INTERVIEW Ulrike Buck kritisiert Erweiterungspläne zum Gewerbegebiet Dreye-West III

Rohrweihe: Nabu will Ochtum-Oase erhalten

Ulrike Buck sitzt für den Nabu im Bauausschuss.

Weyhe - Von Sigi Schritt. Die Gemeinde Weyhe verfügt kaum noch über Gewerbeflächen. Für bestehende Betriebe am großen Gewerbestandort in Dreye-West III sieht das Planungsbüro P3 zunehmend Erweiterungsengpässe. Die Gemeinde beabsichtigt, ihre Bauflächen an jenem Gewerbestandort soweit als möglich zusammenzufassen, um zumindest für bereits ansässige Betriebe weitere Entwicklungsspielräume zu sichern. Die Erweiterung wird laut Planungsbüro möglich, da die erforderliche Größe und Lage des Überschwemmungsbereichs der Ochtum neu gefasst wird. In ihrer Abwägung geht die Gemeinde davon aus, dass die gewerblichen Belange höher zu werten sind als die Schaffung von Kompensationsarealen im unmittelbaren Umfeld von Dreye-West III. Die überplanten Kompensationsflächen werden deshalb in Verbindung mit dem neu entstehenden Ersatzbedarf an anderer Stelle des Gemeindegebietes kompensiert, erklärt das Büro P3 zum Ziel der Planungen. Die promovierte Biologin Ulrike Buck sitzt für den Nabu im Ausschuss für Bau, Planung und Umwelt, der heute Abend ab 18.30 Uhr in der KGS Kirchweyhe tagt. Sie kritisiert das Vorhaben. Buck hat zehn Jahre lang in der Gewässerökologie gearbeitet. Die Kreiszeitung sprach mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin eines Lebensmittel- und Futtermittelunternehmens.

Sie sitzen für den Naturschutzbund im Ausschuss Bau, Planung und Umwelt. Macht Ihnen der ehrenamtliche Job gerade Spaß?

Die zahlreichen Gespräche mit Bürgern zu Dreye-West III bereiten mir Freude. Dabei merke ich, wie interessiert unsere Mitmenschen an Umweltthemen sind und wie wichtig ist, die wenigen, verbliebenen Lebensräumen für Tiere und Pflanzen zu erhalten und dafür einzutreten. Freude bereitet mir, zu erleben, wie gut wir in unserer Nabu-Gruppe zusammenarbeiten.

Sie äußern aber Sorgen.

Sorgen bereitet mir das mangelnde Bewusstsein einiger politischer Vertreter für Umweltbelange – trotz vieler „blumigen“ Worte und trotz der Ausrufung des Klimanotstandes. Die Ausrichtung auf Wohnen, Bildung, Verkehr und Arbeit und das Ignorieren von wichtigen Umweltthemen erlebe ich seit zwei Jahren im Ausschuss für Bau, Planung und Umwelt. Das ist ernüchternd und macht keine Freude.

Sie haben eine Online-Petition auf den Weg gebracht. Was wollen Sie damit erreichen?

Mit der Unterschriftenaktion, die die Online-Petition einschließt, wollen wir unsere Mitmenschen auf die Zerstörung von dem wichtigen Lebensraum an der Ochtum nahe des Gewerbegebietes Dreye-West III aufmerksam machen und mit ihnen zusammen für den Erhalt der Ausgleichsflächen kämpfen.

Wieviele Unterschriften haben Sie gesammelt?

Bisher haben 845 Bürger unterschrieben. Ich möchte gemeinsam mit allen Mitstreitern darauf aufmerksam machen, wie wichtig diese wenigen Oasen für unsere Gemeinde sind und dass wir alle für deren Schutz verantwortlich sind.

Was ist Ihr Wunsch?

Wir wollen Politik und Verwaltung ermutigen, im Sinne von Artenvielfalt, Erhalt von Lebensräumen und dem Klimaschutz zu agieren. Naturschutz muss verlässlich sein, nur so kann sich Natur entwickeln.

Was bedeutet das für Dreye?

Die Erweiterung des Gewerbegebietes Dreye-West III bis auf 50 Meter an die Ochtum ist aus Naturschutzsicht nicht akzeptabel. Schon 1991 wurde im Planungsausschuss festgestellt: „Sehr hoch und hoch schutzwürdige Biotope umgeben den Untersuchungsraum im Süden und Westen (Ochtum und Krautochtum). Hoch schutzwürdige Biotope finden sich konzentriert im gesamten südlichen Teil.“ Seitdem sind 27 Jahre vergangen. Es ist noch immer ein hoch schutzwürdiges Biotop.

Was finden Vogelkundler vor?

In dem Gebiet wurden in den vergangenen zwei Jahren 45 Rote-Liste-Vogelarten dokumentiert. Die streng geschützte Rohrweihe jagt und brütet hier. Der Landschaftsplan bewertet das Gebiet an der Ochtum als ein Biotop von sehr hoher Bedeutung, es ist als Landschaftsschutzgebiet vorgesehen. Ein Abstand von 200 Metern um Brutvogelvorkommen ist geboten. Rohrweihen brüten in diesem Gebiet.

Gibt es Vorgaben?

