Museale Kollektoren sorgten vier Jahrzehnte in Lahauser Haus für Brauchwasser-Wärme

Solarpionier schickt Prototypen in Rente

Haben jährlich laut den Berechnungen von Kurt Reinhard 1000 Liter Öl eingespart: Die Solaranlage auf dem Dach, die Brauchwasser erwärmt.
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Haben jährlich laut den Berechnungen von Kurt Reinhard 1000 Liter Öl eingespart: Die Solaranlage auf dem Dach, die Brauchwasser erwärmt.

Weyhe – Sie war eine der ältesten Solaranlagen Europas und lief in Weyhe bis vor wenigen Tagen technisch einwandfrei: Der Solarpionier Kurt Reinhard aus Lahausen und seine Ehefrau Sigrid schicken die Kollektoren ihrer Brauchwasser-Solaranlage in den Ruhestand. Sie hätten laut Familie Reinhard zwar noch weitere Jahre funktionieren können, aber der Rahmenkitt hätte aufwendig erneuert werden müssen. Und da der Familie eine der ältesten Solarfirmen in Deutschland gehört, hatte es nahe gelegen, das Dach mit nagelneuen Kollektoren auszustatten.

Die ausrangierten Kollektoren seien ein Beweis dafür, dass die in den 70er-Jahren von Sigrid und Kurt Reinhard entwickelte Idee, Wasser eines Wohnhauses mit Sonnenenergie aufzuwärmen, richtig war. Und sie sind mit Sicherheit auch ein Zeugnis dafür, dass man Träume und Ideen, die man hat, verfolgen sollte. Das galt damals ebenso wie heute, auch wenn es Menschen gibt, die skeptisch sind und Bedenken äußern. Dass Familie Reinhard seit Mitte der 1970er-Jahre ihr Badewasser mit Sonnenenergie vom Dach heizt, war damals absolut neu. Es war die Zeit, als das Alter der Volljährigkeit von 21 auf 18 herabgesetzt wurde, und der Bundeskanzler Helmut Schmidt hieß. Die erste Ölkrise 1974 war noch in guter Erinnerung, berichteten die Reinhards.

„1975 habe ich die erste Anlage mit Flachheizkörpern gebaut“, blickt der Weyher zurück. Mit schwarzer Schultafelfarbe habe der Ingenieur die Heizkörper angestrichen und sie in einem Holzrahmen hinter einer isolierten Scheibe befestigt. Und da in dieser Zeit große Boiler nicht zur Verfügung standen, habe Kurt Reinhard einen Tank, wie er heute in zahlreichen Anlagen üblich ist, selbst geschweißt. Als Wärmetauscher nutzte er einen „normalen Heizkörper“. Die Kollektoren, die die Reinhards nun abgebaut haben, waren schon eine Weiterentwicklung in der heimischen Garage. Die seien 1978 aufs Dach gekommen.

Wie Kurt Reinhard damals auf die Idee gekommen ist? Er war bei Erno Raumfahrttechnik, einem Vorläufer von Airbus, als Ingenieur beschäftigt. Er sollte im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland in einer Studie herausfinden, welche Energien in Zukunft genutzt werden könnten. Also nicht nur Öl und Gas, sondern auch Kernenergie, Wind, Wasser, Erdwärme, Gezeiten und Sonnenenergie.

Das Paar hatte schließlich die zündende Idee, die Energie von der Sonne für einen privaten Haushalt nutzbar zu machen. Kurt und Sigrid Reinhard feilten an einem Konzept, eine marktfähige Bauchwasser-Solaranlage für Wohnhäuser zu entwickeln. Daraus wurde eine Geschäftsidee. „Wir haben im Keller mit drei kleinen Kindern eine Firma aufgebaut“, sagt Sigrid Reinhard. Sie hatte ebenfalls wie ihr Mann Ingenieurwissenschaften studiert und war bis zu ihrer Pension am Syker Gymnasium als Oberstufenrätin für Mathe und Chemie beschäftigt. Allerdings hatte sie die Firma Reinhard Solar angemeldet, weil ihr Mann sich noch im Angestelltenverhältnis befand.

Immer wieder hörten die Reinhards Sätze wie: „So ein Quatsch. Das funktioniert nicht“. Viele Handwerker hatten es damals abgelehnt, die neuartigen Weyher Anlagen zu montieren. Gieseke und Bösche sowie Runge aus der Wesergemeinde aber seien die ersten gewesen, die es wagten und ihren Wissensvorsprung ausbauten.

Schnell habe sich die niedersächsische Ingenieursleistung herumgesprochen und es galt, Haus-Anlagen aber auch Mini-Anlagen für den Schul- und Uni-Unterricht zu bauen. Anfragen seien aus Brasilen, Indien, Saudi-Arabien, Jugoslawien, Italien und Irland gekommen. Die Funktionsweise der Weyher Anlage erläuterten die Reinhards 1984 auf einer weltweiten Energiekonferenz in Tripolis, erinnert sich der Ingenieur. Dort traf er auf Wissenschaftler aus Los Angeles und aus der Schweiz. Die Idee, die Sonne für die Wärme des Badewassers anzuzapfen, zog schließlich um den Erdball. Für Sigrid Reinhard müsste jedes Haus eine Solaranlage fürs Brauchwasser haben. „Solch eine Anlage ist effektiver als eine Anlage, die Elektrizität erzeugt“, so Sigrid Reinhard.

Und wer ein Schwimmbad beheizen will, sollte ihrer Meinung nach ebenfalls Kollektoren einbeziehen. Sie habe es damals auch nicht verstanden, weshalb das Weyher Freibad nicht in seinen Anfängen auf diese Technik gesetzt hat.

Von Sigi Schritt

Haben die Kollektoren 1978 auf ihr Dach montiert: Kurt und Sigrid Reinhard.

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