Berufswechsler berichten 

Ein Quereinsteiger erzählt: „Und dann war ich plötzlich Lokführer“

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Michael Müller auf dem Führerstand einer der zwei Loks der Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn. Genau 45 Europaletten passen in einen der neun Waggons des Unternehmens. Der Bassumer lässt jedoch nicht beladen, er packt gleich selbst mit an.

Weyhe/Delmenhorst - Von Luka Spahr. „Ich hatte einen Boreout“, erinnert sich Gordon Doyen, wenn er an seine Zeit im Büro zurückdenkt. Fast zu Tode gelangweilt habe er sich in seinem Job bei einem großen Mobilfunkkonzern. „Es musste sich dringend etwas ändern“, war für ihn daher klar. Dann traf er eine Entscheidung. Zuerst folgte eine „Druckbetankung mit Wissen“ wie er es heute nennt. „Und dann war ich plötzlich Lokführer“, so Doyen.

Die Augen des 48-Jährigen fangen an zu leuchten, wenn er von seinem neuen Beruf erzählt. Vor vier Jahren wagte er das, womit viele oft hadern: den Quereinstieg. Aus Gordon, dem Verwaltungsmitarbeiter, wurde Gordon, der Lokführer. 

Damit erfüllte sich der Hamburger einen lang gehegten Kindheitstraum. Außerdem füllte er eine wichtige Lücke auf dem Arbeitsmarkt. Nicht nur die Deutsche Bahn, auch viele andere Bahnunternehmen beklagen einen dramatischen Mangel an Lokführern. Doyen war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Schon mit 20 Jahren gründete Doyen mit einigen anderen Bahnbegeisterten nahe Weyhe den Verein Kleinbahn Leeste. Dieser betreibt den Pingelheini. Eine kleine Museumseisenbahn, die vielen ein Begriff sein dürfte. In dem Verein ist er bis heute im Vorstand aktiv.

Gordon Doyen an seinem Arbeitsplatz auf dem Führerstand eines Elektrotriebwagens des Typ „Flirt 3“.

Was bei Doyen lange nur ein Hobby war, hat er nun zu seinem Beruf gemacht. Der Weg dahin war steinig. Neun Monate dauert das bundeseinheitliche Quereinsteigerprogramm. Davon sechs Monate Theorie und drei Monate Praxis. „Es gibt unfassbar viele Vorschriften. Da braucht man echt Nerven.“ Vieles davon brauche man im Alltag selten. Nur im Notfall müsse das Wissen griffbereit sein, so Doyen. Doch er war motiviert und kämpfte sich durch. „Am Ende der letzten Prüffahrt habe ich erst mal eine Runde geheult“, erinnert er sich.

Dann folgte sein erster Arbeitstag bei seinem neuen Arbeitgeber, der Nordbahn. Einem kleinen Bahnunternehmen mit 130 Mitarbeitern, das im Raum Hamburg/Schleswig-Holstein zwei Netze bedient. Doyen erinnert sich: „Es war schrecklich! Ich hatte Kopfschmerzen und war tierisch aufgeregt.“ Dennoch wolle er diesen Tag auf keinen Fall missen.

Der Mann mit der sportlich geschnittenen Brille liebt seinen Beruf. Das merkt man bereits in den ersten Sekunden, wenn man ihm zuhört. Mittlerweile ist er selbst Praxisausbilder und begleitet Neu- und Quereinsteiger in seinem Beruf. Für alle Unentschlossenen gibt es bei seinem Betrieb Schaufahrten, bei denen man den „echten“ Lokführern mal über die Schultern schauen kann. 

Ansonsten sei eine hohe Eigenmotivation wichtig, vor allem bei Quereinsteigern. Auch auf lange Arbeitszeiten müsse man sich einstellen. Zwar seien viele Bahnunternehmen tariflich gebunden, Arbeiten am Wochenende sei bei ihm aber keine Ausnahme. Die Bezahlung variiere je nach Tarif, Unternehmen und der Anzahl der gefahrenen Strecken. Realistisch sei bei Steuerklasse eins ein Nettoeinkommen von rund 2200 Euro.

Müller tauschte den Lkw gegen die Lok

Auch Michael Müller hat ihn gewagt: den Quereinstieg. Nur fährt er keine Menschen, sondern Brötchen, Soßen und andere Lebensmittel. Seine Fahrgäste sitzen nicht auf Polstern, sondern die Ware liegt auf Europaletten in einem Kühlcontainer.

Der 50-jährige Bassumer ist seit 2012 Lokführer für die Delmenhorst-Harpstedter Eisenbahn (DHE). Im Zweischichtbetrieb fahren er und seine drei Kollegen Waren einer Lebensmittelfirma in Delmenhorst in ein nahe gelegenes Hochregallager. Zwar sei die Strecke quer durch Delmenhorst mit einer Stunde hin und zurück nur sehr kurz, und die Geschwindigkeit mit 30 Stundenkilometern auch nicht atemberaubend. 

Aber auch Müller will seinen neuen Beruf nicht missen. Vorher war er als Lastwagen-Fahrer im Stückgutverkehr auf innerdeutschen Autobahnen unterwegs. Asphalt hat er nun gegen Stahl eingetauscht. 120 Europaletten nimmt er auf einer Tour mit. Neben dem Be- und Entladen kostet auch der „Papierkram“ viel Zeit, erzählt Müller.

