Schmiede Bieritz und Schlosserei Wolter sind Zeugen von über einem Jahrhundert Kirchweyher Metallverarbeitung

Größerer Bestand als in Technikmuseen

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Werkstatt und Wohnhaus heute, seit fast 120 Jahren nahezu unverändert. Alte Gerätschaften blieben vor der Werkstatt stehen.

Kirchweyhe - Von Wilfried Meyer. Schon äußerlich besehen hebt sich das alte Rotsteingebäude, auf der westlichen Seite des früheren Bahnüberganges an der Alten Hauptstraße in Kirchweyhe gelegen, ab. Vor dem großen Werkstatttor ruhen alte Gerätschaften wie Zahnräder, Richtbank und Mühlstein, die Ketten gegen Diebstahl sichern.

Jahrelang schon bietet sich dieser unveränderte Anblick. Gleich neben zwei früheren Eisenbahnwohnhäusern scheint hier die Zeit der Bahn-Ära stehen geblieben zu sein. Und richtig: Das Werkstattgebäude entstand hier kurz vor der Jahrhundertwende, als die Eisenbahn seit 1873 den kleinen Ort verändert hatte. Auch Geschäftshäuser, Gaststätten und Wohnungen wurden danach in der Umgebung des Bahnhofes erbaut.

Zwei Brüder, französische Hugenotten, kamen um 1890 nach Kirchweyhe, der Schmied Heinrich und der Schlosser Karl Bieritz. Sie erkannten, dass ihr Handwerk dort gebraucht wurde. In einer Holzbaracke sollen sie anfangs gewohnt haben. Danach erbauten die Brüder das Werkstattgebäude und erst 1896 das Wohnhaus im gleichen Stil, das ebenfalls noch in fast unveränderter Form dort steht. Das Anwesen erhielt die Kirchweyher Hausnummer 179.

Die Brüder und ihre Gesellen arbeiteten hauptsächlich für die Bahn, die ihre Anlagen um die Jahrhundertwende ständig erweiterte. Armaturen in den Wassertürmen, den Drehscheiben und bei den Bahnhäusern trugen ihre Handschrift. Dass original erhaltene Werkzeuge und Anlagenreste das bezeugen können, ist den Nachfolgern des Betriebes zu verdanken.

Heinrich Wolter, dessen gleichnamiger Sohn und Enkel Uwe, haben nahezu alles erhalten und aufbewahrt. Ein Gang durch die früheren Werkstatträume ist eine Zeitreise durch drei Handwerkergenerationen.

Nachdem der Sohn von Heinrich Bieritz im Ersten Weltkrieg gefallen war, gab es keinen Nachfolger. Der Zufall wollte es, dass der aus dem Weserbergland stammende Wandergeselle Heinrich Wolter gerade beim Sudweyher Schlosserbetrieb Warneke, genannt Mechanikus, arbeitete. Er hatte den Mut, bei Bieritz einzusteigen, machte 1936 seine Meisterprüfung, kaufte 1948 den Betrieb und beschäftigte häufig bis zu zehn Gesellen.

Durch den Verkauf von landwirtschaftlichem Gerät, Öfen, Pumpen und Sanitäranlagen erweiterte er sein Geschäft. Ein großes Schaufenster veränderte bald das Wohnhaus. Die Reparatur von Landmaschinen aller Art gehörte zum Alltag, aber für die Bahn arbeitete der Betrieb immer noch.

Heinrich Wolter jun. erlernte ebenfalls das Schlosserhandwerk und musste nach dem Tod seines Vaters 1964 schon früh Verantwortung übernehmen, machte 1966 seine Meisterprüfung und arbeitete weiter für die Eisenbahn. Allerdings war mit dem Ende der Bahn-Ära in Kirchweyhe um 1970 diese Erwerbsquelle vorbei, und Wolter musste den Betrieb um 1980 aufgeben.

Heinrich Wolter arbeitete noch einige Jahre bei Mercedes, 1998 starb er. Das Bestreben, den väterlichen Betrieb in seiner Substanz zu erhalten, hat sich scheinbar auch auf seinen Sohn Uwe übertragen. Der schlug zwar auch den Berufszweig Metallgewerbe ein, doch arbeitete er nicht mehr in der historischen Werkstatt sondern als Berufschullehrer an der Berufsbildenden Schule in Syke.

Im Frühsommer 2013 unternahm Sigrid Reinhard im Rahmen der Weyher Gästeführung zwei Besichtigungen der alten Werkstatt. Überraschend viele Teilnehmer kamen, unter ihnen auch einige frühere Mitarbeiter der Schlosserei, alle waren beeindruckt von den schon musealen Gerätschaften aus über einem Jahrhundert Schmiede- und Schlosserhandwerk.

Beim Betreten der Werkstatt fällt sofort das frühere Firmenlogo auf, die schmiedeeiserne Schrift „Schlosserei H. Wolter“, darunter Handwerkersymbole und ein riesiger Schlüssel, als Meisterstück von Heinrich Wolter hing er bis vor wenigen Jahren noch an der Hauswand. Uwe Wolter: „Als immer wieder Leute kamen und etwas kaufen oder herstellen lassen wollten, weil sie glaubten, der Betrieb existiert noch, habe ich das Symbol abgenommen.“ Jetzt steht es an der Wand neben alten Transmissionen, die verschiedene Maschinen antrieben. Sie stehen alle noch am ursprünglichen Platz, genau wie eine lange Werkbank mit mehreren Schraubstöcken, dazwischen altes Werkzeug an der einen Wand. Gegenüber die große Schmiede-Esse, noch mit Kohleresten, mehreren Ambossen und allen möglichen Zangen und Hammergrößen. Nicht jedes Technikmuseum wird diese Auswahl anbieten können. Der Betrachter hat kaum Beinfreiheit, so voll gestellt ist der Raum. An einem Pfeiler hängen wie vergessen ein alter Hut, eine Trinkflasche und ein Brett mit der Aufschrift „Albert Warnecke. Mechanickus. Sudweyhe 1890“, Erinnerungen an den Wandergesellen Heinrich Wolter.

Auffällig ist auch, dass im Zementboden eigenartig gebogene breite Metallstreifen eingelassen sind. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich als Reste der ersten Drehscheibe des Bahnbetriebswerks. Uwe Wolter hat mal nachgemessen: Es sind Elemente von einer Gesamtlänge von rund 41 Meter zu erkennen. Der Vergleich mit einer alten Karte von 1894 bestätigt, dass die erste Drehscheibe vor einem Längsschuppen für Lokomotiven einen Durchmesser von 12,65 Metern hatte. Die Brüder Bieritz waren wohl am Bau der neuen Drehscheiben in der Zeit ab 1907 beteiligt, entsorgten die alten Drehkränze und bauten sie in ihrer Werkstatt als Richtflächen im Fußboden wieder ein.

Auf dem Dachboden ähnliche Bilder: Alte Transmissionsriemen, der erste Blasebalg aus Leder und unzählige nicht verkaufte landwirtschaftliche Geräte, vom Spaten bis zur Heidplaggenhacke, Ofenringe, Ketten, Schrauben, Zaunelemente. Offensichtlich seit Jahrzehnten nicht bewegt, wurden sie zu Zeugen eines Jahrhunderts Schmiede und Landmaschinenschlosserei der Region.

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