„Vielleicht lassen wir noch mehr Verkaufswagen fahren“

Fleischerei Horstmann in Leeste: Handwerk hat Zukunft

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Fleischermeister Harald Horstmann mit seiner Frau Meike und der langjährigen Mitarbeiterin Marlene Stelljes. Sie präsentieren verschiedene Suppen. 

Leeste - Von Sigi Schritt. Ihr Handwerk hat Zukunft, obgleich die Zahl der Betriebe gewaltig schrumpft. Dieser Ansicht sind Harald und Meike Horstmann, die ein Fleischerei-Fachgeschäft in Leeste mit 13 Mitarbeitern betreiben. Der Trend sei auch in der Wesergemeinde zu erkennen. Im Vergleich zu heute hatte Weyhe vor einigen Jahren mindestens die doppelte Anzahl an Fleischerei-Fachbetrieben. Neben Horstmann in Leeste gibt es in Weyhe nur noch Barning in Kirchweyhe und Rauer in Lahausen.

Die Konkurrenz der Discounter fürchten Meike und Harald Horstmann nicht, sagen sie. „Klar, ist es bequem in einem Supermarkt einzukaufen und auch zu den eingeschweißten Fleisch- und Wurstwaren zu greifen. Dort entspringen die Produkte meist der Massentierhaltung. Das ist bei uns nicht der Fall“, so Meike Horstmann. „Rind und Fleisch stammen aus der Wesermarsch und werden in einem kleinen Betrieb in Bremen-Aumund geschlachtet. Das Fleisch kommt per Kühlwagen zu uns. Mein Mann schaut es sich um 4 Uhr an und gibt es zurück, wenn es nicht den Erwartungen entspricht.“

Eine gute Qualität zu präsentieren, reiche alleine für das wirtschaftliche Überleben längst nicht aus, bedauert Horstmann. Es bedarf weiterer Anstrengungen. Dennoch habe der Betrieb eine gute Antwort darauf gefunden, wie er der Discounter-Konkurrenz etwas entgegensetzen kann. Unter anderem schickt das Unternehmer-Ehepaar zwei Verkaufswagen auf die Reise und bietet außerdem einen Partyservice an. Der Betrieb ist auf dem Leester Frühlings- und Herbstmarkt ebenso mit einem Stand vertreten wie auf dem Weihnachtsmarkt. „Der Beruf ist vielseitig“, schwärmt Horstmann. Es gehe darum, mit Menschen umzugehen. 

„Damals wurde völlig anders eingekauft“

„Die Mitarbeiter stehen nicht nur am Tresen, sondern sie kochen Eintöpfe und Suppen, kreieren Salate und kümmern sich um den Partyservice“, nennt Horstmann Beispiele. Die Angestellte Marlene Stelljes stimmt zu. Sie kennt das Geschäft seit vielen Jahren und bemerkte eine Veränderung der Gewohnheiten: Die 69-Jährige hat 1990 im Vorgängerunternehmen Schierenbeck angefangen, davor leitete sie zehn Jahre lang mit ihrem Mann einen eigenen Betrieb in Bremen. „Damals wurde völlig anders eingekauft“, erinnert sie sich. Der Fleischtresen war „länger“, weil die Kunden – meistens nur Frauen – Zutaten kauften, die sie zum Beispiel für ihre Gerichte verarbeiteten.

Außerdem gehörte in jeder Familie ein Frühstück zum Tag dazu wie das Abendbrot. Deshalb hätten die Kunden verschiedene Sorten Aufschnitt eingekauft. Am Beispiel der Suppen und Eintöpfe erklärte Stelljes, dass es die Kundinnen waren, die damals Suppen und Eintöpfe selbst zubereiteten. Der gesellschaftliche Wandel machte in Weyhe nicht Halt. „Heute arbeiten Männer und Frauen gleichermaßen“, sagt sie. Die Kunst, leckere Suppen zu kochen, sei offenbar nicht weitergegeben worden. Dafür sieht sich im Horstmann-Team als Dienstleister. Das Team kocht Erbsen-, Steckrüben und Kartoffelsuppen mit Fleischeinlagen und vertreibt es zum Beispiel über die Verkaufswagen. Diese stehen in Bremen an der St.-Jürgen-Straße vor einem Tunnel und an der Delmestraße.

Hofläden verkaufen Leester Produkte

Es sei Teil der wirtschaftlichen Strategie, dass auch Hofläden mit den Leester Produkten beliefert werden.

Auch die Auslagen der Theke haben sich laut Stelljes verändert. Die reine Fleischtheke ist verkleinert, der Bereich für (Grill-) Spezialitäten und Salate gewachsen. Die Weyherin wundert sich, dass viele Menschen bereit sind, hohe Summen für besondere Grills auszugeben, aber auf den Rost billiges Discounter-Fleisch legen. „Ich habe einmal dort gekauft. Das Fleisch war zäh“.

Stelljes, älteste Mitarbeiterin im Unternehmen, bereitet an einem einzigen Tag 15 Salate zu. Heute wollen die Kunden Variationsmöglichkeiten, früher gab es eine viel kleinere Auswahl. Für Stelljes gehe die Zubereitung „schnell“, obwohl gerade ein Salat mit Hühnchen viel Vorbereitung bedarf. So muss das Huhn laut Stelljes gekocht und abgepult werden, bevor das Fleisch kleingeschnitten und weiterverarbeitet wird. Außerdem werden für diesen Salat noch Äpfel per Hand hineingerieben. Heute wird sie zum letzten Mal Salate für die Theke vorbereiten, am Ende des Arbeitstages wechselt sie in den Ruhestand. „Die Kolleginnen sind angelernt, die können das schon“, schmunzelt sie.

„Sauberkeit ist sehr wichtig“

Gibt es Nachwuchsprobleme? „Nein“, sagt Meike Horstmann. Sie hätten eine engagierte Auszubildende, die jetzt ins zweite Lehrjahr kommt. „Ihre Oma hatte bereits hier gearbeitet, und bei einem Tag der offenen Tür sagte die Enkelin, dass sie nach der Schule hier arbeiten möchte.“

Lehrlinge müssen längst nicht mehr eintönige Arbeiten verrichten. „Ich musste damals ein halbes Jahr nur Schaschlik-Spieße formen.“ Heute dürfen Lehrlinge alles machen. Meike Horstmann räumt mit Vorurteilen auf, dass Azubis in der Branche anfänglich nur zum Putzen eingesetzt werden. „Sauberkeit ist sehr wichtig. Deshalb müssen bei uns alle ran. Außerdem läuft die Schrubbmaschine“.

Ein wenig sorgenvoll blickt sie aber auf das GS-Agri-Gelände in der Nähe. Es könnte laut Meike Horstmann eng werden, wenn der Famila-Markt seine Tore öffnet. Für diesen Fall müsste die Strategie weiter entwickelt werden: „Vielleicht lassen wir noch mehr Verkaufswagen fahren.“ Irgendwie geht es aber weiter, glaubt sie. Deshalb ist für Horstmann klar: „Das Fleischerei-Handwerk hat Zukunft.“

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