Befürchtungen der Autofahrer

Umwandlung von Haltestellen zu Buskaps: Politik mit geteilter Meinung

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Diese Bushaltebucht befindet sich in der Nähe des Henry-Wetjen-Platzes in Leeste.

Weyhe - Autofahrer befürchten Staubildungen, Freunde des Öffentlichen Personennahverkehrs sehen Verbesserungen, wenn Bushaltebuchten zugunsten von sogenannten Buskaps verschwinden. Dabei wird der Bordstein der Haltestelle an die Fahrbahn herangerückt. Das Ergebnis: ein barrierefreier Bussteig. Diese Umwandlung ist Teil des Maßnahmenpakets im Rahmen des Verkehrsentwicklungsplans, der im Rat beschlossen worden ist. Allerdings ist die Meinung zum Thema nicht nur unter Lesern, sondern auch in den Fraktionen des Weyher Rats und geteilt. Auch der ADAC hat eine Meinung zu dem Thema.

Update vom 20. Januar 2020: Buskaps haben laut ADAC im Gegensatz zu Busbuchten folgende Vorteile: Sie ermöglichen eine schnellere An- und Abfahrt, da der Bus direkt am Kap zum Stehen kommt und von dort auch schneller wieder rausfahren kann und nicht durch den Kfz-Verkehr behindert wird“, sagt Unternehmenssprecherin Katharina Lucà aus dem Ressort Kommunikation und Redaktion auf Anfrage der Kreiszeitung. 

Der ADAC sieht laut Lucà für den ÖPNV „Fahrzeiteinsparungen“. Mit niveaufreiem Einstieg dienen die Kaps auch der Barrierefreiheit. Gegenüber einer Busbucht braucht ein Kap auch nur etwa halb so viel Platz zur Einrichtung. Kaps bieten mehr Fläche für wartende Fahrgäste und Radwege können in der Regel erhalten bleiben, da sie meist hinter den Wartebereichen vorbeigeführt werden. 

Das ist ein Buskap an der Leester Straße. Dort fahren Radfahrer direkt durch die Haltestelle.

Laut ADAC könnte ein Buskap auch eine schlechte Lösung sein. „Ein Nachteil ergibt sich lediglich, wenn der Bus sich lange an der Haltestelle aufhält und bei hochbelasteten einstreifigen Fahrbahnen (z.B. Grünen Wellen). In diesen Fällen wäre die Bucht die bessere Lösung.“

Originalartikel vom 17. Januar 2020: Zu den Buskaps-Befürwortern zählen die Sozialdemokraten. Im Rahmen von Diskussionen in Facebook-Gruppen hatte Katrin Kurtz, Vorsitzende des Ausschusses für Bau, Planung und Umwelt, mehrfach Stellung bezogen und wurde nicht müde, die Vorteile des Vorhabens zu schildern. Auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Rainer Zottmann sieht eine Verbesserung in Sachen Verkehrssicherheit. Es gehe um den Schutz von schwächeren Verkehrsteilnehmern – das sind Radfahrer und Fußgänger. Das macht Zottmann deutlich.

Die SPD betont in ihrer Antwort an diese Zeitung, „den Umstieg vom eigenen Auto aufs Fahrrad“ oder „in den ÖPNV“ fördern zu wollen. „Ein attraktiver ÖPNV entlastet unsere Straßen.“ Zottmann weist darauf hin, dass Haltestellen der Bürgerbuslinie 117 und der Linien 120/N12 längst Buskaps seien. „Damit haben wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Um ein echtes Verkehrshindernis, welches viele Autofahrer befürchten, zu sein, fahren diese Busse leider viel zu selten.“

Buskaps sind laut dem SPD-Fraktionsvorsitzenden grundsätzlich sicherer, weil sie das Einscheren des Busses in den Fließverkehr überflüssig machen. „Jeder Autofahrer und Busfahrer kennt die Unsicherheit dieser Situation: Vorbeifahren im letzten Moment. Abbremsen. Auch für die Fahrgäste bedeuten die Buskaps mehr Sicherheit: Abruptes Bremsen mit Sturzgefahren im Bus wird vermieden.“ Die Buskaps ermöglichen den Bussen tatsächlich, am Bordstein zu halten und so das Einsteigen zu erleichtern. In Buchten gelingt das Heranfahren an den Bordstein insbesondere für die großen Busse nur, wenn die Buchten deutlich länger sind als die vorhandenen. Alle anderen Verkehrssituationen verschärfen sich nicht: unachtsame Passanten, waghalsige Überholmanöver oder Vorbeifahrten.

Die gewonnenen Flächen an den umgewandelten Bushaltebuchten lassen sich für Wartehäuschen nutzen; Fahrradständer können für Umsteiger aufgebaut werden. „Die SPD-Fraktion steht hinter dem Verkehrsentwicklungsplan, der als strategische und theoretische Grundlage die Weichen für die Verkehrsentwicklung in den nächsten zehn Jahren richtigstellen soll.“

Diese Bushaltebucht befindet sich in Melchiorshausen an der Waldkater-Kreuzung. Dort macht schon mal ein Busfahrer Pause.

