Expertin zum Homeoffice: Arbeiten am Küchentisch geht nicht lange gut

„Sitzen ist das neue Rauchen“

Diana Englisch mit ausgestreckten Beinen auf einem Bürostuhl. Er drückt den Körper nach vorne.
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Diana Englisch mit ausgestreckten Beinen auf einem Bürostuhl. Die Automatik des Stuhls drückt den Körper nach vorne.

Weyhe – Arbeitnehmer sollen nach dem Willen von Bund und Ländern ihren Job verstärkt von zuhause aus erledigen, sofern das möglich ist. Doch wie sieht das Homeoffice aus? Was sollten Arbeitnehmer zu diesem Thema wissen? Diana Englisch vom GG Systemhaus, das in der Bahnhofstraße in Kirchweyhe eine Ausstellungsfläche zu Büroeinrichtungen installiert hat, gibt Tipps.

„Wir reden alle vom Homeoffice-Arbeitsplatz, aber wir und die Arbeitgeber meinen mobiles Arbeiten“, so Diana Englisch. Es gehe bei dieser Begriffstrennung um Haftungsfragen, denn der Angestellte könnte im Rahmen des mobilen Arbeitens seinen Job auf der Parkbank ebenso erledigen wie am Küchen- oder Wohnzimmertisch oder im heimischen Arbeitszimmer. Die Frage, wer für den heimischen Arbeitsplatz verantwortlich sei, könne Englisch nicht eindeutig beantworten. Immer mehr Arbeitnehmer würden die Gestaltung ihres Homeoffice-Arbeitsplatzes selbst in die Hand nehmen. Beim ersten Lockdown im vergangenen Jahr hätte es noch gereicht, ein paar Tage auf einem harten Küchenstuhl zu verbringen. Aber einen Acht-Stunden-Tag dort auszuhalten, das gehe nicht, will man auf Dauer keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Englisch habe seit Herbst registriert, dass sich Privatpersonen vermehrt für Bürostühle interessieren. „Wer einen langlebigen Stuhl wünscht, sollte mit Kosten von mindestens 400 Euro rechnen“, sagt sie. Ein Drehstuhl sollte höhenverstellbar sein, die Beine sollten, wenn man sitzt, einen Winkel zur Sitzfläche von 90 bis 100 Grad haben. Füße auf dem Drehkreuz sei auf Dauer nicht gut. Um die Nackenmuskulatur zu entspannen, sollte ein Stuhl über Armstützen verfügen. Diese Höhe sei für die Tischplatte maßgeblich.

„Je mehr Einstellungsmöglichkeiten ein Stuhl hat, desto besser“, sagt sie. Wer lange Oberschenkel hat, sollte die Sitztiefe regulieren können, optimalerweise sei die Rückenlehne beweglich und lasse sich auch vom Gegendruck einstellen. Stühle, die ein dynamisches Sitzen ermöglichen, etwa weil eine Wackelautomatik oder Luftpolster eingebaut sind, seien geeignet, die Wirbelsäule in Bewegung zu halten.

Wer bereits einen guten Stuhl hat, sollte laut Diana Englisch die Arbeitszeit nicht zu 100 Prozent im Bürostuhl verbringen. „Man sitzt am Frühstücks- und Abendbrottisch, im Auto auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück und am Abend im Sessel. Das Sitzen ist das neue Rauchen“, sagt sie. Deshalb sollte man einen Teil der Arbeiten im Stehen erledigen.

Außerdem sollten noch weitere Faktoren stimmen, die einen heimischen Arbeitsplatz auszeichnen: Der Tisch sollte zu einem Fenster im Winkel von 90 Grad angeordnet sein, und man sollte darauf achten, dass kein Licht blenden kann. Außerdem sollte der heimische Arbeitsplatz leise sein, die Dezibel-Werte sollten zwischen 55 und 70 liegen. Wer Zettel benötigt, braucht Ablagefläche. Ein Schreibtisch mit den Maßen 1,60 Meter Länge und 80 Zentimeter Breite sei völlig in Ordnung.

Zurück zum Stuhl: Sollte ein Stuhl als Chefsessel angepriesen werden, bedeute das nicht, dass das Möbelstück ergonomisch wertvoll sei. Einige Hersteller legen mehr Wert auf die Optik als auf gesundes Sitzen. Wer sich im Homeoffice mit dem Partner oder der Partnerin einen Arbeitsplatz teilt, der sollte sich für Stühle entscheiden, die sich automatisch anpassen lassen und zum Beispiel das Gewicht einer Person erkennen. „Mit etwas Glück gibt der Arbeitgeber einen Zuschuss für einen guten Bürostuhl dazu“, sagt Diana Englisch.

Auch Kay Uplegger, Landesvorsitzender des Verbandes der Familienunternehmer, spricht sich dafür aus, dass Menschen im Homeoffice auf einem vernünftigen Stuhl sitzen. Er plädiert dafür, dass Arbeitgeber bis zu 150 Euro beisteuern sollten. Arbeitgeber, die sich mit dem Thema Homeoffice früh genug beschäftigt hätten, hätten keine Probleme, die Arbeitnehmer nach Hause zu schicken. Uplegger gehe für sein Unternehmen mit gutem Beispiel voran: Von den 50 Angestellten seien 65 Prozent im Homeoffice. Nicht alle seiner Angestellten hätten daheim einen Arbeitsplatz, der an die Qualität des Firmenbüros herankomme. Immerhin 50 Prozent der Mitarbeiter hätten ein Arbeitszimmer zur Verfügung. Ein Recht auf Homeoffice sei Quatsch. Meist lasse sich eine gute freiwillige Regelung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern finden. Uplegger glaubt, dass es nach der Pandemie nie wieder so wird wie davor. Videokonferenzen gehören zum Alltag, auch innerhalb des Büros. „Es wird sich viel ändern, und zwar zum Positiven.“

Wie regelt die Gemeinde Weyhe das Homeoffice? Anfang November sei sie in ein Wechselschicht-Modell übergegangen, bei der 50 Prozent der rund 140 Beschäftigten in der Verwaltung wochenweise im Rathaus arbeiten. Die anderen 50 Prozent arbeiten von zu Hause aus. „Das hat sich in der Praxis auch schon bewährt“, bilanziert Bürgermeister Frank Seidel. Ziel der Regelung ist, Einzelbüro-Belegungen zu realisieren und die Teams in zwei sogenannte Infektionsgemeinschaften zu unterteilen, damit Begegnungen und somit Ansteckungsrisiken untereinander minimiert werden. So soll selbst im Falle eines größeren Ausbruchsgeschehens die Handlungsfähigkeit der Gemeindeverwaltung jederzeit sichergestellt sein.

Die Ausgestaltung der individuellen Homeoffice-Situation sei jedem Mitarbeiter selbst überlassen. Natürlich stelle die Verwaltung aber bei Bedarf die technische Ausstattung und insbesondere die Gemeinde-IT berate bei der Optimierung des heimischen Arbeitsplatzes und helfe bei Problemen mit der Tätigkeit in den eigenen vier Wänden. Bislang scheinen sich die Mitarbeiter relativ gut mit diesen ungewohnten Bedingungen arrangiert zu haben, teilt die Verwaltung mit.

Die Einrichtung der bereits vor der Pandemie geschaffenen, regulären Telearbeitsplätze daheim sei ohnehin eng begleitet worden, so Gemeindesprecher Sebastian Kelm.

Von Sigi Schritt

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