Heino Wiese aus Weyhe

Putins Mann in Niedersachsen: „In Russland laufen die Uhren anders“

Gut vernetzt: Heino Wiese (links). Auf diesem Bild steht er neben Gerhard Schröder.
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Gut vernetzt: Heino Wiese (links). Auf diesem Bild steht er neben Gerhard Schröder.

Weyhe/Berlin – Er ist Putins Mann in Niedersachsen: Seit fünf Jahren ist der in Weyhe aufgewachsene Heino Wiese russischer Konsul. Über seine Arbeit spricht er am Donnerstagabend im Livestream der Kirchengemeinde Leeste. Vorab stellte er sich den Fragen von Sigi Schritt.

Wie sind Sie 2016 Konsul geworden?

Ich war zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre im Vorstand des Deutsch-Russischen Forums und Delegierter des Petersburger Dialogs. Der Generalkonsul der Russischen Föderation Iwan Khotulew hat mich 2015 auf Vorschlag des niedersächsischen Bauunternehmers Günter Papenburg angesprochen. Danach hat es noch ein Jahr gedauert, bis das russische und deutsche Außenministerium, die Niedersächsische Staatskanzlei, die IHK und das Landeskriminalamt ihre Zustimmung erteilt hatten.

Wie sieht Ihre konsularische Tätigkeit aus?

Ich habe keine hoheitlichen Aufgaben (Pässe, Visa, Rentenbescheinigungen usw.). Das wird von dem hauptamtlichen Generalkonsul in Hamburg erledigt. Ich vertrete russische Interessen in Niedersachsen. Das findet in Diskussionen und Debatten statt, zu denen ich eingeladen werde. Ich versuche, die Interessenvertretungen von Russen und Russlanddeutschen in Niedersachsen zu bündeln und biete dazu Veranstaltungen an. Wir unterstützen Reisen von Jugendgruppen und Wirtschaftsdelegationen, die aus Russland kommen oder nach Russland reisen. Ich unterstütze kommunale Partnerschaften und versuche, Bürgermeister aus Niedersachsen zu überzeugen, neue Partnerschaften mit russischen Kommunen einzugehen.

Wie hat sich die Arbeit als Konsul durch Corona verändert?

Sehr. Ich bin seit Februar nicht mehr in Russland gewesen. Sonst bin ich einmal im Monat in Moskau oder St. Petersburg. Es gibt fast keine Delegationen, keine Messen und auch keine Veranstaltungen. Die Kontakte finden über Telefonate und Videokonferenzen statt.

Wie oft haben Sie in Ihrer Zeit als Konsul Wladimir Putin getroffen?

Ich bin ihm in meiner Zeit als Bundestagsabgeordneter und nun als Konsul insgesamt achtmal persönlich begegnet. Allerdings ist es nur ein Mal zu einem persönlichen Gespräch gekommen.

Und wie ist er?

Ich schätze ihn sehr, er ist ein nüchterner und stets sehr gut informierter, sachlicher Gesprächspartner. Er kann sehr gut zuhören und geht auch auf die Argumente der Gesprächspartner ein. Er ist mir gegenüber sehr freundlich gewesen, aber er wirkt dennoch ein wenig kühl.

Jahrhundertelang war die Beziehung zwischen Deutschland und Russland sehr eng. Was ist davon übrig geblieben?

Es gibt nach wie vor sehr gute Beziehungen auf den verschiedensten Feldern. Auch wenn es Spannungen auf der obersten politischen Ebene gibt, gibt es die sehr guten Kontakte der Ministerpräsidenten Weil, Laschet, Schwesig und Söder und zahlreicher Bürgermeister nach Russland. Der gerade verstorbene Vizepräsident des Deutschen Bundestags Thomas Oppermann hatte freundschaftliche Beziehungen mit zahlreichen russischen Duma-Abgeordneten, die Fußballmannschaft des Deutschen Bundestags hat sich 2019 gleich zweimal mit der Mannschaft der Duma zum Fußballspielen getroffen. Bundespräsident Steinmeier ist mit dem Präsidenten der Universität Jekaterinburg persönlich befreundet. Daneben gibt es mit Matthias Platzeck und Ronald Pofalla auf der Ebene des Deutsch-Russischen Forums und des Petersburger Dialogs ständig einen sehr ambitionierten Austausch, und die Vertreter der Wirtschaft sind über den Ostausschuss und die Auslandshandelskammer in ständigen Gesprächen.

