Lockdown hält an

Weyher Reisebüros im Kampf ums Corona-Überleben: „Uns gibt es noch“

Reisebüros kämpfen weiter um das Überleben in der Coronakrise. Unternehmerinnen aus Weyhe geben Einblicke, wie es um ihre Büros steht und wie es weiter geht.

Weyhe – „Rund 80 Prozent der Reisebüros in Deutschland werden die Corona-Krise nicht überstehen, wenn die Bundesregierung nicht hilft“, hat Rita Schmittat vom Tui-Reisecenter in Kirchweyhe vor einem Dreivierteljahr gesagt. Neun Monate später kommt Schmittat zu einem anderen Ergebnis: „Ich muss die Aussage aus dem vergangenen Jahr revidieren. Große Büros halten sich wacker. Sie geben jedoch einzelne Filialen auf.“ Sie macht anderen Unternehmern Mut: „Wenn man solide gewirtschaftet hat, kann man die Krise überstehen.“

GemeindeWeyhe
Bevölkerung30.316
Fläche60,25 km²
BürgermeisterFrank Seidel

Die Verbände der Reisebranche hätten für die Büros gekämpft, so Schmittat. Die staatlichen Hilfen seien okay gewesen. Zudem hätten auch die Weyher Unternehmerin Rita Schmittat sowie Anke und Tanja Gerlach vom gleichnamigen Reisebüro (Bahnhofstraße) Lobbyarbeit betrieben: Sie luden den Bundestagsabgeordneten Axel Knoerig (CDU) zu einem Gespräch ein. „Er hat viel Hintergrundwissen bekommen, das er ins Wirtschaftsministerium mitnehmen konnte“, so Schmittat.

Bei aller Freude über Finanzspritzen der öffentlichen Hand gehöre zur Wahrheit laut Rita Schmittat aber auch, dass kein Monat vergeht, ohne dass sie privates Geld in das Geschäft reinschießen müsse. Und es sei noch nicht bekannt, wie viel Überbrückungsgeld es für den Zeitraum vom Jahresbeginn an bis Juni gibt. Fakt ist, dass ihr Büro seit Mitte Dezember geschlossen ist. Die Weyherin glaubt, dass ihre Kundschaft bis Ende Februar, vielleicht sogar bis Anfang März das Geschäft nicht betreten kann. „Der Lockdown ist im Januar noch nicht beendet“, sagt sie. Allerdings sei sie per E-Mail und per Telefon erreichbar.

Eine Folge der Corona-Pandemie: Die Büroräume des Leester Unternehmens Reisekontor sind ausgeräumt. Allerdings gibt es die Firma noch, nur völlig anders als gewohnt: Mitinhaberin Peggy Koppisch kümmert sich weiter um die Urlaubswünsche ihrer Kunden. Sie macht dies vom heimischen Schreibtisch aus.

Weyher Reisebüro: Buchungsanfragen steigen wieder an

„Seit das Wort Impfstoff in den Medien nur erwähnt wurde, laufen die Buchungsanfragen wieder an“, so Schmittat. „Die Reisewilligen stehen in den Startlöchern.“ Allerdings werde es noch lange dauern, bis das Büro zum normalen Betrieb übergehen könne. Entlassen habe Rita Schmittat niemanden. Ihre Mitarbeiterinnen befänden sich in Kurzarbeit. Man wechsele sich ab, wer im Geschäft am Markt Präsenz zeigt.

Auch Anke Gerlach zählt mit ihrem Unternehmen zu jenen Reisebüros, die sich halten. Neben dem Hauptgeschäft an der Bahnhofstraße hatte sie jedoch über viele Jahre eine Filiale in Leeste betrieben. Nur die gibt es nicht mehr. In den ehemaligen Räumen an der Hauptstraße ist ein Friseur-Geschäft eingezogen.

Das Reisebüro an der Hauptstraße gibt es nicht mehr: Wo jetzt ein Friseur eingezogen ist, war über viele Jahre eine Filiale des Kirchweyher Reisebüros Gerlach.

„Rita Schmittat hat Recht. Hätten wir die Überbrückungshilfe nicht bekommen, hätten wir dichtmachen müssen“, blickt Anke Gerlach zurück. Das zweite Finanzpaket der Regierung habe sie im Dezember beantragt. Das Geld sei noch nicht auf ihr Konto überwiesen. Das Verfahren beschreibt sie als „sehr bürokratisch“, räumt aber auch ein, dass Unternehmen sich bei den Milliardenhilfen vom Bund auch nicht ohne Weiteres bedienen sollten.

Einnahmen in 2020 „gleich null gewesen“

Gerlach hofft auf ein besseres Jahr. „Die Menschen sind ausgehungert nach Urlaub.“ Reisewillige wollen sich mit Reisen beschäftigen, sie müssten eine Perspektive bekommen, so Gerlach. 2020 seien die Einnahmen „gleich null gewesen“. Nur wenn Reisen tatsächlich angetreten werden, würden Reiseveranstalter Umsatzprovision an die Büros zahlen. Besonders bitter sei es, wenn einige Veranstalter Provisionen vorab auszahlen und die Büros diese Zahlungen rückabwickeln müssten.

