgendwann kam meine Mutter ins Zimmer und schaute ganz irritiert. Ich habe sie an meine Kinderzeit erinnert, sagte sie, die Worte eben hätten damals auch von mir sein können. Ich soll auch ein bisschen neunmalklug und besserwisserisch gewesen sein.“

Dabei habe sie sich ganz anders in Erinnerung, sagt Antonia Hartwich. „Ich war eher ein Raufbold. Ich hab reiten gelernt. Ich hab mit den anderen Kindern Indianer gespielt und Höhlen gebaut. Ich bin sozusagen draußen groß geworden.“ Das prägt. Bis heute. „Gewiss, ich kenne auch das Stadtleben, vier Jahre hab ich in Hamburg gewohnt, mitten in der City.“ Jeder einzelne Tag lieferte ihr ein weiteres Mosaiksteinchen ihres eigenen Ichs. „Ich will nicht eine halbe Stunde Straßenbahn fahren, nur damit ich in der Natur spazierengehen kann.“ Als sie ans Weyher Theater wechselte, hätte sie auch nach Bremen ziehen können, Bürgerparknähe oder Stadtwerder, aber sie zog die entgegengesetzte Richtung vor. „Die alte Weser in der Nähe, den Jeebel mit seinen Waldwegen direkt vor der Haustür, das finde ich schön.“ Und nicht nur sie. Freunde nennen die kleine Mischlingshündin zuweilen eine Fußhupe, sie nennt sie Wilma, und gemeinsam machen sie sich auf den Weg. Tag für Tag.

Aber jetzt ist Schluss mit friedlicher Landschaft, jetzt ruft die raue See. Tjure, Snorre und die anderen haben sich schon unter dem rotweißen Segel hinter den Schiffsplanken versammelt. Sie stimmen das Wikingerlied an. „Hey, hey Wickie! Hey, Wickie, hey.“ Und schon hockt der kleine Junge, der eigentlich ein Mädchen ist, ebenfalls hinter den Planken, und handelt, wofür er bekannt ist. Antonia Hartwich streicht mit dem Zeigefinger in typischer Manier an der Nasenspitze entlang, sie vermag auch die linke Oberlippe anzuheben, Wickie pflegt im Zeichentrick auf diese Weise die rettende Idee anzukündigen, und schon kann die nächste witzige Wendung ihren Lauf nehmen. Wickie hebt an diesem Nachmittag oft die linke Oberlippe.

Gut möglich, dass sie das Publikum schon vor Augen hat. Nicht das erste Mal, dass Antonia Hartwich im Weihnachtsmärchen zu sehen ist. Auf St. Pauli und in Feuchtwangen spielte sie bereits die Pippi Langstrumpf, auf St. Pauli auch den Jim Knopf. In Weyhe stand sie ebenfalls in Pippi Langstrumpf als Annika auf der Bühne. Erstmals aber lastet in der größten Weihnachtsmärchen-Produktion Norddeutschlands alle Verantwortung auf ihren Schultern. 60 Vorstellungen plant das Weyher Theater bis zum Heiligabend, dreimal hebt sich der Vorhang pro Tag. Rund 18.000 Zuschauer werden ihr ins Land der Wikinger folgen. Soviele wie nirgends sonst. Und dennoch ist es jedes Mal anders. Und ganz anders, als mit Erwachsenen im Parkett. „Kinder ziehen keine Linie zwischen Schauspiel und Wirklichkeit. Sie erhalten sich die Illusion.“ Antonia Hartwich weiß das aus der eigenen Familie. Die kleine Schwester ihres Lebensgefährten, das ist „meine schärfste Kritikerin.“ Sie schaue ihr auf der Bühne zu, sie sei von den meisten Dingen auch begeistert, aber sie trenne nicht. „Ich bin auch nach der Vorstellung ein bisschen noch der Jim Knopf oder die Annika.“ In Feuchtwangen wurde sie im Eiscafé von den jungen Zuschauern angesprochen. Bist du nicht die Pippi? „Ja, ich bin die Pippi, und dann reiße ich Witzchen wie Pippi, und alle waren begeistert“. Gewiss, Kinder gelten als ein gnädiges Publikum, ein dankbares, aber Kinder reagieren anders als Erwachsene. „Sie klatschen nicht, wenn ihre Eltern oder Großeltern klatschen.“ Aber wer in ihre Auge schaue, der sehe „dies tiefe Staunen, dies intensive Dabeisein,“ dies Phänomen auch des Weihnachtsabends. „Und das finde ich schön, das versöhnt für die anstrengende Zeit.“

Morgens um 9 Uhr wird sie auf der Bühne stehen, vormittags um 11 Uhr ebenfalls, nachmittags um 16 Uhr nochmals. Ein Märchen-Marathon, der eines intensiven Trainings bedarf? „Gesunde Ernährung, und ganz früh morgens eine Stunde mit Wilma durch den Wald – mehr kann ich nicht tun,“ sagt sie, ehe sie fast schon automatisch die linke Oberlippe hebt. „Außer vielleicht: Beten, dass ich gesund bleibe.“

Eines freilich fehle ihr in den kommenden Wochen allerdings doch. „Ich bin ein richtiger Weihnachtsmensch. Der Advent, die ganze Vorfreude aufs Fest, der Weihnachtsbaum – das ist für mich die schönste Zeit des Jahres. In anderen Jahren bin ich selbst mit rausgefahren und habe den Baum ausgesucht und ihn geschlagen.“ Dazu ist diesmal keine Zeit. Weihnachten kommt aber dennoch nicht zu kurz. Vater Michael hat sich bereiterklärt, schon dieser Tage einen schönen Christbaum nach Weyhe zu fahren. „Den werde ich aufstellen und schmücken.“ Und dann wären da noch die leuchtenden Augen, die wie Sterne funkeln. Mehr als 700 an der Zahl. Dreimal täglich.

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