Jens Uhlhorn von der Bewegung „Therapeuten am Limit“ will die Ausbildung reformieren

„Wir kämpfen weiter“

Sorgt sich um seine Branche: Jens Uhlhorn.
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Sorgt sich um seine Branche: Jens Uhlhorn.

Seit mehreren Jahren kämpft die Bewegung „Therapeuten am Limit“ für bessere Ausbildungsrichtlinien und Honorierungen für Heilmittelerbringer. Wie Physiotherapeut Jens Uhlhorn aus Weyhe sagt, sei der Protest nicht vergebens. Um Nachwuchs zu gewinnen, müsse man aber mehr tun.

Weyhe – In Deutschland gibt es derzeit 165 000 Physiotherapeuten. Diese Zahl reiche aber längst nicht aus. Es fehlen 35 000 zusätzliche Kräfte. Das sagt Jens Uhlhorn aus Weyhe von der Bewegung „Therapeuten am Limit“. Das bedeutet, dass in jeder Praxis ein Therapeut fehle. Das sei die Ausgangslage.

Jens Uhlhorn, der mehrere Praxen in Weyhe und Bremen betreibt, blickt auf fünf Jahre politischer Auseinandersetzung zurück. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte ein Gesetzespaket auf den Weg gebracht, um die Situation der Physiotherapeuten zu verbessern. Aber ob die Gesetze, die unter anderem eine Verbesserung der Ausbildung vorsehen, laut Uhlhorn in konkretes Handeln übersetzt würden, „bleibt abzuwarten“.

Jens Uhlhorn: „Rahmenbedingungen müssen stimmen“

Um mehr Menschen für den Beruf zu begeistern, müssten die Rahmenbedingungen stimmen, sagt er. „Das tun sie aber noch nicht.“ Er nennt Beispiele. So würden Nachwuchskräfte nach Vorgaben ausgebildet, die 30 Jahre alt seien. Diese müssten reformiert werden. „Seit 1991 hat sich viel geändert. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Bereich der Krankheitsbilder“, sagt Uhlhorn. Vor drei Jahrzehnten galt es bei Rückenschmerzen, die entsprechenden Bereiche zu entlasten. „Heute müssen sie belastet werden. Das ist also das komplette Gegenteil.“ Nächstes Beispiel: Die Veränderung von Operationstechniken würden laut Uhlhorn „andere Nachbehandlungsmethoden nach sich ziehen“.

Durch Heimwerker-Boom nimmt Handtherapie an Bedeutung zu

Auch die Verletzungsmuster hätten sich verändert: „Durch den Heimwerker-Boom der vergangenen Jahrzehnte gibt es mehr Verletzungen an Händen.“ Im Vergleich zu früher komme der Handtherapie mehr Bedeutung zu. Es sei keine Seltenheit, dass den Heimwerkern beim Umgang mit Sägen die Hand abrutscht und sie sich dabei schwer verletzen. Für die Therapie müssten die Fachkräfte mehr Möglichkeiten in größeren Räumen bekommen, um laut Uhlhorn „komplexe Bewegungsmuster nachzubilden“. Mit Langhanteln zu arbeiten, sei üblich. Das setze voraus, dass die Praxisräume das bieten können.

Physiotherapeut fordert mehr Spielraum

Der Weyher wünscht sich, dass die Physiotherapie so geregelt wird, dass Therapeuten mehr Spielraum bekommen – und zwar bei der Berufsausübung sowie bei der Finanzierung ihrer Praxen und der Honorierung. Die Bewegung „Therapeuten am Limit“ beobachte die Verhandlungen zwischen dem Krankenkassenspitzenverband, den Physiotherapie- und den Ärzteverbänden. „Den Prozess vor einem Schiedsamt können wir nur kritisch begleiten“, so Uhlhorn. Die jüngsten Verhandlungen seien gescheitert. Es seien Nullrunden vorgeschlagen. Das sei nicht zu akzeptieren. Physiotherapeuten hätten in Deutschland für den März vergangenen Jahres zwar von der Bundesregierung einen finanziellen Rettungsschirm bekommen. „Aber seitdem gab es nichts mehr“, so Uhlhorn. Außerdem würden sie bei den Folgekosten alleine gelassen.

