Buch über 27 Einzelschicksale

Zeitzeugen berichten über Vertreibung: Wie Rotraud Siejok von Schlesien nach Weyhe kam

Eine ältere Frau sitzt an einem Tisch und schaut sich Fotos an
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Rotraud Siejok (97 Jahre) kam 1955 in die Gemeinde. Heute lebt sie Ortsteil Kirchweyhe. Gebürtig kommt sie aus Oberschlesien.

27 Einzelschicksale von aus früheren deutschen Ostgebieten Vertriebenen hat Hubert Sturm – er selbst stammt aus Niederschlesien – gemeinsam mit Gemeindearchivar Hermann Greve in dem Buch „Wir bleiben jetzt hier ...“ zusammengetragen (wir berichteten). Herausgeber sind die Gemeinde Weyhe und die Volkshochschule im Landkreis Diepholz. Laut Hubert Sturm geben die Berichte einen guten Einblick in das Leben der Vertriebenen und in deren Gedankenwelt.

Kirchweyhe - „Ich fand es sehr wichtig, diese Zeitzeugenberichte auch für später zu erhalten“, erklärt Sturm. Die Flucht der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten des Reiches liegt nun schon mehr als 76 Jahre zurück, doch manches vergisst man einfach nicht – sei es noch so lange her . Die Vertreibung aus ihrer Heimat und die anschließende Reise gen Westen gehört für die, die dabei waren, zu diesen Erinnerungen, die wohl nie verblassen werden.

Nicht direkt, aber über Umwege kam Rotraud Siejok 1955 nach Weyhe. „Meine Schwiegereltern konnten hier bauen, und so sind wir hergekommen“, erzählt sie. Sie und ihr Mann, den sie während ihrer Tätigkeit als Schaffnerin kennengelernt hatte, hätten damals sofort zugepackt, als sie gefragt wurden, ob sie auch nach Weyhe wollen.

Aufgewachsen und groß geworden ist Rotraud Siejok in Bauerwitz (heute Babórow). Sie sei behütet groß geworden, sagt sie heute: „Mein Vater hat die Verantwortung für seine Kinder übernommen.“ Ihre Mutter starb, als Rotraud Siejok gerade einmal ein Jahr alt war. Diesen Verlust fingen ihre Tanten auf. „Ich habe in meiner Kindheit so viel Liebe erfahren. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt sie.

Während des Zweiten Weltkrieges hat sie auch den Holocaust miterlebt. Ihr kommen die Tränen, wenn sie heute darüber spricht: „So viele Juden sind gestorben. Mir tat das schon damals so weh, das alles mit anzusehen.“ Sie konnte nie verstehen, warum Juden damals wie Aussätzige behandelt wurden. „Man muss die Menschen doch nehmen, wie sie sind“, meint sie.

Die Jahre nach dem Krieg und der Vertreibung aus Bauerwitz waren für Rotraud Siejok strapaziöse Jahre. Sie ist sehr oft umgezogen – nicht immer auf Zwang, aber meistens doch unfreiwillig –, ein echtes Zuhause fand sie mit ihrer Familie nie. Als sie beispielsweise in der Grafschaft Bentheim lebte, hatten die vertriebenen Schlesier keinen guten Ruf bei den Einheimischen. „Dort haben sie immer gesagt: ,Die Flüchtlinge und die Kartoffelkäfer, die machen uns kaputt.‘“ Erst im Laufe der Zeit haben sich die Bentheimer und Schlesier aneinander gewöhnt.

In Weyhe hat sie zehn Jahre nach ihrer Vertreibung aus Bauerwitz einen Ort gefunden, an dem sie sich dauerhaft wohlfühlen könnte. „Ich hatte nie Ärger mit meinen Nachbarn“, sagt sie. Es sind tiefe Freundschaften entstanden, die noch heute halten. „Ich freue mich immer, wenn ich von ihnen höre“, erzählt sie fröhlich.

Rotraud Siejok hat viele schöne Erinnerungen an die Region. Besonders gern denkt sie an Abende im Grünen Jäger in Okel zurück: „Da haben wir Frauen gefeiert und getanzt – und auch ein bisschen was getrunken“, erzählt sie. „Aber nie sehr viel. Ich kann nicht so viel ab. Dann fange ich immer an zu singen.“ Trotz all dieser teilweise schrecklichen Erinnerungen hat Rotraud Siejok auch im Alter von 97 Jahren ihren Lebensmut nicht verloren. „Mein Leben war nun einmal so, aber ich habe mich nie unterkriegen lassen. Ich habe immer Träume gehabt – als Kind schon. Und die habe ich heute noch“, sagt sie. Und noch heute genießt sie es, auf der Welt zu sein: „Das Leben hat so viele schöne Seiten zu bieten. Ich bin jeden Tag voll ausgelastet.“

Das Buch

Das Buch „Wir bleiben jetzt hier ...“ ist bei der Mediengruppe Kreiszeitung käuflich zu erwerben. Da die Geschäftsstellen noch geschlossen sind, ist es ausschließlich online erhältlich. Das Buch kostet 21 Euro. Hinzu kommen 5,95 Euro Versandkosten.

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