Dass die Unternehmerin ihre Leester Filiale geschlossen hat, sei ein richtiger Schritt gewesen. Es spare Kosten. Eine Mitarbeiterin, die dort Reisen angeboten habe, habe zwischenzeitlich das Unternehmen freiwillig gewechselt. Eine andere arbeite jetzt abwechselnd im Kirchweyher Hauptgeschäft oder im Homeoffice. Gerlach hat acht Angestellte – derzeit falle nur Arbeit für drei an. Die Zukunftsperspektive? Anke Gerlach hofft, dass sie ihr Unternehmen, das seit 36 Jahren besteht, an die nächste Generation weitergeben kann. Möglicherweise verkleinere sich die Firma. Das würden die nächsten Monate zeigen.

Die vielen Stammkunden würden der Unternehmerin, aber auch ihrem Team, viel Mut zusprechen. Sie schätzen die persönliche Betreuung, erklärt Gerlach. Bei im Internet gebuchten Reisen würde man oftmals keinen persönlichen Ansprechpartner haben – wenn auf der Reise Probleme auftreten. „Die Kunden mögen das sehr persönliche Verhältnis und auch den Umstand, dass wir nach der Reise anrufen und uns erkundigen, wie es wirklich war.“

Reisekontor Leeste: Verkleinert für das Überleben

Von einem ähnlichen Zuspruch ihrer Kunden berichtet auch Peggy Koppisch vom Unternehmen Reisekontor in Leeste. Sie sei momentan die einzige Ansprechpartnerin für die Kunden. „Wir mussten uns verkleinern, um zu überleben“, sagt sie. Peggy Koppisch und Mitinhaberin Michaela Kraatz hatten im vergangenen Jahr entschieden, ihr Ladengeschäft an der Leester Straße aufzugeben. „Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen“, erklärt Koppisch. Das Büro ist ausgeräumt. Die Zettel an der Scheibe haben eine eindeutige Botschaft: „Uns gibt es noch.“ Doch es galt im Unternehmen wie privat den Rotstift anzusetzen. Die Kosten seien deshalb aus dem Ruder gelaufen, weil Einnahmen fehlten.

Wer in der Krise nicht handelt, verliert, sagt sie. Deshalb habe sie den Rotstift angesetzt, um von den hohen Kosten wie Miete, Strom und Heizung herunterzukommen. Auch privat habe sie den Rotstift angesetzt und sich eine kleinere Wohnung gesucht und sich dort ein kleines Büro eingerichtet. Wichtig seien eine schnelle Internet-Verbindung, ein Telefon und ein Laptop. Mehr benötige sie nicht, um weiterzumachen. Das Expertenwissen sei nicht verloren. Ihre Stammkunden könnten nach wie vor bei ihr Reisen buchen. Wenn es irgendwann möglich ist, könnte Koppisch die Pläne zu mehrtägigen Auslandsreisen im Rahmen eines Hausbesuchs oder in einem Café oder Restaurant vorstellen.

Verkauft DB-Fahrkarten wie am Automaten: Heiko Blank (Bild) im Reise-Center im Bahnhof Kirchweyhe. Deshalb darf das Büro öffnen.

Es gibt nur ein einziges Reisebüro in Weyhe, das trotz des Lockdowns geöffnet hat. Es ist das Unternehmen Reise-Center Kirchweyhe im Bahnhofsgebäude. Regionalleiter Heiko Blank begründet dies damit, dass er und seinen Mitarbeiter Fahrkarten der Deutschen Bahn verkaufen. So richtig zufrieden mit der Sonderstellung sei er aber nicht. „Schließe ich morgens auf, mache ich schon Verlust.“ Er verkaufe die gleichen Fahrkarten der Deutschen Bahn (DB), die es im Automaten gibt. „Der Unterschied ist, dass wir einen gewissen Prozentsatz an Provision von der DB bekommen.“

Am vergangenen Samstag habe er für ein Ticket gerade mal fünf Euro Provision bekommen. Wer sich für eine Reise interessiere, der müsse sich im Lockdown mit einer Beratung am Telefon oder per E-Mail zufriedengeben. Allerdings nutzten Blank und sein Team die Zeit, um Gruppenreisen zu organisieren. „Wir haben Verträge mit Ketten wie dem Hardrock-Hotel abgeschlossen und bieten als Veranstalter eigene Gruppenreisen zum Beispiel ins südliche Afrika im November und 2022 eine längere Reise nach Südamerika an.

„Einige Weyher wollen einer Corona-Ansteckung entgehen und informieren sich über mehrwöchige Schiffsreisen“, sagt Heiko Blank. Der Zugang an Bord eines Kreuzfahrtschiffs sei für die Crew und für Passagiere gleichermaßen nur möglich, wenn ein Corona-Test negativ ausfällt. Wer also an Bord will, müsse sich zwingend vor dem Trip einem sogenannten PCR-Test unterziehen.

Rubriklistenbild: © Sigi Schritt

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