„Hygienepauschale in der Höhe von 1,50 Euro reicht nicht aus“

Uhlhorn rechnet vor: Für ein Rezept zahle die Krankenkasse eine Hygienepauschale in der Höhe von 1,50 Euro. Ein Rezept könne aber sechs Behandlungen umfassen. „Wer in der Corona-Pandemie unter Vollschutz einen Patienten in einem Altenheim besucht, hat Aufwendungen pro Behandlung von 6,50 Euro.“ Man benötigt FFP2-Masken, Desinfektionsmittel, Spuckschutz, Gesichtsvisier, Handschuhe und Kittel. Das bedeutete, dass man pro Behandlung unterm Strich nur 25 Cent an Auslagen erstattet bekomme. Bei Ergotherapeuten kämen pro Rezept 20 Behandlungen zusammen, die mit der Rezepterstattung von 1,50 Euro abgegolten würden.

Seit Beginn der Pandemie hieß es laut Uhlhorn stets, alle Einrichtungen müssten offen sein. „Aber die Krankenkassen sagen nicht, wie das gehen soll“, kritisiert er. „Als Körperschaften des öffentlichen Rechts verhandeln sie Honorare mit Ärzten. Die Physiotherapie im Land mache nur einen kleinen Bruchteil der Krankenkassenkosten aus“, sagt Uhlhorn mit Blick auf die Statistik. Allein die Gesamtsumme der von den Krankenkassen verwalteten Geldern betrage jährlich rund 230 Milliarden Euro. „Davon beanspruchen die Krankenkassen fünf Prozent für die Verwaltung, und wir in der Therapie zwei Prozent“, sagt Uhlhorn.

Heilmittelerbringer zählen wie Ärzte zur „kritischen Infrastruktur“

„Die Physiotherapie gehört in der Corona-Pandemie zur kritischen Infrastruktur wie Ärzte und Kliniken“, sagt Jens Uhlhorn. Sie sei „Bestandteil der Grundversorgung der Patienten“. „Wir mussten diejenigen versorgen, die wegen Terminverlegungen nicht operiert werden konnten.“ Uhlhorn gibt ein weiteres Beispiel: Wer auf ein neues Hüftgelenk wartet, habe Schmerzen und Bewegungseinschränkungen. „Mit einer Therapie kann man den Zustand eine Weile so erhalten, dass er sich nicht verschlechtert. Mit intensiver Therapie könnte es möglich sein, den Zustand so zu verbessern, dass eine Operation sogar überflüssig wird.“

„Arthrose wird unter Belastung besser“

Patienten benötigen Beratung, um das Vertrauen zu bekommen, dass der Schmerz nicht zu größeren Problemen führen wird. „Arthrose wird unter Belastung besser. Das Schlimmste, was man manchen kann, ist auf dem Sofa zu liegen.“ Verschleiß und Entzündungsprozesse im Körper seien normal, sagt Uhlhorn. Nach dem 25. Lebensjahr würden die Gelenkfunktionen abgebaut. „Das ist nichts Dramatisches. Die Folgen kann man durch Bewegung in den Griff bekommen.“

„Wir kämpfen weiter“

Für Uhlhorn gilt, dass die Bewegung „Therapeuten am Limit“ den Veränderungsprozess kritisch im Auge hat und sich nach Ostern Aktionen überlegt. Eine Nullrunde könnten die Heilmittelerbringer nicht akzeptieren. „Wir kämpfen weiter“, so Jens Uhlhorn. Denn die Krankenkassen hätten im Lockdown immer wieder den Wert der Therapie betont. Es liege an ihnen, Angebote zu machen, findet der Weyher.

Von Sigi Schritt

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