Junge Union will Pilotversuch mit Kippen-Gullys / Ratsherr: Rathausplatz stellenweise furchtbar

Sondermüllproblem Zigarettenstummel

Waren es Zufallstreffer, oder wurden die Kippen fein säuberlich in die Fächer aus Metall hineingelegt? Dieser Rost ist aber kein Zigaretten-Gully.
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Waren es Zufallstreffer, oder wurden die Kippen fein säuberlich in die Fächer aus Metall hineingelegt? Dieser Rost ist aber kein Zigaretten-Gully.

Weyhe – Naturschützer weisen seit Jahren auf ein Sondermüllproblem hin, das auch in Weyhe keine Seltenheit ist: Es geht um Zigarettenkippen, die in der Natur, auf Straßen und an öffentlichen Orten wie auf dem Marktplatz, am Rathaus und auf Parkplätzen zu finden sind.

Laut Naturstiftung WWF Deutschland sind Zigarettenstummel weltweit das häufigste Abfallprodukt und „toxischer Plastikmüll“. In diesen Filter, meistens aus dem Kunststoff Celluloseacetat, gibt es laut WWF rund 7 000 Gifte, unter anderem Arsen, Blei, Chrom, Kupfer, Kadmium, Formaldehyd, Benzol und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Und das Nervengift Nikotin. Aus den Filtern ausgewaschen landet es im Grundwasser, in Seen, in Flüssen und im Meer.

Das ist auch der Jungen Union (JU) bewusst. Obwohl es in Weyhe genügend Aschenbecher gebe und sogar Mülleimer mit Zigarettenaufsätzen nachgerüstet würden, treffen laut deren Vorsitzenden Yasmine Goldschmidt immer noch zu viele Raucher daneben. Neben dem Aspekt der Umweltverschmutzung gibt es noch einen weiteren: Auch Tiere würden gefährdet, da sie die Stummel als Nahrung ansehen könnten, sagt die Vize-Vorsitzende Marisa Wessel.

Die JU greift eine Idee aus Städten im europäischen Ausland auf, wonach Erd-Aschenbecher Raucher animieren sollen, ihre Kippen dorthin zu schnipsen. Derzeit würden solche Erdascher in Oldenburg getestet. Die JU schlägt der Gemeinde vor, solche Zigaretten-Gullys in der Wesergemeinde zu installieren. Wie Yasmine Goldschmidt auf Nachfrage erklärt, sei es einen Versuch wert, Boden-Aschenbecher einem Praxis-Test zu unterziehen. Raucher können ihre Glimmstängel auf einen Gitterrost werfen. Diese fallen dann laut Goldschmidt in einen Auffangbehälter.

Raucher ignorieren Mülleimer

Die Studentin könne es nicht verstehen, dass so viele Raucher in Weyhe die vielen Angebote, Zigarettenreste in Mülleimern zu stecken, ignorierten. Möglicherweise könnten Kippen-Gullys bislang uneinsichtige Raucher motivieren, findet sie. „Da der Boden-Aschenbecher über einen Abfluss verfügt, um Überflutungen durch Regenwasser zu verhindern, muss dieser regelmäßig geleert werden“, ergänzt sie.

„Zigaretten-Gullys können, an der richtigen Stelle platziert, sinnvoll sein“, findet der FDP-Vorsitzende Andreas Hinderks. Er und die FDP-Fraktionsvorsitzende Antje Sengstake glauben, dass sich der Marktplatz eignen würde, einen oder mehrere Spezialauffangbehälter zu installieren. Es müsste ein Ort sein, wo sich viele Raucher aufhalten, so Hinderks.

So einen Ort gebe es, merkt JU-Vorstands- und Ratsmitglied Dennis Kipker an. Der Rathausplatz sei eine stark frequentierte öffentliche Fläche, die viel genutzt werde und stellenweise „furchtbar“ aussehe. Dort wäre ein geeigneter Platz für einen Pilotversuch.

