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Kulturpreis 2021 geht an Falko Weerts

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Von: Anke Seidel

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Botschafter der plattdeutschen Sprache: Falko Weerts.
Botschafter der plattdeutschen Sprache: Falko Weerts. Archi © Husmann

„Dat hett mi umhauen“, beschreibt Falko Weerts seine Reaktion auf die Nachricht, dass er den Kulturpreis 2021 des Landkreises Diepholz erhält. Landrat Cord Bockhop hatte ihn persönlich über diese Auszeichnung informiert. Nein, sagt er. Damit hätte er als passionierter Autor und Moderator, seit Jahrzehnten Botschafter der plattdeutschen Sprache, absolut nicht gerechnet.

Weyhe – Erst vor wenigen Wochen hat Falko Weerts seinen 80. Geburtstag gefeiert – man sieht und hört es ihm nicht an. Er steht mitten im Leben, besucht drei Mal in der Woche das Fitnessstudio und wird nicht müde, die plattdeutsche Sprache im Alltag lebendig zu halten. Und das bei allen nur denkbaren Gelegenheiten. „Kannst du mi mol helpen?“, so hört sich bei ihm eine Alltagsbitte an – schnörkellos und ohne ein distanziertes „Können Sie mir mal helfen?“

Denn Falko Weerts weiß, dass Plattdeutsch auch von denen verstanden wird, die nur Hochdeutsch sprechen. „Die plattdeutsche Sprache ist in vielerlei Hinsicht eine soziale Brücke.“ Die so typisch norddeutsche Mundart war praktisch von Geburt an seine Begleiterin. Durch sie hat er ganz besondere Menschen kennengelernt – und einen enorm großen Bekanntheitsgrad als Fernsehmoderator und Autor erreicht. Sein jahrzehntelanger, unermüdlicher Einsatz für das Plattdeutsche hat ihn nun zum Kulturpreisträger gemacht.

Gleichberechtigung der beiden Sprachen leben

„Ich kenne einige Mitglieder des Kulturbeirates“, schmunzelt er. Aber niemand habe ihm auch nur ein Sterbenswörtchen verraten. Am 29. Juni soll ihm die mit 7 500 Euro dotierte Auszeichnung offiziell überreicht werden. Eine gute Gelegenheit, signalisiert der Preisträger, die Gleichberechtigung der beiden Sprachen zu leben: Hoch- und Plattdeutsch. Dass sie für ihn zusammengehören, macht schon der Satz „Dat hett mi umhauen“ deutlich.

Er lebt die Integration des Plattdeutschen in den Alltag ganz bewusst: „Man kann es nicht retten, wenn man etwas erzwingt“, ist seine feste Überzeugung. „Das Grausen, dass die plattdeutsche Sprache ausstirbt, ist berechtigt“, betont der 80-Jährige. „Aber sie wird noch 50 bis 100 Jahre bestimmt bestehen“, fügt er voller Überzeugung hinzu – in dem Wissen: Ob dieser Zeitraum kürzer oder länger sei, das hänge von den Menschen ab.

Für ihn ist „das Glas halb voll und nicht halb leer“ – und er selbst hat Enormes zum Erhalt des Plattdeutschen beigetragen. Es ist ihm von Kindheit an vertraut. 1942 in Emden geboren, sprach die Großmutter väterlicherseits gern Platt mit dem kleinen Falko – die Großmutter mütterlicherseits aber lieber Englisch mit ihm: „Sie kam ja aus Südafrika“, klärt Falko Weerts auf über eine Zeit deutscher Vorfahren in den Kolonien.

Dreisprachig aufgewachsen

Der Junge wuchs sozusagen dreisprachig auf – und stieg nach der Schulzeit und dem Betriebswirtschaftsstudium in das väterliche Schiffsausrüstungsgeschäft ein. „In meinem ersten Leben“, schmunzelt der Kirchweyher. Denn die Werftenkrise hatte Folgen, die technische Schiffsausrüstung war nicht mehr gefragt – und Falko Weerts wechselte nach Bremen zur AG Weser. Aber auch dort machte die Entwicklung nicht halt. Sie führte Falko Weerts beruflich zur Deutschen Grammophon nach Hamburg.

