VOR 40 JAHREN: GEO blickt auf Weyhe und kritisiert die Vernichtung von Kulturgeschichte

Die Planierraupen kamen immer öfter

So ging der Abriss eines Hauses früher: Ein Bagger fährt einfach in das Gebäude rein. Dort, wo vor 40 Jahren noch der Kirchweyher Meinekehof stand, wurden sechs Einfamilienhäuser gebaut. Es erinnert noch der Straßenname an das Bauernhaus und an die einstigen Bewohner.
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So ging der Abriss eines Hauses früher: Ein Bagger fährt einfach in das Gebäude rein. Dort, wo vor 40 Jahren noch der Kirchweyher Meinekehof stand, wurden sechs Einfamilienhäuser gebaut. Es erinnert noch der Straßenname an das Bauernhaus und an die einstigen Bewohner.

Mit voller Wucht fährt ein Bagger in ein altes Bauernhaus. Es ist der Meinekehof in Kirchweyhe. Die Planierraupe machte das Gebäude binnen weniger Minuten dem Erdboden gleich. Ein Fotograf ist extra aus Wien angereist, um dieses Bild mit seiner Kamera einzufangen. Mit diesem Motiv eröffnete vor vier Jahrzehnten die Zeitschrift GEO auf einer Doppelseite ihre 23 Seiten umfassende erste Deutschland-Reportage. Damals hat der Weyher Gemeindearchivar Wilfried Meyer dieses Motiv ebenfalls mit seiner Kamera eingefangen. „Als ich die Fotos gemacht habe, kamen mir die Tränen.“ Der Anblick jener Bilder schmerzt ihn – bis heute.

Weyhe – Historische Balken, alte Fenster und Steine – die Materialien der Gebäudehülle des Meinekehofs hatten der Kraft der Maschine nichts entgegenzusetzen. „Abriss bedeutete damals, mit dem Bagger einfach reinzufahren“, sagt Wilfried Meyer. Der Wiener Fotograf hätte damals ebenso den Kopf geschüttelt. Das könne man doch nicht niederreißen, da seien alte, bleiverglaste Fenster drin, die allesamt noch in Ordnung waren, habe er noch gesagt. Seine Worte habe der Gemeindearchivar nicht vergessen. Das GEO-Magazin schreibt später zu diesem Bild: „Täglich wird in deutschen Landen unbemerkt ein Kapitel Geschichte ausgelöscht, ein Stück Heimat, ein Rest Schönheit zerstört.“

Die GEO-Redaktion hatte bewusst Weyhe ausgesucht: Der Abriss von vielen ortsbildprägenden Häusern in der Gemeinde Weyhe sei stellvertretend für so manches Dorf in Deutschland.

Ohne das umfangreiche Bildarchiv von Wilfried Meyer wäre die Reportage nicht möglich gewesen. Das Magazin wurde auf Meyers Arbeit aufmerksam: Der ehemalige Polizist und Leiter des Lehrreviers der Bremer Polizei hatte in seiner Freizeit für die Kreiszeitung die Serie „Weyhe im Wandel der Zeit“ verfasst. Er hatte von vielen Weyher Familien alte Bilder bekommen, die er reproduzierte. Er erzählte für die Zeitungsserie nicht nur die Geschichte dieser Fotos, sondern er stellte sie aktuellen Aufnahmen gegenüber. Teilweise lagen zwischen den Aufnahmen viele Jahrzehnte. Dieser Vorher-Nachher-Vergleich zeigte, wie später auch die GEO-Reportage, dass Stück für Stück nicht nur das vertraute Ortsbild, sondern mit jedem Abriss auch ein Stück Kulturgeschichte verloren ging. „Kulturgeschichte fängt vor der Haustür an“, sagt Meyer.

„Identität mit einer Ortschaft ist wichtig, um sich wohlzufühlen.“

„Identität mit einer Ortschaft ist wichtig, um sich wohlzufühlen.“ Doch wie sollen sich Alteingesessene und Neubürger zufriedengeben, wenn die Rahmenbedingungen sich Jahr um Jahr verschlechtern? Meyer vergleicht manches Baugebiet mit Legebatterien. Zwar hätten einige Häuser ihren architektonischen Reiz, aber sie lägen auf Grundstücken, die so klein sind, dass sich das Nachbarhaus ein paar Meter weiter anschließt. Nachbarschaftsstreitigkeiten blieben nicht aus. Außerdem seien Wohngebiete teilweise von denen in anderen Ortschaften kaum zu unterscheiden. Das sei ebenfalls eine Kritik des Magazins gewesen.

