Gemeinde erstellt Video mit Schilderungen einer Zeitzeugin

Volkstrauer erstmals digital

Das Mahnmal in Leeste: Hinter dem Portal geht es vorbei an der Marienkirche zur Kriegsgräberstätte.
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Das Mahnmal in Leeste: Hinter dem Portal geht es vorbei an der Marienkirche zur Kriegsgräberstätte.

Weyhe – Den Volkstrauertag will die Gemeinde nicht ausfallen lassen, aber wegen der Corona-Pandemie anders als gewohnt begehen. Das hat Bürgermeister Frank Seidel angekündigt. Wegen der hohen Corona-Fallzahlen hat das Rathaus zwar eine zentrale Gedenk-Veranstaltung, die es seit fünf Jahren regelmäßig gibt, abgesagt, aber sich für einen digitalen Ersatz bemüht.

Die Lösung: Franziska Gröne aus Weyhe, Studentin der Medienwissenschaft, dreht und schneidet einen Film. Dieser soll am Sonntag, 15. November, ab 11 Uhr laut der Kulturbeauftragten Tina Fischer gezeigt werden und auf der Homepage der Gemeinde zwei Wochen lang abrufbar sein.

Für die Dreharbeiten treffen die Akteure am Donnerstag im Ratssaal und am Mahnmal vor dem Verwaltungsgebäude aufeinander. Die örtlichen Mitglieder des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge sind mit von der Partie: Manfred Streich und Heino Hildebrand sollen für den Film vorab einen Kranz niederlegen. Sie werden dabei unter anderem von Helmut Raddatz beobachtet, der drei Jahrzehnte lang die Veranstaltungen der Kriegsgräberfürsorge in Weyhe organisiert hatte. Außerdem schauen ebenso die Kulturbeauftragte Tina Fischer als auch der Gemeindearchivar Hermann Greve zu.

Für die Rathaus-Mitarbeiter Greve und Fischer sowie für Bürgermeister Frank Seidel ist der Volkstrauertag kein Pflichtprogramm. Im Gegenteil. „Wenn man eine persönliche Betroffenheit hat, ist es ein zentrales Thema“, so Seidel. Immerhin hätten 1100 Menschen in den damals selbstständigen Gemeinden Leeste, Kirchweyhe und Sudweyhe, die das heutige Gemeindegebiet Weyhe bilden, ihr Leben gelassen. Der Bürgermeister erinnert daran, dass auch viele Bürger der Wesergemeinde Erfahrung mit der Flucht hätten, und auch in diesen Familien Menschen unnötig gestorben seien.

Im Mittelpunkt des Filmes wird es einen Beitrag über Kriegskinder gehen. Der Gemeindearchivar Greve hatte dazu mit der Weyher Zeitzeugin Waltraud Haferkamp gesprochen, und im Rahmen eines Interviews ihr persönliches Schicksal ergründet.

Hermann Greve zeigte sich gerührt von der Geschichte der Hördenerin Waltraud Haferkamp, mit der er erstmals anlässlich einer zurückliegenden Veranstaltung am Kriegerdenkmal Erichshof konfrontiert wurde. Und der Rathausmitarbeiter zeigte sich beeindruckt, was sich in kurzer Zeit daraus entwickelt hat.

Beim Tag des offenen Denkmals hätten sich die 84-Jährige und ihre Tochter die Tafeln vom Erichshofer Mahnmal angeschaut und festgestellt, dass die Namen ihrer Familie offenbar vergessen worden sind. Es ging um ihre Mutter, ihren Vater und Großmutter. Das Schicksal habe sie damals mit doppelter Härte getroffen. Ihr Vater sei in Demjansk 1942 gefallen und ihre Mutter und Oma kamen in ihrem Hördener Haus ums Leben – eine Fliegerbombe habe das Haus laut Greve „pulverisiert“. Seine Gesprächspartnerin hätte sich damals in der Leester Marsch aufgehalten. Wie Greve rekonstruierte, hatte es 1943 einen Fliegerangriff gegeben, wobei ein Jäger abgedrängt worden sei und seine todbringende Last, auf das Randgebiet von Bremen abgeworfen hat. „Damit war Waltraud Haferkamp Vollwaise“, so Greve.

Die Geschehnisse habe sie nie richtig verarbeitet, bewertet Greve das Mitteilungsbedürfnis der 84-Jährigen. Deren Tochter findet sogar, dass sie jetzt sich über Dinge äußert, über die sie nie zuvor gesprochen habe. Die Namen der gestorbenen Familienangehörigen gibt es doch, hat Greve herausgefunden – nur nicht in Erichshof wie die Hördenerin es vermutet hatte, sondern in Leeste, auf einer Platte des Eingangsportals der Marienkirche.

Und bei der Recherche hat Hermann Greve sogar eine ehemalige Klassenkameradin getroffen, die über die Geschehnisse in einem Leester Bunker Auskunft gibt.

Auch diese Geschichte wird im Video verarbeitet. Die Gesangslehrerin Melanie Neuhöfer aus Bremen wird die Geschichte der Seniorin vortragen. „Dazu werde ich Dokumente und Fotos einblenden“, kündigt die Studentin an.

Hermann Greve und Frank Seidel kündigten an, am Ball zu bleiben und andere Geschichten visuell aufzuarbeiten. „Nur Trauer zu zeigen, das ist mir zu wenig“, sagt der Gemeindearchivar. „Mein Kopf ist voll von Geschichten von Menschen, deren Leben durch die Kriege schwer in Mitleidenschaft gezogen worden ist.“ Seit den Weltkriegen gebe es eine neunstellige Zahl von Kriegstoten. Dazu würden auch die Eltern eines Mädchens, einer ehemaligen Klassenkameradin seines Sohnes, zählen, die ihre Familie in Syrien verloren hat. Auch an diese Toten sollte man laut Greve denken.

Am Volkstrauertag selber würde eine kleine Delegation die beiden Kriegsgräberstätten in Leeste und Kirchweyhe aufsuchen sowie die neun Mahnmale abfahren, um dort Kränze abzulegen.

Von Sigi Schritt

Filmt die Kranzniederlegung mit Manfred Streich (l.), Heino Hildebrand (2.v.r.) und Bürgermeister Frank Seidel: Franziska Gröne (r.), Studentin der Medienwissenschaft.

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