Wehrmann: Letzte Traditionsziegelei an der Weser hat die Produktion eingestellt

Für den Sudweyher Ton ist nach 156 Jahren der Ofen aus

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Damit aus dem besonderen Sudweyher Wesermarschton jene markanten Steine entstehen, die auch für historische Bauten verwendet werden, presst eine Maschine sie in eine Form. „Die können wir auswechseln und nach den Wünschen der Kunden anpassen“, sagt Hans-Heinrich Meier. 

Sudweyhe - Von Sigi Schritt. Was verbindet die Elbphilharmonie in Hamburg, den Schuppen 1 in der Bremer Hafencity und den Verkehrsturm auf der Domsheide mit dem Weyher Rathaus? Es sind Steine aus der Sudweyher Produktionsstätte der Ziegelei Wehrmann, sagt der ehemalige Geschäftsführer Hans-Heinrich Meier. Der hellrote Baustoff war über viele Jahrzehnte das Markenzeichen des Betriebs. Er stellte Vormauer- und Akustikziegel sowie historische Formate her. Im November des vergangenen Jahres lief die letzte Charge vom Band. Damit endete vorerst der Betrieb der letzten Ziegelei an der Weser und auch im Kreis Diepholz.

Wenn Meier im laufenden Insolvenzverfahren keinen Neustart der seit 1859 existierenden Produktionsstätte „zünden“ kann, so reduziert sich die Anzahl in Niedersachsen auf 13. Doch der Sudweyher gibt sich zuversichtlich und hat neue Ideen. „Der Insolvenzverwalter durfte nur solange produzieren lassen, wie er Aufträge abarbeiten konnte“, bedauert der Urgroßenkel des Firmengründers. Die Steine lieferte das Weyher Unternehmen bis zuletzt in alle Bundesländer und auch ins benachbarte Ausland – insbesondere nach Holland, nach Belgien und in die Schweiz. Von den 25 Mitarbeitern in der Produktion, im Büro und im Vertrieb blieb nur Meier übrig.

Dieses Luftbild zeigt das weiträumige Gelände der Ziegelei Wehrmann.

Er führt mehrere Gründe an, wie es zur Insolvenz des alteingesessenen Betriebs kommen konnte (wir berichteten): Die Probleme begannen 2006, als die Eigenheimzulage gestrichen wurde, die „damals von der Regierung unter Kanzler Helmut Kohl eingeführt worden war, weil die private Eigenheimquote zu niedrig war“. Die Bauleute wechselten in andere Branchen – es fehlten Arbeitskräfte. Die Mieten stiegen an. Die Regierung sah Bedarf für 350. 000 neue Wohnungen im Jahr. 2015 wurden aber zum Beispiel nur 257. 000 errichtet. „Auch in Weyhe ist der Bedarf an Bauplätzen, die sich Familien leisten können, nicht gedeckt. Meine älteste Tochter hat in Riede gebaut“, sagt Meier.

Ein wesentliches Problem seien die langfristigen Erdgas- und Stromlieferverträge gewesen. Als der ehemalige Geschäftsführer die Verträge abgeschlossen hatte, hatte er eine Liberalisierung des Marktes nicht für möglich gehalten. „Ich musste im Vergleich zu den Mitbewerbern den doppelten Preis zahlen. Die Strom- und Gasversorger waren leider nicht verhandlungsbereit.“ Monatlich musste er dafür rund 90 .000 Euro bezahlen, genauso viel wie für das Personal.

Das Unternehmen Heinrich Wehrmann firmierte seit 2012 unter dem Namen Gesine Meier und wird seither liquidiert. Der Firma gehören die 4,6 Hektar große Gewerbefläche, die Produktionsstätte mit einer gepflasterten Fläche, die 8 000 Quadratmeter groß ist, und der Maschinenpark, so Meier. Unter Führung seines Sohnes Hans-Christoph Meier konnte bereits eine neue Firma Wehrmann-Ziegel GmbH im Mai 2012 bis Ende 2015 – unbelastet von Gläubigerforderungen – produzieren. Sie hatte lediglich Anlagen und Boden gepachtet. „Das neue Unternehmen sollte nicht für das alte haften“, so Meier. Ziel war es, dass die neue Firma die Gewinne erwirtschaftet, um alle Gläubiger finanziell zu befriedigen sowie Grund und Boden wie auch Produktionsmittel zu erwerben.

Die Ideen für einen Neustart waren immens: So gab es eine Musterproduktion von Riemchenverblendern für einen Unternehmer, der Wärme-Dämm-Verbundsysteme herstellt. „Eine Fassade muss gestrichen werden, und im Falle eines Abrisses als Sondermüll entsorgt werden.“ Früher oder später bilden sich auf der Oberfläche Algen – obwohl die Farbe oftmals mit Pestiziden vermischt ist. Weiterhin können sich in der geringen Putzschicht Risse bilden, so dass Regen ins Mauerwerk dringen kann. Mit den Riemchen könnte eine Fassade viel länger erhalten werden. Zur Produktion kam es aber nicht.

Eine andere Idee war es, einen größeren Hersteller als Partner zu gewinnen, damit dieser in Sudweyhe eine Produktionsstätte bekommt, um beispielsweise Spezialaufträge zu erledigen. Dazu zählen Sonderformate für Kirchen und andere Prestigebauten. „Die Verhandlungen waren nicht von Erfolg gekrönt“. sagt Meier.

Probleme bereiteten ebenso ein Bankenwechsel und die Tatsache, dass sich manche Auftraggeber verrechnen: „So waren für ein größeres Objekt in Hamburg 300 000 Steine bestellt. Ein Architektenbüro hatte jedoch 53 000 Steine nicht benötigt und auch nicht bezahlt. Zum Vergleich: Auf einen Lastwagen passen 9 000. Die reichen aus, um ein Haus für eine Familie zu bauen.“ Bei einem anderen Kunden in Süddeutschland waren es „nur“ 40.000 Steine.“

Mittlerweile hat ein Verwerter Industrieteile aus dem Betrieb versteigert, das schließt die Feldbahn mit ein. Allerdings ist laut Meier eine einzige Produktionslinie erhalten geblieben, um möglicherweise Steine zu produzieren, die mit bestimmten Zutaten einen innovativen Baustoff darstellen.

Möglich sei aber auch, das Gelände anderweitig zu vermarkten. Die Industriekulisse könnte allerdings auch eine Rolle bei Veranstaltungen wie Konzerten und anderen Events spielen. Parkplätze gibt es genug, die Verkehrsanbindung stimmt. „Ich kann mir vieles vorstellen“, sagt Hans-Heinrich Meier.

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