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) gibt Vorgaben in der Niedersächsischen Strategie zum Arten- und Biotopschutz der Rohrweihe: Freihaltung offener Kulturlandschaften (in Brut- und Jagdgebieten der Rohrweihe) von zu starker Gehölzentwicklung und baulichen Anlagen; Sicherung und Entwicklung der bestehenden Vorkommen insbesondere in den naturnahen Brutgebieten; Fortführung der bisherigen Schutzbemühungen für die Rohrweihe aufgrund ihrer Lebensraumansprüche und ihrer Verbreitungssituation in Niedersachsen; Erhalt und Entwicklung von störungsfreien Brutplätzen; Erhalt und Entwicklung einer vielfältigen und ausreichenden Nahrungsgrundlage (Nager, Wasser- und Wiesenvögel, Amphibien).

Was sagt das regionale Raumordnungsprogramm (ROP) dazu?

Es besagt für diese Fläche: „Vorbehaltsgebiet für Natur und Landschaft“. Landschaftsplan, NLWKN, ROP werden ignoriert und abgewogen – das ist unhaltbar.

Was kritisieren Sie?

Ich kritisiere, dass die Sanierung von Gebäuden, der Bau neuer Kindergärten und der Neubau der Bibliothek auf Kosten der Natur gehen. Die Finanzierung dieser Großprojekte muss geklärt werden, bevor sie beschlossen werden. Ich kritisiere, dass Vorgaben ignoriert werden und wirtschaftliche Interessen über die der Natur gestellt werden sollen.

Aber die Gewerbeflächen der Gemeinde sind nun mal knapp!

Die Argumentation für die Vernichtung der Ausgleichsflächen bezieht sich auf mehr Steuereinnahmen und Arbeitsplätze. Diese wirken hier kaum, wenn es um die Neuansiedlung von nur zwei bis drei Betrieben geht. Auf Gemeindegebiet gibt es rund 3 000 Gewerbeanmeldungen und rund 6 700 Arbeitsplätze.

Was macht den Lebensraum Ochtum für den Nabu so wertvoll?

Die Ochtum ist gemäß der Wasserrahmenrichtlinie ein geschütztes Gebiet (Flora-Fauna Habitat-Gebiet, Natura-2000-Gebiet, Landschaftsschutzgebiet). Sie ist eine grüne Lebensader und vernetzt viele Lebensräume miteinander. Am und im Fluss leben zahlreiche Vögel, wie die Rohrweihe, Insekten, Kriechtiere und Säugetiere, die dringend auf diese Lebensräume angewiesen sind. Die Rohrweihe brütet nur in unserer Gemeinde nur noch dort. Man stelle sich vor, dass ihr Jagdgebiet und Brutrevier in Zukunft mit 14 Meter hohen Hallen bis 50 Meter an den Schilfröhricht bebaut werden soll. Ihre Fluchtdistanz liegt zwischen 100 und 300 Metern.

Wie lange dauert es, bis eine Ausgleichsfläche für die Natur wertvoll ist?

Es dauert rund 20 Jahre, bis sich eine neue Ausgleichsmaßnahme entsprechend den planerischen Vorgaben entwickelt hat. Die bisherigen Maßnahmen waren „für die Katz“.

Was würde passieren, wenn sich das Gewerbegebiet Richtung Ochtum ausweiten würde? Es gibt doch noch viel Platz auf der anderen Uferseite...

Es ist davon auszugehen, dass viele Vögel verschwinden. Die Rohrweihen werden höchstwahrscheinlich ihre Brutplätze aufgeben, das Wild wird ausbleiben und die Ochtum als Lebensader wird auf Dauer stark beeinträchtigt. Die Tiere und Pflanzen haben das Nachsehen. Die jetzige Ausgleichsfläche und das erweiterte Gewerbegebiet sollen wieder ausgeglichen werden (der Ausgleich des Ausgleichs). Dafür sollen zwei Ackerflächen flussaufwärts als neue Ausgleichsflächen entstehen. Es dauert aber viele Jahre, bis sich dieses Gebiet als Lebensraum eignet.

Heute Abend wird im Bauausschuss die Erweiterung diskutiert. Welches Ergebnis wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass unsere politischen Vertreter umdenken und genug Rückgrat besitzen, um ihre Fehlbewertungen und Fehlentscheidungen hinsichtlich der Erweiterung von Dreye-West III rückgängig zu machen. Die Ausgleichsflächen müssen bleiben. Die Erweiterung des Gewerbegebietes muss gestoppt werden. Die Finanzierung der Großprojekte muss über andere Einnahmen als den Verkauf von Ausgleichsflächen erfolgen.

Ist das realistisch?

Es wäre möglich!

Es gibt den Beschluss eines Klimanotstands für Weyhe. Müsste der beim Thema Dreye-West III hinsichtlich des Artenschutzes anwendbar sein?

Der müsste aus meiner Sicht angewendet werden.

Wer soll für die Rohrweihe und Co. demonstrieren?

Wenn zu einer Demonstration aufgerufen wird, sind alle Weyher Bürger aufgerufen. Unsere Unterschriftensammlung sollte Demonstration genug sein!

Sie fragen sich in der Online-Petition, ob Ausgleichsflächen sicher sind. Was befürchten Sie?

Ich befürchte, dass so weitergemacht wird. Im Gewerbegebiet „Im Bruch“ wurde auch schon Naturschutzflächen dem Gewerbe geopfert. Es wird viel davon geredet, wie wichtig die Natur für uns ist. Es wird damit geworben, dass man sich für die Belange von Tieren und Pflanzen einsetzen will. Wo sind die Taten, wo ist die Umsetzung? Ein Mühlenkamp-Park (Leeste, Anm. d. Red.) ist für die Bürger wichtig, ökologisch gesehen aber nicht vergleichbar mit Lebensräumen und den seltenen Arten an der Ochtum.

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