Recht auf Teilhabe durchgesetzt

Susanne Kruse erreicht Schultransport für behindertes Kind

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Susanne Kruses 14-jährige Tochter besucht eine Kooperationsklasse, die in der KGS Leeste untergebracht ist.

Weyhe - Von Katharina Schmidt. Susanne Kruse aus Sudweyhe ist Mutter eines geistig behinderten Kindes – und es leid, für die Inklusion ihrer Tochter kämpfen zu müssen. Wenn sie von den vergangenen Monaten erzählt, schüttelt sie immer wieder verständnislos den Kopf. „Wir hatten ein halbes Jahr echt Stress“, sagt sie.

Ein Grund für die Aufregung war die Frage, wie ihr Kind zur Schule kommt. Das Taxi, das die 14-Jährige jahrelang dorthin gebracht hat, kam von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Die durch eine Schulassistentin begleitete Beförderung wurde eingestellt, nachdem die Schülerin wiederholt im Wagen randaliert hatte.

Taxifahrt ist für Tochter nicht möglich

Der Fall zeigt, dass das Thema Inklusion nicht nur im Bundestag Diskussionen entfacht.

Doch der Reihe nach: Die Tochter von Susanne Kruse geht in die neunte Klasse. Sie besucht nicht direkt die KGS Leeste, sondern eine räumlich dort angesiedelte Kooperationsklasse. Manche Stunden verbringen das Mädchen und ihre Klassenkameraden zusammen mit Kindern ohne Behinderungen, in anderen sind sie unter sich.

Die 14-Jährige redet gerne von der Schule. Kaum sind Ferien, vermisse sie ihre Klassenkameraden, sagt sie.

Allerdings randaliert die Jugendliche wie bereits erwähnt im Taxi. Deshalb hat der Landkreis als Kostenträger die Begleitung der Fahrten durch eine Schulassistenzkraft der Lebenshilfe Syke genehmigt. Anfang des Jahres stellte die Lebenshilfe diese Begleitung ein. Die Geschäftsführung begründet dies auf Nachfrage damit, dass die Begleitung das Verhalten des Kindes nicht nennenswert verbessert habe – obwohl eine erfahrene Schulassistentin mit im Auto gewesen sei, die im Unterricht positiv auf das Mädchen einwirke. Die Lebenshilfe betont zudem, dass die Kostenübernahme des Kreises von vornherein zeitlich befristet gewesen sei. „Insofern möchten wir darauf hinweisen, dass es nicht (...) alleinige Entscheidung der Lebenshilfe war, keine Schulassistenzkraft mehr für die Schulbeförderung zur Verfügung zu stellen.“

Arbeitsstunden reduziert, um Tochter zur Schule zu fahren

Kruse verweist hingegen auf ein Schreiben, in dem der Landkreis zugesagt hat, ihre Tochter bis zum Jahr 2018 zu befördern. Dass das nicht mehr der Fall sein soll, hat die Mutter bei einem Gespräch mit Vertretern des Landkreises, der Schule und der Lebenshilfe erfahren. „Eigentlich sollte es um die Nachmittagsgestaltung meiner Tochter gehen“, erzählt sie. „Da saßen sie dann mit sieben Leuten vor mir.“ Das Gespräch hat die Mutter, so sagt sie selbst, „überrumpelt und verunsichert“. Man habe ihr gesagt, dass ihr Kind so sehr um sich schlage, dass die Begleitung für den Rest des Tages geschafft sei. Dass das Mädchen anstrengend sein kann, weiß Susanne Kruse – immerhin betreut sie es 365 Tage im Jahr. Die Situation im Taxi habe die Schulassistentin ihr gegenüber jedoch zuvor immer verharmlost. Nach etwa 45 Minuten ist Susanne Kruse vorzeitig gegangen. Am nächsten Tag kam das Taxi nicht mehr.

„Hätte ich kein Auto, wäre meine Tochter ein halbes Jahr lang nicht zur Schule gekommen“, beschwert sich die Sudweyherin. Um sie jeden Morgen zu fahren, musste sie ihre Arbeitsstunden reduzieren.

