Matthias Ningel überzeugt  Publikum in der KGS Leeste

Warum Rolf kein Vorbild ist

Kabarettmeister Matthias Ningel entpuppt sich in der Tat als große Nachwuchshoffnung. - Foto: jeh

Leeste - Von Siard Schulz. Einen wahren Hochkaräter hatte sich das Kulturbüro um Tina Fischer da an Land gezogen: Am Sonnabend war Matthias Ningel, der amtierende deutsche Kabarettmeister, zu Gast im Kulturforum der KGS Leeste.

Doch wer ist eigentlich der dunkelhaarige Lockenschopf, der es vorzieht, sich über seine persönlichen Eigenschaften lustig zu machen anstatt auf Kosten anderer? Ningel gehört zur Generation Y (englisch: y = why: warum?) oder wie er sie nennt: Generation O Wei, O Wei!

Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens

In seinem neuen, fast zweistündigen Programm „Jugenddämmerung“ präsentiert er humorvoll und selbstreflektierend die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens seiner Altersgenossen. Da sind zum Beispiel die Eltern, die im Kinderzimmer des fast 30-Jährigen vorstellig werden und die „Dienste“ zum Monatsende einstellen. Ausgerechnet Mama und Papa, die „Alles-Könner-App“ der letzten Jahre, die das Leben des jungen Mannes doch so erleichterte. Sie verweisen darauf, was seine Schulkameraden bereits geleistet haben. Ningel erklärt: „Mama, ich tu, was ich kann“ und fügt nach einer kleinen Pause ein leises „Nix“ hinzu.

Doch auch dem einstigen Studenten wird allmählich bewusst, dass es so nicht weitergehen kann. Ein Blick zur Seite zeigt den bereits zu Schulzeiten verhassten Rolf, der nun bei der Deutschen Bank arbeitet und dessen Lieblingswort „Effizienz“ lautet. Letzten Sommer habe er beispielsweise den Jakobsweg in fünf Tagen gemeistert – mit einem Segway, einem Elektroroller! Hinzu kommt Rolfs extreme Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken: Fotos von selbst gemachten kulinarischen Offenbarungen, die steile Karriere oder die neuesten Fitnesserfolge. Da kommt der mütterliche Rat, man solle sich mal eine Scheibe vom Rolf abschneiden, natürlich nicht sehr gelegen.

Plötzlich ist nicht einmal mehr der eigene Kleidungsstil gut genug für die eigenen Eltern: „Junge, schmeiß den alten Lumpen weg“, ärgert sich die Hausherrin über den jahrzehntealten Pullover. „Du bist gefangen im Gestern“, urteilt sie dann.

Ningel muss enttäuscht anerkennen, dass der Moment gekommen ist, an dem sich schon sein eigenes Umfeld für seine Garderobe schämt. Doch so sein wie Rolf? Das will der Endzwanziger und „Gefangene seiner Gewohnheiten“, wie er selbst sagt, auch nicht so wirklich.

Seine Sehnsüchte, die eigene Perspektiv- und Orientierungslosigkeit verpackt der gebürtige Mainzer dann humorvoll in selbst geschriebenen Liedern. „Viele Songs entstehen durch Auseinandersetzung. Ich bin in einer Art Wahrnehmungsmodus, in dem man alle Eindrücke auf Tauglichkeit prüft“, erklärt er.

Stehende Ovationen für Kabarettisten

Auch die Zuschauer prüften die Darbietungen auf ihre Qualität: Am Ende gab es stehende Ovationen für den Musiker und Kabarettisten, der mit seinem zweiten Programm erst seit Mai unterwegs ist.

Auch wenn das Kabarett eine Kunstform sei, die tendenziell eher von erwachsenen Gästen angenommen werde, freute sich der Künstler über viele jugendliche Gesichter im Publikum. Eines davon gehörte Franziska Gröne. Die 18-jährige Abiturientin versucht sich zurzeit selbst am Keyboard und bewunderte die Künste am Flüge. Auch Englisch- und Religionslehrerin Ulrike Flügge hatte es in die KGS Leeste zur humorvollen Einlage verschlagen: „Das hat richtig Spaß gemacht“, ist sie am Ende zufrieden.

Und plötzlich ist der Antiheld der Geschichte, der Endzwanziger, der noch bei den Eltern wohnt und die Liebe noch nicht (wiedergefunden) hat, der Sieger der Geschichte. Er lässt die Rolfs dieser Gesellschaft hinter sich, auf die sein Erzeuger doch so stolz war. Ningel weiß nun, dass er für sich selbst Lebensqualität definieren muss. Er kann nicht einfach das Leben anderer nachempfinden, sondern muss sich seinen eigenen Weg durch den Alltagsdschungel schlagen.

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