Gesangslehrerin beobachtet Veränderung

Mehr Gefühle, weniger Perfektionismus: Schräge Töne sind erlaubt

Tatjana Nivilinszky liebt gefühlvolle Musik. - Foto Husmann
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Tatjana Nivilinszky liebt gefühlvolle Musik.

Weyhe - Von Katharina Schmidt. Wenn Tatjana Nivilinszky aus Lahausen singt, vergeht die Zeit für sie wie in Zeitlupe. Sie schaltet den Kopf aus und gibt ihren Gefühlen freien Lauf. Damit ist sie nicht alleine. Die Gesangstrainerin hat beobachtet: Seit ein paar Jahren geht es für immer mehr Sänger nicht mehr nur um den perfekt getroffenen Ton, sondern um die Emotionen, die dahinterstecken.

„Das ist eine Entwicklung, die ich mir schon lange gewünscht habe“, sagt die 47-Jährige. „Ich habe den Perfektionismus nie verstanden.“

Sie unterscheidet unter anderem zwischen Techniksängern und Gefühlssängern. Der Anteil an Gefühlssängern, zu denen sie auch Sarah Connor und Prince zählt, schieße generationsübergreifend in die Höhe. Nivilinszky findet das super: „Wenn das Gefühl stimmt, ist ein schräger Ton erlaubt.“

Der Weyherin gehört die Gesangschule „Stimm-Oase“ in Lahausen. Außerdem nimmt sie unter dem Künstlernamen Aminjana Cortés eigene Alben auf. Die Liebe zu ihrem Job ist ihr anzumerken – dabei hatte sie ursprünglich ganz andere Pläne. „Eigentlich wollte ich Meeresbiologin werden“, erinnert sie sich. „Meine Mutter hat gesagt, dass das okay ist. Aber ich sollte vorher Gesangsunterricht nehmen, weil ich so leise gesprochen habe.“

Die damals 17-Jährige folgte dem Rat ihrer Mutter. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen. Ihre damalige Gesanglehrerin meldete sie irgendwann ungefragt zu einem Vorsingen an der Hochschule für Künste in Bremen an. Nivilinszky überzeugte – obwohl sie bei der Audition noch nicht einmal wusste, dass es um einen Studienplatz geht. Da sie zu dem Zeitpunkt bereits eine Lehre zur Fotografin machte, einigte sie sich mit den Dozenten, Musikkurse am Feierabend zu besuchen.

Singen, um Gefühle auszudrücken

Schon damals sang die gebürtige Bremerin, um ihre Gefühle auszudrücken. Und schon damals bemerkte sie, dass körperliche Blockaden die Stimme beeinträchtigen können. Zum Beispiel beim Lampenfieber. „Bei einem Adrenalinstoß wird die Muskulatur hart. Der Körper kann nicht funktionieren wie sonst“, erklärt sie. Zur Verdeutlichung zeigt sie auf ihren Hals und sagt: „Das sind alles Muskeln und Knorpel.“

Nicht nur einen Zusammenhang zwischen Körper und Stimme hat sie beobachtet – sondern auch einen zwischen Stimme und der Psyche. Singen könne seelische Blockaden lösen, so ihre Erfahrung. Immer mehr Personen würden das zu schätzen wissen. „Ich glaube, dass sich die Menschen verändern“, sagt sie. „Als ob sie plötzlich danach lechzen, ihre Blockaden loszuwerden und feinfühliger werden.“ Womit das zusammenhängt, hofft sie noch herauszufinden. „Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“

Gefühle rauszulassen, Blockaden lösen oder einfach Spaß haben: Tatjana Nivilinszky rät jedem, ohne Scham zu singen. „Jede Stimme, die offen und frei schwingt, ist schön.“

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