Wie kann man diese Beziehung wieder verbessern?

Die Bundesregierung müsste sich zunächst wieder etwas stärker gegenüber den USA emanzipieren, wie das Gerhard Schröder gemacht hatte. Wir müssten auch aufhören, den Russen ständig den moralischen Zeigefinger zu zeigen. In Russland laufen die Uhren anders. Beispielsweise entspricht der Umgang mit Homosexualität dem, was ich in meiner Jugend in Weyhe erlebt habe, als da noch von ,175ern’ und ,andersrum gepolten’ geredet wurde. Die gemeinsamen Interessen Russlands und Deutschlands sind riesig.

An welche denken Sie?

Neben den bekannten Themen der Energieversorgung sind der Klimaschutz und der Aufbau einer mittelständischen Wirtschaft und einer bäuerlichen Landwirtschaft gemeinsame Themen. Aber auch in der Sicherheitspolitik und der Außenpolitik in den nordafrikanischen und arabischen Staaten sowie Afghanistan brauchen wir Russland.

Die meisten Fahrzeuge in Russland produziert VW am Standort Kaluga, rund 190 Kilometer südwestlich von Moskau. Wie müssen wir uns den russischen Markt vorstellen?

Wenn Sie in Moskau und St. Petersburg unterwegs sind, sehen Sie überwiegend deutsche und asiatische Automarken.

Und auf dem Land?

Nur in der Provinz hat man gelegentlich noch überwiegend den Lada. Die meisten Russen wünschen sich ein neues schönes Auto. Ich habe nirgends soviel deutsche Oberklasse-Autos gesehen wie in Moskau. Porsche, Maibach, Bentley und Mercedes sind in der Innenstadt an jeder Ecke zu sehen. Und eben sehr viele VW. Als ich 2011 mit einer Gruppe junger Bundestagsabgeordneter das VW-Werk in Kaluga besuchte, sagte uns der damalige Werksleiter Dr. Baumert, dass man schon sehr gute Autos herstellen könne, aber es noch drei bis vier Jahre dauern würde, um den Wolfsburger Qualitätsstandard zu erreichen.

Und wie ist es heute?

Heute ist die Produktion in Kaluga auf demselben Niveau wie in deutschen Werken. Und Volkswagen tut dabei auch etwas für die zivilgesellschaftliche Entwicklung der Region. Die ca. 3 500 Mitarbeiterinnen (viele Führungskräfte sind Frauen) und Mitarbeiter lernen beispielsweise Projektmanagement und Mitbestimmung. Und damit entwickeln sie ein viel stärkeres Selbstbewusstsein, als das in russischen Unternehmen üblich ist.

Sie waren einst Bundestagsabgeordneter ohne Wahlkreis. Was waren für Sie die schönsten Momente?

Die Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler 1998 und die Rede von Präsident Putin im Bundestag 2001 waren sicherlich die absoluten Glanzpunkte. Aber das Gefühl einer von 260 SPD-Bundestagsabgeordneten zu sein, war, ohne dass es überheblich klingen soll, schon wirklich erhebend. Ich hatte aber auch viele kleine Erlebnisse, auf die ich stolz bin.

Können Sie Beispiele nennen?

