Fast 300 Jahre alte frühere Brinksitzerstelle wird abgerissen

Ein Stück Kirchweyher Hofgeschichte verschwindet

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Um 1965 entstand dieses Foto und dokumentiert noch beide Strohdachhäuser an der Kleinen Heide, im Hintergrund der frühere Meinekehof und rechts der Hof „Siedenburg“. Erinnerungen an das alte Kirchweyhe.

Kirchweyhe - Von Wilfried Meyer. Das Fachwerkhaus an der Kleinen Heide in Kirchweyhe wird gerade abgebrochen – und viele Einwohner bedauern, dass sich das vertraute Ortsbild wieder verändert. Das Haus war sicherlich ein „Hingucker“, zumindest aus der Ferne auch ein Postkartenmotiv für Liebhaber alter Bausubstanz.

Seit längerer Zeit stand es bereits leer, die letzte Bewohnerin, Hermine Kastens, konnte dort nicht mehr alleine leben und nachdem sie verstorben war, wechselte das Anwesen den Besitzer. Till Maßberg kaufte es und plant, dort ein Mehrparteienhaus zu bauen, ähnlich dem an der Bahnhofstraße Ecke Fuhrenkamp, allerdings etwas kleiner. Zuletzt hat das Technische Hilfswerk an dem Gebäude eine Notfallübung organisiert.

Natürlich stellt sich die Frage, ob dieses Haus unter Denkmalschutz stand oder überhaupt erhaltenswert ist. Realistisch betrachtet nicht: Das Haus war bereits verändert worden und in so schlechtem Zustand, dass ein Denkmalschutz nicht infrage kam. Außerdem liegen die Baulandpreise in dieser zentralen Lage von Kirchweyhe mittlerweile bei 300 Euro und darüber. Schnell wird klar, dass bei einer Größe von mehr als 2000 Quadratmetern Zahlen im Raum stehen, die eine weitere Nutzung des Hauses illusorisch werden lassen. Zusätzlich müssten für Restaurierung und Wärmedämmung sicher die Summe eines Einfamilienhauses investiert werden.

Der Hausforscher Heinz Riepshoff von der Interessengemeinschaft Bauernhaus untersuchte kürzlich das Haus und dokumentierte zusammen mit dem Verfasser (Gemeindearchivar Meyer, d. Red.) das gesamte Anwesen.

Das alte Strohdach blieb unter den Wellplatten erhalten, und die rußgeschwärzten Dachbalken beweisen, dass es ursprünglich ein Rauchhaus war.

Beide bedauern, dass solche Gebäude keine Liebhaber finden, die sie restaurieren und bewohnen wollen. Aber sie erkannten auch, dass die gesamte Bausubstanz zum Teil in schlechtem Zustand ist. Viele Details bestätigen das Alter des Gebäudes von rund 300 Jahren, im Ursprung ein Rauchhaus ohne Schornstein. Die rußgeschwärzten Balken zeugen davon. Sogar das alte Strohdach befindet sich noch unter der späteren Dachabdeckung aus Well-platten (kein Eternit), die der spätere Eigentümer und Bewohner, Hermann Kastens, befestigt hatte. Der Orkan am 13. November 1972 hatte große Teile davon abgedeckt, doch Hermann Kastens montierte sie alle wieder, und so blieb das alte Strohdach bis heute darunter verborgen.

Das Haus war schon auf der Kurhannoverschen Landesaufnahme von 1773 eingezeichnet, zusammen mit dem früheren Nachbarhof der Familie Meineke. Deren Haus, in dem zuletzt Familie Vöge wohnte, verschwand bereits 1979 und schuf Platz für sechs Einfamilienhäuser. Nur der Straßenname (Meinekeweg) erinnert noch an die alte Brinksitzerstelle.

Johann Warneke erster vermerkter Besitzer

Jobst Boyer hat die Bücher im Kirchweyher Kirchenbüro ausgewertet und in mühevoller Arbeit die Bewohner der alten Hof- und Hausstellen aufgelistet. Auch das alte Fachwerkhaus an der Kleinen Heide in Kirchweyhe gehörte dazu. Nach seinen Aufzeichnungen war es eine der früheren Brinksitzerstellen, also Bauernhäuser, die außerhalb des alten Ortskerns entstanden, weil dort keine Plätze mehr frei waren. Die älteste Eintragung in den Kirchenbüchern nennt hier einen Johann Warneke, der 1720 geboren wurde und 1784 starb. Sein 1760 geborener Sohn Harm übernahm 1790 die Stelle, und bei dessen Kindern taucht ein wohl von ihm angenommener Johann Siedenburg auf. Seine Nachkommen gaben dem Haus auch den immer noch gängigen Namen „Siedenburg“.

Fachwerkhaus „Siedenburg“ in Kirchweyhe bald Geschichte

Zwei Generationen später war es der gleichnamige Weichensteller, der das Haus bewohnte und dort 1938 starb.

Die Bewohner wechselten, Helmut (Pico) Bothmer aus Dreye wurde 1937 dort geboren, und nach dem Zweiten Weltkrieg lebte Willi Tritt mit seiner Familie hier. Er ist vielen Älteren dadurch bekannt, dass er bis 1958 mit Pferd und Wagen die Müllabfuhr in Kirchweyhe betrieb. Danach gründete er in dem alten Haus seine Versicherungsagentur, die er später an der Dorfstraße weiterführte. Die letzten Bewohner waren der Schlosser Hermann Kastens und seine Frau Hermine.

Schon 1889 hatte das frühere Fachwerkhaus einen massiven Westgiebel erhalten, schmiedeeiserne Zahlen bezeugen dies auf der Wetterseite. Ein Teil der Diele bestand bis zuletzt aus Lehm, und der alte Brunnen ist auch noch vorhanden. Die Seitenwände des Hauses sind längst massiv, nur der Giebel zur Straßenseite blieb im alten Fachwerk erhalten. Heinz Riepshoff entdeckte dort alte Spuren, die auf einen früheren Vollwalm schließen lassen, bei dem das Dach bis zum Dielentor herunterreichte. Diese Balken und zwei der Dielengebinde aus Eiche sind noch in einem relativ guten Zustand und könnten wieder verbaut werden. Till Maßberg möchte sie beim Abbruch auf jeden Fall sichern.

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