Interview mit Expertin

Unterhalt und Absicherung: Es trifft fast immer die Frauen

Weyhe - 90 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. Rechte, Pflichten und Möglichkeiten, sich den Alltag leichter zu gestalten, bleiben oft unklar.

Monika Placke, Geschäftsführerin des Verbandes alleinerziehender Mütter und Väter aus Osnabrück, kommt am Mittwoch, 20. Juni, ab 17.30 Uhr ins Kinderhaus Leeste, Pestalozzistraße 12. Im Interview spricht die Sozialpädagogin über die Themen des Vortrags und bietet einen Einblick in ihren Berufsalltag. Die Fragen stellte Janna Silinger.

Worum genau geht es in Ihrem Vortrag?

Monike Placke: Ich möchte einen Überblick über die Veränderungen geben, die mit einer Trennung einhergehen. Es geht einmal um die Rechte und Pflichten von beiden Elternteilen, also auch von denen, die nicht mit den Kindern zusammen leben. Da gibt es viele Fragen und Unsicherheiten. Das andere große Thema ist die finanzielle Absicherung. Dabei spreche ich vom Bildungs- und Teilhabepaket über Wohngeld bis zum Unterhaltsvorschuss.

Sie möchten vermitteln, wer was tun kann, um seine Rechte durchzusetzen?

Monika Placke

Placke: Ja, ich versuche deutlich zu machen, was die Grundlagen sind. Und mir ist es wichtig, dass die Teilnehmer am Ende was Festes in der Hand haben, um ihren Alltag besser gestalten zu können. Ich wünsche mir dazu immer Fragen und Gedanken der Zuhörer. Wenn es mal persönlich wird, stehe ich im Nachhinein für Einzelberatungen zur Verfügung.

Gibt es bei der finanziellen Absicherung konkrete Änderungen?

Placke: Zum 1. Juli vergangenen Jahres gab es die Erweiterung des Unterhaltsvorschusses bis zur Volljährigkeit. Das ist für einige ein Segen, andere wiederum, die bisher erwerbstätig waren und dazu den Kinderzuschlag und Wohngeld nutzen konnten, sind jetzt schlechter gestellt.

Wen beraten Sie alles?

Placke: Alle Alleinerziehenden oder Eltern, die auf dem Weg in eine Trennung sind. In erster Linie nehmen das Frauen in Anspruch. Ich berate aber auch Väter. Zumindest, wenn sie nicht im zweiten Halbsatz fragen: „Wie komme ich am besten aus meiner Unterhaltspflicht?“

Passiert das oft?

Placke: Ja. In einigen Kreisen ist das regelrecht normal. So wie Leute um die Steuern rumkommen möchten, wird das auch bei den Kindern gesehen. Da fallen Äußerungen wie „ich seh die Kinder kaum noch und habe da nichts von, warum soll ich denn bezahlen?“

Wie reagieren Sie in so einer Situation?

Placke: Gegenüber jungen, unreifen Mensch versuche ich mit Überspitzung und Humor, manchmal auch ein wenig mütterlich, einen Zugang zu finden. Ich möchte deutlich machen, dass man 50 Prozent der Verantwortung trägt, wenn ein Kind entsteht. Wer das nicht möchte, muss verhüten.

Es sind nach wie vor die Frauen, die benachteiligt sind?

Placke: Ja, ganz klar. Frauen sind schon zum Zeitpunkt der beruflichen Bildung benachteiligt. In männerdominierte Berufe trauen Frauen sich häufig nicht und frauendominierte sind oft „unterbewertet“. So haben Frauen schlechtere Startchancen und sobald das erste Kind kommt, werden Karriereleitern gekappt. Manchmal schon auf der Grundlage, dass sie ein Kind bekommen könnten.

Oder wenn man sich trennt?

Placke: Frauen erreichen nach einer Trennung statistisch nie wieder den finanziellen Stand von vorher. Männer hingegen können das nach drei, vier Jahren ausgleichen. Auch, weil sie nur in den ersten drei Lebensjahren des Kindes Unterhalt für die Mutter zahlen müssen. So wird es auf deren Rücken ausgetragen, dass nicht jedes Dreijährige in eine ganztätige Betreuung gehen kann. Bei einer Vollzeiterwerbstätigkeit reicht ja ein normaler Kitaplatz nicht.

Wird da etwas gegen getan?

Placke: Viele Unterhaltspflichtige, 90 Prozent Männer, haben kein Interesse an einer Veränderung. Natürlich gibt es Übereinkünfte zwischen Eltern, die sich einig sind. Aber wir haben auch einen sich immer weiter ausbreitenden Niedriglohnsektor. Männer, die in diesem tätig sind, können ihren Familienpflichten gar nicht nachkommen, zwei Haushalte sind teuer. Es gibt aber auch solche, die mehr arbeiten, um ihren Kindern noch was zukommen lassen zu können.

Kommt man denn gut durch als alleinerziehende, arbeitslose Frau, die niemand unterstützt, außer der Staat?

Placke: Man kommt durch und muss nicht verhungern. Sorgen machen muss man sich permanent, denn vieles ist in der vom Jobcenter gezahlten Summe nicht enthalten ist. Der im Regelsatz angegebene Anteil für Strom ist sehr niedrig, der Anteil für die Monatskarte ist in vielen Kommunen zu gering, oder der Wohnraum: Eine Mutter mit Kind hat Anspruch auf 60 Quadratmeter. In der Regel eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Also schläft die Mutter auf dem Sofa und so weiter. Da stopft sie dann das eine Loch mit dem anderen. Und wehe die Waschmaschine geht auch noch kaputt.

Es geht sehr viel um Frauen in dieser Rolle. Männer können aber auch zu Ihrer Veranstaltung kommen?

Placke: Selbstverständlich. Ich will Väter motivieren, wenn eine Trennung ansteht, die Verantwortung zu übernehmen. Das Väter sich bei einer Trennung mehr in der Pflicht sehen. Wer sich sachlich informieren möchte, ist gern gesehen.

Rubriklistenbild: © epd

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