„Der Bedarf an Wohnungen war damals wie heute da“

„Der Bedarf an Wohnungen war damals wie heute da. Aber das alte Ortsbild ging verloren“, so Meyer. Damals wurden ältere Häuser nicht saniert, sondern einfach abgerissen, genau wie heute, bedauert Meyer. Dann wurde auf diesen Grundstücken neu gebaut. Dieses Schicksal vieler anderer Hofstellen in Deutschland teilte auch der alte Meinekehof. Auf diesem Grundstück seien sechs Einfamilienhäuser gebaut worden, so Meyer. Die Straße sollte Sonnengasse heißen, erinnert sich Meyer. „Ich habe mit einem Antrag an den Rat aber dafür gesorgt, dass die Straße nach dem Hof benannt wurde.

GEO-Magazin thematisiert „negative Veränderung des Ortsbildes“

Die meist „negative Veränderung des Ortsbildes“ habe das GEO-Magazin thematisiert, sagt Meyer. Nicht nur alte Bauernhäuser verschwanden von der Bildfläche, auch andere Gebäude, wie etwa die Leester Wassermühle, das Sudweyher Herrenhaus oder die Mühle Hüneke an der Dorfstraße in Kirchweyhe.

In allen Ortsteilen kamen die Bagger immer öfter: Der Hof Köhnken in Dreye sei zum Beispiel ein wunderschöner Ort gewesen mit einem villenartigen Wohnhaus. „Auch dort kamen Einfamilienhäuser hin.“

Stück für Stück habe Weyhe an Identität verloren, so Meyer. Der Geo-Artikel habe den damaligen Vertretern aus Politik und Verwaltung sowie den Investoren den Spiegel vorgehalten. „Das war damals ein Paukenschlag.“

Wilfried Meyer nennt ein weiteres Beispiel. Beim Gasthaus Suhling an der Leester Straße gab es eine Anlage mit einem Denkmal und einer Einfriedung mit Steinen. „Friedensgrotte“ wurde der Platz genannt. Die Anlage wich einem Busplatz. „Ein Parkplatz mit einer Uhr und einer Telefonzelle ist daraus geworden, so Meyer, und die Telefonzelle sei nach einem Unfall seit mehreren Jahren Geschichte. Nur noch die Älteren wissen vielleicht noch, dass an der Leester Straße / Einmündung zur Alten Poststraße ein Baum, die Wilhelmseiche, eine Art Verkehrsinsel bot – auch dieses Bild ist verschwunden.

Wilfried Meyer kritisiert wie GEO zahlreiche Umweltsünden der Vergangenheit

Wilfried Meyer kritisiert wie GEO zahlreiche Umweltsünden der Vergangenheit. „Bäche wurden begradigt wie zum Beispiel die Hache, der Süstedter Bach und der Hombach. Hecken wurden beseitigt, weil Landwirte Flächen zusammenlegen wollten. Sie kritisierten damals, dass Hecken ihre Flächen beschatten würden.“ Weitere Beispiele? Die Sudweyher Straße Richtung Ahausen hatte links und rechts Pappeln, die sogenannte „Pappelallee“, diese wurden beseitigt.

Den Leester Mühlenteich gibt es ebenfalls nicht mehr. Der wurde mit Bremer Müll verfüllt. Mülltrennung gab es nicht. Ob Möbel, Farben, vermutlich auch Altöl, das landete alles in dem Teich nahe der Brücke über den Leester Mühlbach. „Die Sudweyher Wassermühle war ebenso dem Verfall preisgegeben. Die konnte ich zusammen mit vielen Freunden und Helfern retten“, sagt Meyer.

Das Landleben, von denen die Bremer Bürger manchmal noch romantisch schwärmen, wenn sie nach Weyhe ziehen wollen, existiert allerdings noch – in den vielen Dias und zahlreichen Bildern des Gemeindearchivars Wilfried Meyer.

Von Sigi Schritt

Das Grün ist weg: Es gibt nur eine Straße samt Busplatz.
Blättert in dem historischen GEO-Magazin und schaut sich seine Bilder an: Wilfried Meyer.
Zum Vergleich: So sieht das Leester Areal rund um den Gastronomiebetrieb am Kleinbahn-Gleis heute aus.
Idylle in Leeste: Die Friedensgrotte samt Storchennest.

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