Wenn ich mit politischer Überzeugungskraft einem kleinen Mittelständler zu einem Kredit verhelfen konnte und er damit seine Firma rettete oder wenn ich einem Deutschrumänen einen Arbeitsplatz besorgen konnte und damit die Existenz seiner Familie sichern konnte oder einen niedersächsischen Gymnasiasten aus einem iranischen Gefängnis holen konnte. Sehr schön war es auch, wenn ich zwei Mal im Jahr Besuchergruppen aus Weyhe und Hannover in den Bundestag einladen konnte und ihnen zeigen konnte, dass die Demokratie sich für alle Bürger lohnt.

Sie haben als ehemaliger niedersächsischer SPD-Landesgeschäftsführer viel Zeit mit Gerhard Schröder verbracht. Welchen Blick haben Sie heute auf seine Rolle als ehemaligen Ministerpräsidenten und Bundeskanzler?

Für mich ist Gerhard Schröder einer der allerwichtigsten deutschen Politiker. Die von vielen Sozialdemokraten kritisierte Agenda-Politik war Grundlage eines großen wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland, und die Arbeitslosenzahl konnte in den Folgejahren halbiert werden. Aber Gerhard Schröder ist bis heute auch ein großer Außenpolitiker.

Wieso?

Er hat mit Frankreich, China und Russland eine Achse begründet, die uns gegenüber den USA emanzipierte und uns vor einem Krieg im Irak bewahrt hat. Er hatte intensive Kontakte mit der Türkei und wollte erreichen, dass die Türkei in die EU aufgenommen wird und als demokratisches Vorbild für die Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten aufgebaut wird. Er hat der Kultur auf Bundesebene einen eigenen Minister gegeben und den Kulturhaushalt deutlich erhöht. Er hat Otto Graf Lambsdorff beauftragt, die Wiedergutmachung und Restitution mit den Juden abschließend zu verhandeln und hat das Holocaust-Mahnmal als Zeichen unserer Schuld gegenüber dem jüdischen Volk in Auftrag gegeben. Bereits als Ministerpräsident hatte er die Verhandlungen für einen Energie-Konsens begonnen und dann als Kanzler den Atomausstieg mit der Wirtschaft vertraglich vereinbart.

Wie geht es ihm?

Es geht ihm gut. Er treibt täglich Sport und ist bemerkenswert fit und hat immer noch mehr Politikverständnis als alle anderen Politiker, die ich kenne.

Als ehemaliger Export-Direktor von S.Oliver waren Sie viel in China unterwegs - Reicht der Einfluss von China bis nach Niedersachsen?

Ich war dabei, als 2014 der chinesische Präsident Xi die neue Seidenstraße von Sichuan nach Duisburg eingeweiht hat. Seitdem rollen wöchentlich Güterzüge durch Niedersachsen in den Duisburger Hafen. Seit acht Jahren arbeite ich zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover, Hannover-Impuls und vielen anderen Partnern an einem deutsch-chinesischen Gemeinschaftsprojekt, der „Gesundheitsstadt Yingkou“. Zur Umsetzung des Projektes habe ich zusammen mit einem chinesischen Partner eine Projektmanagementgesellschaft in Hannover gegründet und war vor Corona mehrfach in Yingkou. Im März nächsten Jahres kommt die Bürgermeisterin der Zwei-Millionenstadt Yingkou, um die Verhandlungen fortzusetzen. Es gibt große Chancen, dass wir das Projekt zu einem niedersächsisch-chinesischen Leuchtturmprojekt machen.

Wie nehmen Sie aus der Ferne die Entwicklung von Weyhe wahr?