Mittlerweile kommt das Taxi wieder. Eine neue Schulassistentin, die nicht im Dienst der Lebenshilfe steht, begleitet die 14-Jährige Die Familie Kruse ist mit einem Anwalt erfolgreich gegen die ausbleibende Beförderung seitens des Landkreises vorgegangen. Der Jurist Matthias Westerholt hat sich dabei auf das Gesetz zur Teilhabe an der Gesellschaft berufen. Dass Betroffene Rechte von Behinderten mithilfe eines Anwaltes durchsetzen müssen, ist ihm zufolge kein Einzelfall.

„... Grenzen der Hilfe zur Eingliederung erreicht“

Zu Details des Vorfalls nimmt der Landkreis Diepholz aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Stellung. Er schreibt: „Gesagt werden kann aber, dass Wünsche der Eltern hinsichtlich der Schulform Berücksichtigung finden und ihr Wahlrecht respektiert wird, auch wenn aus Sicht der Fachkräfte mögliche und gegebenenfalls passgenauere Alternativen bestehen, die den konkreten Bedürfnissen des Kindes vielleicht auch oder sogar eher entsprechen und dies mit den Eltern ausführlich besprochen worden ist.“ Taxibeförderung behinderter Kindern stelle er im Rahmen seiner Möglichkeiten sicher. „Wenn (…) eine Gefährdung Dritter nicht ausgeschlossen und aufgrund dieser Umstände für eine gewisse Zeit eine Hilfe nicht durchgeführt werden kann, weil kein Personal zur Durchführung zur Verfügung steht beziehungsweise zur Durchführung bereit ist, sind die Grenzen der Eingliederungshilfe erreicht. In einem solchen Fall sieht der Landkreis die Eltern in der Pflicht, die Verantwortung für ihre getroffene Entscheidung zu übernehmen und gegebenenfalls ihre Tochter für eine Übergangszeit selbst zur Schule zu bringen und abzuholen.“

Susanne Kruse hat den Eindruck, dass sie von vielen Seiten dazu gedrängt wird, ihre Tochter aus der Kooperationsklasse zu nehmen und sie an einer Tagesbildungsstätte anzumelden – dann wäre die Beförderung, so wolle man ihr weismachen, einfacher. In einem Gespräch habe eine Schulpädagogin ihr zudem persönlich angeraten, dass das Mädchen in einer Tagesbildungsstätte besser aufgehoben wäre, weil es „wie ein Zombi durch die Schule laufe“ und andere Schüler und Lehrer störe. So habe sich die Pädagogin ihr gegenüber geäußert, sagt Kruse.

Behindertenbeauftragte wünscht sich mehr Unterstützung

Die Schule nimmt auf Anfrage nicht Stellung dazu. Die Lebenshilfe betont ausdrücklich, dass sie das Recht der Eltern auf freie Wahl der Schulform für ihr Kind respektieren. Eine Einflussnahme erfolge nicht. „Wir sind sowohl Träger der Erlenschule als auch des Schulassistenzdienstes und haben weder einen Grund, noch ein Interesse daran, die eine Einrichtung oder die andere zu präferieren.“

Welche Schulform Susanne Kruse präferiert, daran lässt sie keinen Zweifel. Sie findet die Kooperationsklassen gut, weil behinderte Kinder dort auch in Kontakt mit Schülern ohne Behinderung kommen.

Laut der Weyher Behindertenbeauftragten Katrin Kurtz hat Susanne Kruse auch das Recht dazu, ihr Kind dort beschulen zu lassen. Sie zieht den Hut vor dem Durchhaltevermögen der Familie und wünscht sich mehr Rückhalt für die Eltern. „Warum unterstützt man Leute nicht, anstatt ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen?“ Das Kind sei mit Sicherheit nicht immer einfach zu händeln. Aber dafür gebe es genügend Personal. Ihr Eindruck: Die Beteiligten versuchen, sich das Leben leichter zu machen, anstatt ihrer Arbeit vollumfänglich nachzugehen. „Inklusion nur mit denen, die lieb und nett sind – das ist nicht richtig“, sagt die Behindertenbeauftragte Katrin Kurtz.

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