Neue Probleme zu lösen ist Teil des Umstiegs

Anders als im Personenverkehr sei bei ihm aber viel körperliche Fitness und ein hohes technisches Verständnis erforderlich. Und während Doyen sagt „Man muss sich entgegen weit verbreiteter Vorstellungen in meinem Beruf selten schmutzig machen“, sieht auch das bei Müller anders aus. Er muss oft selbst anpacken und technische Probleme lösen. Wissen aus seiner Zeit als Lastwagen-Fahrer habe er dabei jedoch kaum mit einbringen können. „Ein Lkw hat Gummiräder, jetzt fahre ich auf Schienen“, so der junggebliebene Bassumer und lacht.

Auf jeden Fall habe er sich aber beruflich „optimiert“. Interessierten an seinem Beruf rät auch er, viel Bereitschaft zum Lernen mitzubringen. Ihm habe es „Spaß gemacht, und es hat auf Anhieb geklappt“.

Zum Abschluss noch eine letzte Frage an ihn und seinen Berufskollegen Gordon Doyen: Sogenannte Personenschäden kommen immer wieder bei der Bahn vor. Haben sie selbst schon Erfahrung damit gemacht? Doyen verneint. Er kenne aber einen Kollegen, der das durchgemacht habe und bis heute damit kämpfe. Es gebe aber ein breites Hilfsangebot bei den Bahnbetreibern. 

Müller packt auch noch beim Beladen der Waggons an

Auch Müller hat noch keinen Suizid erlebt. Wohl sei er aber mal in einen auf den Schienen stehenden Sattelzug gefahren. Verletzt wurde damals niemand. Die Reaktionen folgten dennoch prompt. Aktuell werden die Schranken an den Bahnübergängen modernisiert und das Tempo wurde gedrosselt.

Dann müssen Doyen und Müller los. Ersterer muss am nächsten Tag früh hoch. Seine Frühschicht beginnt um 2.20 Uhr, endet aber auch schon um neun. Müller will mit anpacken beim Beladen der Waggons. „Ich will mich ja nicht langweilen“, ruft er zum Abschied.

Doyen lächelt immer noch. Die Begeisterung für seinen Beruf ist beinahe greifbar im Raum: „Das ist der beste Job, den ich je gemacht habe.“

www.pingelheini.de

www.dhe-reisen.de


Anmerkung: Für diese Geschichte wurden nicht nur kleine, sondern auch große Bahnunternehmen angefragt. Während die Pressestelle der Deutschen Bahn auf einen Mangel an geeigneten Interviewpartnern verwies, enthielt sich die Nordwestbahn komplett einer Antwort.

Info: Arbeitsalltag eines Lokführers

Der Berufsalltag eines Lokführers im Personenverkehr unterscheidet sich im Tagesablauf an einigen Stellen sehr von dem eines Triebfahrzeugführers, wie der Beruf eigentlich heißt, im Güterverkehr. Gordon Doyens Frühschicht bei der Nordbahn beginnt um 2.20 Uhr früh morgens. Falls er keinen Zug von einem Kollegen übernimmt, startet er mit der Prüfroutine. Welcher Zug ihm zugewiesen ist, erfährt er per App. 

Die Überprüfung beinhaltet zum Beispiel eine Inaugenscheinnahme und eine Bremsprüfung. Letztere wird bei modernen Zügen aus dem Führerstand am Display durchgeführt. Nach der rund 30-minütigen Überprüfung des Zugzustandes müssen der Zug beziehungsweise die einzelnen Waggons, entsprechend der Wagenreihung rangiert werden. Das passiert heute ebenfalls größtenteils automatisch. 

Ist der Zug abfahrbereit, erfolgt eine Anmeldung beim Bahnhof mit der Bitte um Einfahrt und die Bekanntgabe des entsprechenden Gleises. Gegen fünf Uhr früh steigen dann die ersten Fahrgäste ein. Den Weg nach Hause in den Feierabend tritt Doyen dann oft schon gegen neun Uhr am Vormittag wieder an. Generell ist alles „sehr großzügig getimet“, so der Lokführer. 

Güterverkehr Michael Müller und seine drei Kollegen arbeiten im Zweischichtbetrieb. Jeder fährt während seiner Arbeitszeit zwei Touren von der Produktionsfirma an der Grünen Straße im Zentrum Delmenhorsts ins Hochregallager im Stadtteil Annenheide. Die Fahrt dauert eine Stunde inklusive der Bearbeitung der nötigen Papiere. Beim Be- und Entladen der Waggons packt Michael Müller freiwillig mit an. 

Da die DHE nicht nur ein Eisenbahnverkehrs- (EVU), sondern auch ein Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) ist, besitzt sie die Strecke selbst. Daher übernehmen Müller und seine Kollegen auch sogenannte „Lotsen“-Tätigkeiten. Lokführer von Netzen außerhalb der DHE-Strecke bekommen dann einen streckenkundigen Mitarbeiter des Unternehmens an die Seite gestellt. 

ls

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