Von Rettern im Stich gelassen

Akute Luftnot bei Weyherin: Rettungswagen fährt weg – Notdienst will nicht kommen

Weyhe - Von Katharina Schmidt. Es ist eine beängstigende Vorstellung: Man bekommt kaum Luft, doch niemand kann oder will helfen. Gerda Herrmann aus Weyhe hat genau das am 24. November, einem Freitagabend, bei sich im Wohnzimmer erlebt. Sie litt plötzlich unter akuter Luftnot. Ihr Mann Jürgen Herrmann rief Hilfe – doch niemand fühlt sich für die Probleme seiner Frau zuständig.

Zunächst hatte der 77-Jährige die 112 gewählt. Der Rettungswagen kam. „Nachdem die Dame und der Herr mich angehört und meine Frau nur angeschaut hatten, erklärten sie mir, das wäre kein Akutfall für den Rettungswagen, sondern ein Fall für den ärztlichen Notdienst“, berichtet Jürgen Herrmann. „Ich rief 116117 und hatte gleich einen Arzt am Hörer. Nachdem ich den Fall geschildert hatte, erklärte er mir einige Male, er würde nicht kommen, er sei nicht ausgerüstet und hätte auch keinen Sauerstoff an Bord.“

Schließlich habe der Arzt ihm gesagt, er solle sich entweder einen Rettungswagen bestellen oder seine Frau selbst ins Krankenhaus fahren. „Dass ich ihm gesagt hatte, der Rettungswagen sei dagewesen und hätte mir gesagt, das wäre ein Fall für den ärztlichen Notdienst, hat ihn überhaupt nicht interessiert“. Letztlich fuhr Jürgen Herrmann seine Frau selbst in ein Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte ihm zufolge eine hochgradige Lungenentzündung fest.

„Es tut sich nichts. Nur Hinhaltetaktik“

Der Fall wirft für Hermann Fragen auf. Wie kann der Arzt des ärztlichen Bereitschaftsdienstes am Telefon eine Diagnose stellen? Wie kann er sagen, dass er einfach nicht kommt? Widerspricht das nicht dem ärztlichem Eid? Antworten hat er bis heute nicht bekommen. Dabei hat er genau diese Fragen schon kurz nach dem Vorfall im November der Kassenärztlichen Vereinigung, die für den ärztlichen Notdienst zuständig ist, erst telefonisch und kurz darauf schriftlich gestellt – verbunden mit der Aufforderung, den Fall aufzuklären.

Was seitdem passiert ist, fasst er wie folgt zusammen: „Es tut sich nichts. Nur Hinhaltetaktik.“ Zunächst hat er von der Kassenärztlichen Vereinigung ein Schreiben bekommen, dass der Fall bearbeitet werde. Dann kam die Info, dass die Bearbeitung eingestellt werde, weil er angeblich Strafanzeige gestellt haben soll. Kurz darauf eine Entschuldigung, dass die Kassenärztliche Vereinigung bezüglich der Anzeige falsch informiert worden sei und nun weiter an der Sache arbeite.

„Ich will da niemanden anklagen“, stellt er klar. Er wolle einfach nur Antworten. „In den Seniorenkursen erzählen sie uns, was wir im Notfall machen sollen“, sagt er. „Das ist blanker Hohn, wenn es nachher nicht klappt.“

Auch an den Rettungsdienst hat sich Hermann nach dem Fall gewandt. Die hätten sich sofort entschuldigt und gesagt, dass sie zumindest Körpertemperatur und Blutdruck hätten messen müssen. „Wenn ich eine solche Entschuldigung höre, nehme ich sie auch an“, sagt er. Ähnliche schnelle und ehrliche Kommunikation wünscht sich der Weyher auch von der Kassenärztlichen Vereinigung.

„Abstimmung nicht ausreichend“

Klaus Speckmann, Leiter des Rettungswesens beim Landkreis, bestätigt auf Anfrage, dass der Rettungsdienst die sogenannten Vitalparameter normalerweise bei jedem Einsatz kontrollieren sollte. Solche Verfahren seien standardisiert. Zum konkreten Fall Herrmann schweigt er aus datenschutzrechtlichen Gründen.

Die Kassenärztliche Vereinigung berichtet auf Anfrage, dass es sich bei Symptomen wie akuter Luftnot um eine schwere Notfallsituation handele. Insofern sei der Verweis des diensthabenden Arztes im Bereitschaftsdienst am besagten 24. November an den Rettungsdienst ihrer Auffassung nach nicht zu beanstanden. Sie verweist darauf, dass es bei der Anforderung eines Hausbesuchs zu längeren Wartezeiten kommen könne. Es handele sich bei den Ärzten im Bereitschaftsdienst in der Regel nicht um ausgebildete Notärzte mit einer entsprechenden Zusatzqualifikation.

Unter welchen Umständen ein Arzt einen Besuch verweigern kann und inwiefern Diagnosen am Telefon möglich sind, dazu schreiben sie auch in ihrer Antwort auf unsere Anfrage nichts. Darin heißt es abschließend: „Vorkommnisse wie die von Herrn Herrmann geschilderte Situation stellen Einzelfälle da, die sicherlich auch auf eine nicht ausreichende Abstimmung zwischen dem Rettungsdienst und dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst zurückzuführen ist. Wir bedauern, dass es hier zu den aufgetretenen Schwierigkeiten gekommen ist. Die Kassenärztliche Vereinigung und der Rettungsdienst des Landkreises Diepholz werden zukünftig noch enger zusammen arbeiten, um die Notfallversorgung für alle besser zu steuern.“

Rubriklistenbild: © dpa

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