Von dort ging es wieder zurück nach Bremen. Rund 25 Jahre arbeitete Falko Weerts bei Mercedes – viele Jahre davon im Personalwesen. Dort gehörte es zu seinen Aufgaben, Führungskräfte zu schulen. Wäre das auch in Plattdeutsch denkbar? Durchaus, schmunzelt Falko Weerts. Denn in Hochdeutsch könne eine solche Schulung schon arrogante Formen annehmen. Ganz nach dem Motto: „Ick weet dat beter as du.“

Bei der Lahauser Bühne

Aber ob Hoch- oder Plattdeutsch: Wichtig sei ein Umgang auf Augenhöhe. „Und die Menschen müssen das Herz auf dem rechten Fleck haben.“ Das müsse man öffnen, „und man muss ihnen auch was zutrauen“.

Dann spricht Falko Weerts von seinem „zweiten Leben“, das in den 1970er-Jahren bei der Lahauser Bühne begann. Dort spielte er im plattdeutschen Theater – voller Humor und mit viel Begeisterung. „Das war sehr schön!“

Gern erinnert er sich an seinen ehemaligen Chef bei Mercedes, der ihm eines Tages gesagt habe: „Du bist hier falsch. Du gehörst ins Showgeschäft.“ Dann sei er mit ihm zu Radio Bremen gefahren – und dort habe er seinen ersten Sketch für Buten und Binnen gedreht: über Schnee. Darauf sei dann der NDR aufmerksam geworden – und übertrug ihm schließlich die Moderation der beliebten Sendung „Talk op platt“. Für eine solche Position könne man sich nicht bewerben: „Da wird man gefragt.“ Mehr als 100 Sendungen moderierte Falko Weerts in den Jahren von 1994 bis 2006. Dann war Schluss.

„Talk op Platt“

Der ehemalige Moderator erinnert sich noch an das „harte Ringen um die Sendeplätze“, das zu einem unattraktiven Sendeplatz für „Talk op Platt“ führte. Doch noch heute würden sich Menschen an die Sendung erinnern, hat Falko Weerts erfahren.

Parallel dazu schrieb Falko Weerts plattdeutsche Geschichten mit ganz unterschiedlichen Themen. Zwölf Bücher hat er geschrieben. Und noch Zeit für eine besondere Aufgabe gefunden: Als Klinikclown „Placebo“ heiterte er zwei Jahrzehnte lang die kleinen Patienten in der Bremer Klinik Links der Weser auf – eine sehr bereichernde Aufgabe auch für ihn: „Kinder geben mehr zurück, als wir ihnen geben.“ Er selbst hat zwei Söhne und fünf Enkelkinder, die ihm viel Freude bereiten.

Wie auch scheinbar zufällige Begegnungen mit Menschen: Zur Philosophie von Falko Weerts gehört, dass solche Begegnungen kein Zufall sind, wenn diese Menschen einen anderen fördern oder sie inspirieren. In diesem Sinne sind sie also ein Geschenk.

Plattdeutsch im Podcast

Um die plattdeutsche Sprache geht es auch in unserem Podcast „Kreis und Quer“. Für die 25. Folge hat die Redaktion mit Menschen aus der Region gesprochen – und Erstaunliches herausgefunden. Plattdeutsch wird selbst in Südamerika und Kasachstan gesprochen, das englischsprachige Wort „town“ ist plattdeutschen Ursprungs und sogar Harry-Potter-Bücher gibt es auf Platt. Wie ein Plattdeutsch-Experte die Zukunft seiner Muttersprache sieht und warum zwei junge Menschen sich entschieden haben, die Sprache ihrer Großeltern zu lernen, das gibt es ab sofort zu hören in der neuen Podcast-Folge „Ist Plattdeutsch eine aussterbende Sprache?“ Zu finden auf YouTube, Spotify, Apple Podcasts und direkt hier im Artikel. Feedback und Anregungen gerne an podcast@kreiszeitung.de.

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