In meiner Kindheit hatten wir in unserer Siedlung in Lahausen weder Kanalisation noch fließendes Wasser, sondern eine Schwengelpumpe im Garten und eine hauseigene Sickergrube. Die Volksschule Lahausen hatte zwei Gebäude und eine Toilette auf dem Schulhof, an deren Eingang eine Wasserschüssel mit Kaliumpermanganat-Lösung zur Desinfektion der Hände stand. Ins Gymnasium musste ich jeden Tag 10,4 Kilometer mit dem Fahrrad nach Syke und zurückfahren. Heute gibt es zwei mustergültige Schulzentren in Weyhe. Meine Mutter hat Mitte der 60er-Jahre im ersten Kindergarten in Leeste gearbeitet, heute gibt es über zehn Kitas. Von meinem Kinderzimmer konnte ich früher bei gutem Wetter den Bremer Dom sehen, heute ist das damals freie Feld von Bauer Rumsfeld mit einer Siedlung bebaut. Weyhe gilt heute mit Recht als eine der Vorzeige-Kommunen Niedersachsens.

Welchen Anteil haben der aktuelle Bürgermeister und seine Vorgänger daran gehabt?

Ich kenne alle Bürgermeister von Heini Klenke bis Frank Seidel persönlich. Mit Klenke und Andreas Bovenschulte war ich in Coulaines, mit Frank Lemmermann habe ich 1970 bei Fidi Kruse meinen Führerschein gemacht, und mit Reinhard Osterloh war ich im evangelischen Jugendkreis. Ich weiß, dass sie alle dafür gesorgt haben, dass Weyhe eine lebenswerte Gemeinde ist.

Am Donnerstag sind Sie Gast im Livestream der Leester Kirchengemeinde: Welche Erinnerungen haben Sie an ihre Konfirmandenzeit in Weyhe?

Ich habe außerordentlich gute Erinnerungen an die Konfirmandenzeit, Jugendkreis und Junge Gemeinde. Unser damaliger Diakon Herrmann Willemsen war ein toller Mann. Mit ihm war ich das erste Mal in Frankreich, er hat uns Toleranz gelehrt und mich politisiert. Wir haben in den Diskussionen mit ihm über Frieden, Freiheit und soziale Verantwortung gesprochen, eine kabarettistische Aufführung geplant und aufgeführt. Ich spielte die Rolle eines Hippies und hatte eine Perücke aus Flachs. Es war ein großartiges Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

Wie sehen Sie als ehemaliger SPD-Landesgeschäftsführer Niedersachsens den wachsenden Rechtsextremismus und die Rolle der AFD?

Die Entwicklung des Rechtsradikalismus ist weltweit besorgniserregend. Einen großen Anteil daran haben die Online-Medien. Es sind aber auch die normalen Medien, die vielfach in ihrem Mainstream-Journalismus hauptsächlich die Politik der demokratischen Parteien nur negativ kommentieren und wenig Verständnis für die Schwierigkeiten eines Interessenausgleichs und der langwierigen und schwierigen Meinungsbildung in der Demokratie aufbringen. Es ist aber auch die Große Koalition. Schon 1966 hat die Große Koalition nicht nur die APO zur Folge gehabt, sondern auch ein starkes Wachstum der NPD. Wir haben damals mit 200 Oberstufenschülern vor dem Hansa-Haus in Syke einen Sitzstreik gegen den NPD-Vorsitzenden von Thadden gemacht. Ähnliche Demonstrationen gegen die AfD würde ich mir heute auch verstärkt wünschen.

Sie haben in der Vergangenheit viele junge Menschen gecoacht. Was sollten Parteien Ihrer Meinung nach tun?

Ich würde mir von meiner SPD wünschen, dass sie wieder verständliche Visionen der Gesellschaft für das Jahr 2050 entwickelt. Wie soll die Arbeitswelt in 30 Jahren aussehen, wie wollen wir Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit, Umwelt, Völkerverständigung und Entwicklungshilfe mitgestalten? Und vor allem müssen wir den Jugendlichen und jungen Menschen Mitwirkungsmöglichkeiten und konkrete Projekte anbieten. Dafür könnten auch ein Coachingprogramm oder Mentoren und Motivatoren wie einst der evangelische Diakon Herrmann Willemsen eine wichtige Rolle spielen.

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