Nicht erst, wenn die Hütte brennt

Verein Sprachlos informiert über sexuelle Gewalt bei Kindern und Schutzkonzepte

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Stefan Freck und Ingelore Groß mit Therapiehund Pekka.

Schwerer Kindesmissbrauch und Vergewaltigung in mindestens 17 Fällen werden derzeit einem 46-Jährigen aus dem Kreis Segeberg vorgeworfen. Der Mann ist nicht nur Sozialpädagoge, bis vor Kurzem war er sogar Leiter einer Cuxhavener Einrichtung für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. Dieser Fall, aber auch bereits viele Verurteilte in diesem Bereich, zeigen: Sexueller Missbrauch von Kindern ist keine Seltenheit in Deutschland.

Landkreis - Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass nur Erwachsene übergriffig werden. Auch unter Kindern kann es zu sexuellen Handlungen kommen, Stichwort: Doktorspiele. Aber wo hört sexuelles Erkunden auf und wo fängt sexueller Missbrauch an? Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich Ingelore Groß und Stefan Freck vom Verein Sprachlos aus Weyhe. Sie sagen: „Doktorspiele sind Teil des Alltags in Kitas und Schulen.“

Verein Sprachlos will Präventionsangebote an Schulen und Kitas im Landkreis Diepholz umsetzen

Und genau an diesen Einrichtungen will der Weyher Verein sich verstärkt einbringen. Oft hätten sie Kontakt zu Opfern von sexueller Gewalt, berichten die beiden Ehrenamtlichen. Sei es, dass die Übergriffe von Erwachsenen oder von Kindern ausgehen. Sprachlos will nun proaktiv Präventionsangebote an Schulen und Kitas im Landkreis Diepholz umsetzen. Es geht um institutionelle Schutzkonzepte, oder anders gesagt: Maßnahmenpakete. Diese würden an viele Einrichtungen bisher nicht existieren. Es herrsche „viel Ratlosigkeit“, wenn es zu Fällen sexueller Grenzüberschreitunge komme.

Mit Stefan Freck ist Ende 2018 ein Experte auf dem Gebiet der Prävention zum Verein hinzugestoßen. Der gebürtige Weyher hat sich zuletzt einen Ruf in Köln gemacht, wo er als Berater Präventions- und Interventionsangebote im Bereich der sexuellen Gewalt umgesetzt hat. Jetzt will er, zurück in seiner Heimat, die politischen Maßgaben umsetzen, die bereits 2016 gefasst wurden. Da sprachen sich nämlich der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, und der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz für Schutzkonzepte in allen Bundesländern aus.

Konkret möchte der Verein, der bereits 2009 für seine Verdienste von der Gemeinde ausgezeichnet wurde, auf die Träger der Betreuungseinrichtungen vor Ort zugehen und zusammen mit ihnen Präventionskonzepte erarbeiten. So wie derzeit etwa an der Grundschule in Erichshof. Freck berichtet von einem Gespräch mit der Schulleitung vor einiger Zeit. Da habe es geheißen: „Wir müssen da dran, wir wissen aber nicht wie.“

Und genau an dieser Stelle kommt Sprachlos mit seinem Fachwissen hinzu. Dann könne es schon mal ein Jahr dauern, bis das Konzept steht und die Schulungsmaßnahmen beginnen, so Freck.

Doch nicht überall stoßen die Angebote des Vereins auf Gegenliebe. Viele Schulleitungen würden eine offene Abneigung gegenüber Sprachlos zeigen, so die beiden Ehrenamtlichen. Eine Haltung, die Ingelore Groß nicht fremd ist. Als sie den Verein unter anderem zusammen mit der dritten Mitarbeiterin in Weyhe, Inka Stenzel-Fürle, vor über 30 Jahren gründete, sei sexuelle Gewalt noch ein Tabuthema gewesen.

Trotz der jahrelangen Präsenz ist Sprachlos auch heute noch nicht sonderlich bekannt im Landkreis. Um das zu ändern, soll es im September zwei Info-Veranstaltungen geben, zu der alle Interessierten eingeladen sind, die haupt- oder nebenberuflich mit der Betreuung von Kindern zu tun haben. Zusätzlich fordert der Verein von der Landesschulbehörde eine konkrete Vereinbarung zur Installation von Schutzkonzepten an Kitas und Schulen. „Es fehlt komplett der Rahmen dazu“, moniert Stefan Freck. „Da herrscht völlige Unklarheit.“

Am Ende macht er es kurz und knapp: Im Grunde wollen er und seine Kolleginnen „nicht erst angefragt werden, wenn die Hütte brennt.“

Und falls das doch mal der Fall ist, gibt es immer noch Pekka. Denn wenn es zu einem sexuellen Missbrauch kommt, braucht es vor allem eins: Einfühlungsvermögen. Und neben Ingelore Groß, die in diesem Fall hinzugezogen wird, hat diese Empathie in ganz besonderem Maß auch ihr mittlerweile zwölfjähriger Australian Shepherd. Wenn die Kinder nicht von ihren Erfahrungen erzählen möchten, dann gehe sie manchmal einfach aus dem Raum, so Groß. Die Kinder können die schrecklichen Erfahrungen dann dem Therapiehund erzählen und sich ein wenig die Last von der kleinen Seele reden. Da macht es auch nichts, dass Pekka seit einigen Jahren fast taub ist. Die Informationen sind dann besonders sicher.

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