Null Berufsorientierung in Corona-Zeiten

Ausbildungs-Experten beklagen aktuelle Lage: Vor allem Praktika fehlen

Teilnehmer eines Zoom-Meetings
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Die SPD-Bundestagskandidatin Peggy Schierenbeck (Bild oben links) war Gastgeberin des ersten virtuellen „Expertentalks“ in ihrem Wahlkreis zum Thema Ausbildung in Zeiten der Pandemie.

Ausbildungsexperten sind sich einig: Wer lernt, braucht ein fachkundiges Gegenüber – aus Fleisch und Blut, nicht am Bildschirm.

Landkreis Diepholz – im ersten digitalen „Expertentalk“, den die SPD-Bundestagskandidatin Peggy Schierenbeck für den Wahlkreis Diepholz-Nienburg 1 organisiert hatte, sprachen 23 Ausbildungs-Experten miteinander, tauschten sich aus. Der Brennpunkt: Berufsausbildung in der Pandemie.

Sie sind sich an diesem Abend einig: Vor allem die Berufsorientierung leidet in Corona-Zeiten. Weil sie elementar ist für Schüler bei der Wahl ihrer Ausbildung, muss sie intensiviert werden. Vor allem aber müssen die Eltern einbezogen werden, fasst es Peggy Schierenbeck am Ende zusammen. Zu Beginn der virtuellen Konferenz hat sie sich als Unternehmerin mit 26-jähriger Erfahrung vorgestellt. Sollte sie für die SPD in den Bundestag gewählt werden, will sie sich vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen einsetzen. Genau die gelten als Rückgrat der Ausbildung – auch in Zeiten der Pandemie.

Als Vorsitzender des Diepholzer Kreisverbands im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) stellt Matthias Müller jedoch fest: „Die Ausbildungsplatzsituation ist stark rückläufig, das hat nichts mit Corona zu tun.“ Laut einer Studie von IG Metall und DGB sei die Zahl der Ausbildungsplatz in zwölf Jahren um 11,3 Prozent gesunken. „Die Krise hat das Ganze verschärft“, so Müller.

Über die Zahl ist David Nordmann, Personalleiter der Twistringer Firma Funke, zutiefst erstaunt: „Ich höre nur, dass Auszubildende händeringend gesucht werden.“ Grundsätzlich, so stellt er fest, liege das Problem der Wissensvermittlung in der Schule: „Homeschooling ist definitiv kein Ersatz.“

Dem Leiter der IHK-Geschäftsstelle im Landkreis Diepholz, Constantin von Kuczkowski, ist eines besonders wichtig: die Attraktivität der dualen Ausbildung zu steigern. In Zeiten der Pandemie sei das aber fast unmöglich: „Wenn alles zu ist und die Betriebe können keine Praktika anbieten, ist es wahnsinnig schwer für Schüler, sich zu entscheiden.“

Andreas Raetsch, IHK Hannover, weiß: 30 Prozent der Studierenden brechen noch im ersten Semester ab. „Die müssen wir unbedingt einfangen“, betont er. Deshalb biete die IHK bereits das Programm „Umsteigen statt aussteigen“ an. Ohnehin gelte mittlerweile: „Zeugnisse sind nicht mehr so wichtig. Wichtig ist die Person, die sich vorstellt.“ Punkt eins sei in jedem Fall die Berufsorientierung. Aber: „Es gibt null Berufsorientierung in Corona-Zeiten.“

Für das Handwerk sei das Praktikum ein wesentlicher Faktor, so Patric Rasche als Vize-Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Diepholz-Nienburg. Er habe im Augenblick das Gefühl: „Ganz, ganz wenige machen sich auf, um einen Ausbildungsplatz zu suchen.“ Deshalb plädiert er für eine Nachvermittlungsaktion bei der Ausbildung Anfang 2022.

Dass am Berufsbildungszentrum Diepholz die Berufsorientierung eine große Rolle spielt, stellt BBZ-Direktorin Birgitt Kathmann an konkreten Beispielen klar. Zurzeit werde ein Konzept entwickelt, „wie wir Schüler noch besser beraten können“. Julian Kriete schildert, wie er als Schüler schon früh die vielfältigen Angebote zur Berufsorientierung erlebt hat.

Dass genau die während der Corona-Zeit brach liegt, ist für Darya Vurgun vom Weiterbildungszentrum „taff“ ein Problem: „Was macht ein Zerspanungsmechaniker oder ein Industriemechaniker? Die Schüler sollten das wissen, aber sie haben keine Ahnung.“

Auf neue Auszubildende hofft Malte Clasen, Unternehmer in der Veranstaltungsbranche: „Wir hatten in diesem Jahr keine Bewerbung!“ Wegen Corona liegt der Betriebsalltag seit einem Jahr am Boden „Uns fehlen 100 Prozent der Auszubildenden“, klagt Clasen. Auch Luca Schlesselmann aus Asendorf hätte gern mehr Auszubildende für seinen Betrieb.

„Das Fehlen von Praktika ist ein ganz großes Problem“, bestätigt Volker Twachtmann Das sieht Ludolf Ros-hop, Hotelier und IHK-Vizepräsident, ganz genauso. Er habe erstmals einen Koch ohne Praktikum eingestellt. Ob Beruf und Leistung passen, stelle sich nun erst in der Probezeit heraus. Roshop beklagt vor allem Defizite junger Menschen beim Rechnen und Schreiben – Fähigkeiten, die in der Gastronomie von enormer Bedeutung sind.

Tischlermeister Axel Bösche ist überzeugt: „Wir müssen mit den Schulen viel mehr zusammen arbeiten.“ Außerdem plädiert er dafür, die Ausbildungszeit zu verlängern, um die Qualität zu steigern. Dazu gebe es einen wichtigen Faktor, der nicht zu unterschätzen sei: „Das erste Vertrauensverhältnis besteht zu den Eltern.“ Deshalb spielen sie bei der Berufswahl eine große Rolle.

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