Jede einzelne Maßnahme sei aber in ihrer praktischen Umsetzung sorgfältig zu prüfen und planen, findet der Sozialdemokrat. Bezogen auf die Bushaltestellen bedeute dies, dass neben einer generellen Bewertung der Maßnahmen jede einzelne Bushaltebucht auf ihre Eignung für einen Umbau geprüft wird. Die Bushaltestelle Westermoor sei wegen ihrer Nähe zum Doppelknoten (Hauptstraße, Leester Straße, Alte Poststraße) und dem dortigen starken Verkehrsaufkommen anders zu bewerten als die Haltestelle am Leester Friedhof.

„Wir erwarten, dass die Verwaltung derartige Prüfungen vornimmt, das Ergebnis am Ende im öffentlich tagenden Bauausschuss zur Diskussion vorlegt.“ Zottmann hält auch eine Prioritätensetzung durch den Rat für möglich.

Mehrere Internet-Nutzer hatten sich kritisch geäußert (wir berichteten). Der Geduldsfaden der Autofahrer würde reißen, hieß es. Außerdem befürchten sie haarsträubende Situationen aufgrund des Gegenverkehrs. Annika Bruck, Fraktionsvorsitzende der Grünen, gibt sich gelassen. „Ich gehe fest davon aus, dass die allermeisten Autofahrer die Straßenverkehrsordnung einhalten und hinter den Bussen warten werden, wenn sie nicht in Schrittgeschwindigkeit an dem Bus vorbei kommen. Einzelne Autofahrer verlieren jetzt schon die Nerven, zweifelhafte Gründe finden diese Personen meistens.“

Und wenn ein Bus länger halten muss, weil am Monatsanfang Fahrgäste Karten kaufen? „Im Zuge der Digitalisierung wird auch der Kauf von Fahrkarten im Bus sicher weiter zurückgehen“, so Bruck. Und sie schließt sich den Argumenten Zottmanns an: „Aber ja, manchmal wird der Autofahrer zugunsten der Barrierefreiheit, der Verkehrssicherheit für den ÖPNV und der sicheren Überquerung für Fußgänger warten müssen.“

Der Verkehrsentwicklungsplan bevorzugt laut Bruck nicht mehr wie bisher das Auto, sondern versucht, alle Verkehrsmittel gleich zu stellen. „Nun haben Buskaps viele Vorteile für andere Verkehrsteilnehmer und sind auf einer Straße mit 36 000 Autos pro Tag noch möglich, wenn der Takt der Busse unter zehn Minuten bleibt. Wir sind in Weyhe auf allen Straßen von dieser Verkehrsmenge weit entfernt, die Linienbusse in Weyhe fahren auf den Strecken hauptsächlich im Stundentakt.“

Für die Grünen ist der Umbau der Haltestellen Hagener Straße und Westermoor „sehr wichtig“. Durch die Nutzung der bisherigen Busspur könne die Fahrbahn verschwenkt werden. „Es entsteht zusätzlicher Platz für eine Mittelinsel. So lässt sich die Straße von Fußgängern besser überqueren“, sagt Bruck. Alternativ müsste man an diesen Stellen sicherlich über eine Ampel oder mindestens einen Zebrastreifen nachdenken, dies würde noch deutlich häufiger zu einer Wartezeit für Autos führen, ergänzt Bruck.

Dietrich Struthoff, Fraktionsvorsitzender der CDU, will „keinen Verkehrskollaps“. Der Rat habe nur ein Konzept beschlossen, „sonst nichts“. Dem Konzept hat die CDU zwar zugestimmt, laut Struthoff aber immer betont, „dass sie einen Rückbau der Haltestellen an den Hauptverbindungsstraßen ablehnt“. Leeste hat keine Umgehungsstraße, und der ganze Hauptverkehr liege auf Hauptstraße, Leester Straße und der Alten Poststraße. Die CDU Fraktion sagt zu diesem Rückbau der Haltestellen an den Hauptverkehrsadern „Nein“. Jede Wohnung in einem Neubaugebiet bringt weitere sechs Verkehre am Tag. Die Bürger müssen diese Straßen nutzen, um zur Arbeit und zum Einkaufen zu fahren. „Den Anliegern ist nicht der stehende Verkehr vor der Haustür zuzumuten.“

Die Haltestellen-Umwandlung sieht Antje Sengstake, Fraktionsvorsitzende der FDP, deshalb kritisch, weil die Hauptstraße zu Rushhour-Zeiten nur ein Schleichen von Ampel zu Ampel zulässt und man mehr steht als fährt. „Es sollen ja nicht gleich alle Haltestellen als Buskap umgebaut werden, und man kann mit einer erst einmal Erfahrungen sammeln.“ Der Autofahrer wird sich auf rücksichtsvolles Fahren einstellen müssen.

Sengstake gibt Autofahrern den Tipp, öfter mal aufs Fahrrad zu steigen, mehr Zeit einzuplanen und ein wenig Gelassenheit an den Tag zu legen. „Der Plan ist ja nicht in Stein gemeißelt, und wenn, wie ich befürchte, sich der Verkehr in die Nebenstraßen verdrückt, muss nachgebessert werden.“

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