Seit bald 30 Jahren besucht Sigi Schritt als Weihnachtsmann Familien

Mut zu ganz viel Emotion auf Sichthöhe des Kindes

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Sigi Schritt in seiner „Arbeitskleidung“.

Weyhe - Von Philipp Köster. Angefangen hat alles im Winter 1988. „Mein ,Schlitten‘ war kaputt.“ Sigi Schritt, damals ein 20-jähriger Gefreiter der Bundeswehr, hielt Ausschau nach einem Ersatz für seinen grünen Audi 80 LS. Für den erhofften champagnerfarbenen Audi 80 „Sport“ brauchte der Leester Geld. Da stieß er auf eine Anzeige des Arbeitsamts in der Kreiszeitung: Die Behörde suchte und vermittelte für 60 Mark pro Auftritt Weihnachtsmänner, um die Statistik besser aussehen zu lassen. Das war für Sigi Schritt der Beginn einer fast 30 Jahre währenden Karriere. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Jedes Jahr seit 1988 tourt der heute 47-Jährige am Heiligen Abend durch die Gemeinden der Region und besucht die Kinder. Mit weißem Bart und noch in dem ersten Mantel, den er als Arbeitskleidung vom Arbeitsamt bekommen hatte, steht er bei den Familien in der Haustür. Los geht es stets mit dem Gedicht „Von drauß‘ vom Walde komme ich her“. Anschließend fragt er das Kind, ob er eintreten und Geschenke bringen darf. „Ich begebe mich auf Sichthöhe des Kindes.“ Angst hat kein Sprössling vor diesem Weihnachtsmann.

Doch als reiner Geschenkeverteiler sieht Schritt sich nicht. „Ich bin nicht der Coca-Cola-Weihnachtsmann. Mir geht es immer um die Sache, um die Botschaft. Und das Thema ist das Kind in der Krippe.“ Darum lässt er auch in jeder Familie neben „Oh Tannenbaum“ den Klassiker „Oh du fröhliche“ singen – das Lieblingslied des Weihnachtsmanns, wie Schritt über sich sagt. „Welt ging verloren, Christ ward geboren – das ist es.“ Ohne predigen zu wollen, „das kann ich auch gar nicht“, legt der bekennende Christ also großen Wert darauf, dass sein Besuch in den Familien stets einen inhaltlichen Tiefgang hat.

Das passt zu den Schicksalen, mit denen es der Weyher bei seinem Aufenthalt am Weihnachtsbaum oft zu tun hat. „Eine allein erziehende Melchiorshauser Mutter hat sich mal bei mir entschuldigt, dass sie nur ein Geschenk für jedes ihrer drei Kinder hat.“ Das war aber für die Kleinen kein Problem, und er habe die Mama vor ihnen gelobt, dass sie sich viel Mühe bei der Auswahl des jeweiligen Präsents gegeben habe. Ohnehin sei die Liebe der Mutter das größte Geschenk. Diese Botschaft der Elternliebe vermittelt der Kreiszeitungsredakteur seitdem bei jedem seiner in Spitzenzeiten bis zu 20 Aufenthalte pro Heiligabend in den Wohnzimmern der Leute. Ohne Ausnahme: „Ich spüre es, wenn eine Familie auseinanderbricht oder auseinandergebrochen ist, wenn ich es nicht ohnehin schon im Vorfeld erfahren habe.“ Er will dann nicht als Weihnachtsmann künstlich kitten, was nicht mehr zu heilen ist. Doch den Gedanken, dass die Liebe der Eltern zu den Kindern niemals aufhört, auch wenn Vater und Mutter kein Paar mehr sind, den spricht er an und scheut sich auch nicht, diese Botschaft gestisch zu untermauern: Er fordert die Kinder auf, Papa und Mama bei der Hand zu nehmen. „Die müssen dann oft erstmal weinen“, ist sich der Weihnachtsmann der hochemotionalen Wirkung seiner Ansprache bewusst.

Sein Auftritt kommt an. Bei manchen Familien war Schritt schon sieben Mal. „Oder öfter.“ Selbst Kinder, die schon längst nicht mehr an die Existenz des Mannes im roten Mantel glauben, fordern seinen Besuch ein. „Ohne Sigi Schritt als Weihnachtsmann ist es kein Weihnachten“, zitiert er zum Beispiel Winja aus Kirchweyhe.

In seinem „goldenen Buch“, einem alten Kalender von 1988, den der Redakteur mit Goldfolie umschlagen hat, stehen die notwendigen Daten: Name, Adresse, Regieanweisungen, Versteck des Geschenkesacks und – ganz wichtig – Kurzbeschreibungen über die Kinder. Wenn es mal nicht so in der Schule läuft oder es mit dem großen Bruder Zoff gegeben hat – Schritt spricht es an. „Ich stelle die Kinder aber nie bloß.“ Vielmehr will er motivieren, dass die Sprösslinge hoffnungsvoll in die Zukunft sehen.

So hat er auch seine bisher schwierigste Herausforderung gemeistert: den Besuch bei einer Mutter und ihren beiden Mädchen, die der Vater missbraucht hatte. Natürlich war da nicht die Rede von der Liebe des Papas. „Ich habe gesagt, dass Schlimmes geschehen sei, dass es nun aber darum gehe, dass die Kinder mit ihrer Mutter Weihnachten feiern.“

28 Jahre ununterbrochen Weihnachtsmann an Heiligabend für andere – bleibt da nicht das eigene emotionale Bedürfnis nach familiärer Geborgenheit auf der Strecke? „Meine Familie lebt in Süddeutschland, meine Großeltern, die ich lange gepflegt habe, fanden die Auftritte immer gut.“ Auch seine Partnerin unterstützt ihn. „Ich feiere mit so vielen Familien Weihnachten, das ist schon in Ordnung.“ Für Sigi Schritt ist der Höhepunkt des Tages ohnehin ein anderer: nach Feierabend der Spätgottesdienst um 23 Uhr.

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