Landwirte demonstrieren weiter, um Handel zum Handeln zu bewegen

Schicht im Schacht

Landwirte kämpfen für ihre Zukunft: In Dreye blockieren sie das Zentrallager von Aldi – und kritisieren ihrer Ansicht nach ruinöse Preise. Landvolk-Vorsitzender Christoph Klomburg fordert „Fair trade“ für seinen Berufsstand.
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Landwirte kämpfen für ihre Zukunft: In Dreye blockieren sie das Zentrallager von Aldi – und kritisieren ihrer Ansicht nach ruinöse Preise. Landvolk-Vorsitzender Christoph Klomburg fordert „Fair trade“ für seinen Berufsstand.

Landkreis Diepholz – Es ist gleichermaßen ein Riesen-Aufgebot der Technik, des tiefen Frustes und der Angst ums Überleben. Grollend rollen Traktor an Traktor und Schlepper an Schlepper dem Ziel entgegen. Ob in Bremen, Cloppenburg, Sulingen oder diesmal in Dreye bei Aldi: Schicht im Schacht – das ist die Botschaft der Landwirte, für die Proteste und Demonstrationen neuerdings zum Alltag gehören. Handelsriesen wollen sie zum Handeln zwingen, weil zwischen den Erzeugerpreisen (22 Euro für ein 25 Kilo schweres Ferkel) und dem Supermarkt-Preis (3,88 Euro für ein Kilo Schweinenacken) gefühlte Welten liegen.

Christoph Klomburg, Vorsitzender des Landvolks Mittelweser, ist diesmal privat dabei – und deshalb mit dem Auto gefahren. Es sind wütende Wahlsprüche, die er von Berufskollegen hört. „Wenn wir Minus machen müssen, dann machen wir so lange, bis die auch rote Zahlen haben“, zitiert er einen von ihnen.

Hilft Blockade? Wollen Landwirte weiterhin öffentlich protestieren? Davon geht Christoph Klomburg aus. Denn Handelsriesen wie Aldi, so argumentiert er, „merken nur was, wenn die Lastwagen nicht mehr rollen können“. Mit seinem Schlepper hat er schon dreimal an einer solchen Demo teilgenommen, antwortet er auf Nachfrage.

Mittlerweile sehen Verbraucher die rollende Agrarmacht jedoch mit gemischten Gefühlen. Und wollen es nicht mehr hinnehmen, wenn dadurch Verkehrsprobleme entstehen. „Wir halten uns streng an die Anweisungen der Polizei“, betont Klomburg. Die Verbraucher zu verärgern, sei absolut nicht das Ziel. Im Gegenteil. „Wir verstehen es ja, wenn sie beim Einkaufen ihre Kosten senken wollen – genau wie wir unsere Kosten im Betrieb senken müssen.“

Aber gegen ruinöse Preise, von denen die Erzeuger nicht leben können, müsse endlich etwas unternommen werden. Klomburg erklärt, warum ein Jahresgewinn in der Größenordnung von 60 000 Euro für Schweinehalter eben kein Gewinn ist: „Davon muss die ganze Familie ein Jahr lang leben.“ Dafür würden in der Regel auch Ehefrau, Oma und Opa auf dem Hof arbeiten.

Trotzdem: Wenn Landwirte so große Schlepper fahren, kann es ihnen doch so schlecht nicht gehen? „Meiner ist 17 Jahre alt, hat 170 PS und damals 100 000 Euro gekostet“, antwortet Klomburg. Grundsätzlich könne man von 1000 Euro pro PS ausgehen. Bei einem Schlepper mit 200 PS sei das also fast ein Einfamilienhaus. „Aber wir brauchen das, um arbeiten zu können“, betont der junge Landwirt. Lange nicht alle Schlepper gehören ihren Besitzern: „Viele nutzen Leasing, Mietkauf oder ähnliche Möglichkeiten.“

Dass Lidl den Landwirten jetzt 50 Millionen Euro anbietet, quittiert Christoph Klomburg mit einem müden Lächeln: „Davon kann ein Landwirt ja noch nicht mal seinen Handy-Vertrag bezahlen.“ Denn die Summe müsse man auf alle seine Berufskollegen in Deutschland umrechnen. Eine Viertelmillion Landwirte gebe es gerade noch. Nicht unbedingt ein großes Wählerpotenzial, und genau das ist unzufrieden mit den Entscheidungsträgern: „Die Landwirtschaftspolitik ist seit Ewigkeiten eine Baustelle!“

Den Bauern würden immer mehr Handschellen angelegt: „Das eine soll er, das andere darf er nicht“, kritisiert Klomburg – ohne die hohen Standards in der Landwirtschaft in Zweifel zu ziehen.

Aber von diesen Standards würden die Verbraucher nicht mehr profitieren, wenn sich der Handel „ungeniert im Ausland bedient“. Will heißen: Wenn er Waren aus anderen Ländern mit deutlich niedrigeren Standards wählt – darin möglicherweise Stoffe, die in Deutschland längst verboten seien. Deshalb fordert der Landvolk-Vorsitzende ein neues Supermarkt-Label: „100 Prozent aus Deutschland.“ Was er seit Jahren vermisst: „Die Unterstützung von Naturschutz- und Umweltorganisationen für unsere Landwirtschaft.“ Auch sie sollten für Produkte aus Deutschland und den hohen Standard werben.

Genau die sollen für gerechte Preise produziert und verkauft werden. „Fair trade für Landwirte“, sagt Christoph Klomburg, „warum gibt es das eigentlich noch nicht?!“

Von Anke Seidel

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