Die FDP bezweifelt aber, dass diese Gullys von Rauchern angenommen werden. „An öffentlichen Stellen sind ja bereits Mülleimer vorhanden, die eine Entsorgung von Zigarettenstummeln ermöglichen.“ Auch am Rathaus gebe es Möglichkeiten, Tabakreste zu entsorgen, und diese würden offensichtlich nicht immer benutzt. Warum also zusätzliche Möglichkeiten schaffen, fragt sich der Liberale Hinderks. „Wer seine Zigarettenstummel bisher wahllos in der Natur entsorgt hat, der wird es auch weiterhin machen.“ Der Liberale schlägt vor, Raucher direkt anzusprechen. Das sei auch am Rathaus möglich.

Hannelore Roitsch-Schröder von den Grünen bezweifelt, dass Zigaretten-Gullys „wirklich Abhilfe“ schaffen. „Ich denke, Zigarettenstummel auf die Erde oder auf das Pflaster zu werfen, ist genau so eine Unsitte, wie den Hundekotbeutel hinter einen Zaun oder ins Gebüsch zu werfen oder die FFP2-Maske auf dem Parkplatz zu hinterlassen, statt den Abfalleimer zu nutzen.“ Es gebe auf öffentlichen Plätzen genug Abfallbehälter. Zusätzliche Entsorgungsmöglichkeiten seien „daher nicht notwendig“.

Die CDU appelliert an die Raucher, dass sie im Freien einen kleinen Aschenbecher bei sich tragen. „Zigaretten-Gullys sind keine Alternative, da sie das Wegwerfen der Kippen legalisieren“, findet der CDU-Fraktionsvorsitzende Dietrich Struthoff.

Rainer Zottmann wolle derzeit lieber abwarten und jetzt nicht „auf das Oldenburger Pferd springen“. Der SPD-Fraktionsvorsitzende kenne den Modellversuch. Die SPD erwarte „gespannt auf belastbare Ergebnisse von dort“. Eine Befürchtung sei, dass „die Oldenburger Stummellöcher schnell zu Sammelstellen für anderen Abfall werden“ und „hässliche Abfallhaufen“ entstehen. „Darüber hinaus halten wir das Oldenburger Modell aus pädagogischen Gründen für falsch. Schon kleinen Kindern sagen wir, sie sollen nichts auf den Boden werfen.“

Schon 2019 Thema

Und die Oldenburger fordern Rauchende auf, ihren Abfall in den Gully zu werfen. Das sei „kontraproduktiv“, so Zottmann. Die Rauchenden müssen dann den richtigen Gully finden und benutzen. „Wir können nicht flächendeckend Gullys austauschen. Im Ergebnis wären vermutlich mehr normale Gullys verdreckt.“ Die Jusos hatten laut Zottmann das Thema bereits 2019 aufgegriffen und über die Gemeinde einen ergebnisoffenen Antrag gestellt, der von allen Fraktionen beschlossen worden sei. Im jüngsten Bauausschuss habe die Gemeinde das Umsetzungsergebnis vorgestellt, was einstimmig begrüßt worden sei.

Wie Steffen Nadrowski, Fachbereichsleiter Gemeindeentwicklung und Umwelt, dazu ausführte, seien im Zuge der Sanierung des Mühlenkamp-Parks neben Sitzbänken vier Abfallbehälter mit Aschenbechern aufgestellt worden. Weitere 17 Ascher werden seit Oktober an Standorten mit hohem Bedarf installiert.

Im Zuge der Prüfung geeigneter Maßnahmen seien auch Zigaretten-Gullys in Betracht gezogen worden. Die Verwaltung hätte der Politik aber im Vergleich zur Mülleimernachrüstung Erdascher nicht empfohlen. Unter anderem seien die Anschaffungs- und Installationskosten nicht geringer, „da tiefbauliche Arbeiten erforderlich wären. Der Aufwand zur Leerung ist wiederum deutlich höher als die Leerung von Abfalleimern mit Aschern.“ Da die Kapazitäten des Bauhof-Personals bei der Abfallentsorgung ihre Grenzen erreicht hätten, so Nadrowski, wäre „ein solches Angebot nur mit einer personellen Aufstockung oder mit der Einführung einer Stadtreinigung und Reinigungsgebühren zu realisieren“.

Von Sigi Schritt

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